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Troia - umkämpfter Wächter über die Dardanellen

Ein alter Brief in neuer Interpretation wirft ein überraschendes Licht auf die realen Hintergründe der Berichte in Homers "Ilias".


Eine gefährliche Liebschaft bildet den Hintergrund der Ilias Homers: Paris raubt Helena und löst damit den Troia­nischen Krieg aus. Nun mögen schöne Frauen gelegentlich Anlass gewalttätiger Auseinandersetzungen gewesen sein, doch Kriege hatten meist handfestere Ursachen. So dürften auch hinter dem Untergang des historischen Troia um 1180 v. Chr. in Wahrheit schlicht wirtschaftliche Gründe stecken. Das und anderes mehr lässt sich jedenfalls einem tönernen Keilschriftbrief entnehmen, der vor kurzem neu interpretiert wurde.

Diese Tontafel (unter der Nummer KUB 26.91 registriert) war 1906/07 in der ehemaligen hethitischen Hauptstadt Hattusa (heute Boazköy, etwa 130 Kilometer östlich von Ankara) ausgegraben und 1928 von dem Schweizer Altorientalisten Emil Forrer übersetzt und publiziert worden. Sie gehörte offenbar zur Korrespondenz zwischen dem hethitischen Großkönig und dem Herrscher von Achijawa, einem griechischen Reich, das Forrer vier Jahre zuvor im Archiv Hattusas erstmals aufgefallen war.

Der Altanatolist Frank Starke von der Universität Tübingen, der den Brief nun neu bearbeitet hat, datiert ihn anhand paläographischer Merkmale auf die Mitte des 13. Jahrhunderts vor Christus. In jener Zeit erstreckte sich das Reich der Hethiter, Einflussgebiete und Vasallenstaaten mitgezählt, von der kleinasiatischen Ägäisküste bis nach Nordmesopotamien und Nordsyrien. Lediglich um Milet hielt sich ein Territo­rium achijawischer Kultur.

Offenbar standen die Korrespondierenden schon seit längerem in Kontakt, denn Bezugnahmen auf frühere Schreiben belegen, dass der Brief Teil eines Schriftwechsels war. Die Anrede des Adressaten als "mein Bruder" bedeutete im diplomatischen Vokabular jener Zeit: Hier kommunizierte Großkönig mit Großkönig. Das Besondere des neu bearbeiteten Briefes aber ist: Starke schloss aus Eigentümlichkeiten des Stils, dass weder Hethitisch noch das im westlichen Kleinasien verbreitete Luwische die Muttersprache des für den Absender tätigen Schreibers gewesen war. Anders als vor ihm Forrer kommt der Tübinger Forscher deshalb zu dem Schluss, dieser Brief sei von Achijawa nach Hattusa, nicht umgekehrt, geschickt worden.

Dies ist eine kleine wissenschaftliche Sensation; denn bislang gab es kein Keilschrift-Dokument des Reiches Achijawa, also keinen Brief von West nach Ost. So vermittelt dieses Schreiben einen Einblick in die politische Welt des 13. Jahrhunderts vor Christus, in der Hethitisch und Luwisch die gebräuchlichen Diplomatensprachen waren und die Keilschrift so selbstverständlich benutzt wurde, dass auch die Griechen, ja sogar die Pharaonen Ägyptens ihre internationale Korrespondenz darin abfassen ließen.

Schreibfehler verbarg wahre Bedeutung

Spannender noch ist, dass Starke – im Verein mit anderen Forschern, die sich seiner Deutung anschließen – nunmehr sicher ist, Achijawa genau lokalisieren zu können. Forrer hatte schon 1924 den Verdacht geäußert, dieses Reich sei identisch mit dem Land der Achaier, wie Homer die aus Griechenland kommenden Gegner Troias bezeichnet hatte. Dieser Vermutung widersprach der Indogermanist Ferdinand Sommer 1932 jedoch derart vehement, dass er Forrers wissenschaftlichen Ruf vernichtete und dessen These bis Anfang der 1980er Jahre in Verruf brachte. Seitdem ist die Liste der Indizien für eine solche Identifikation und damit die Zahl der Befürworter von Forrers These freilich ständig gewachsen.

Starkes Neuinterpretation des Briefes liefert nun den letzten Beweis. Dass der Schreiber offenbar nicht in Kleinasien beheimatet war, stützt bereits die These von der Lokalisierung auf dem griechischen Festland. Vor allem aber: Der Brief erwähnt einen Vorfahren des Absenders namens KA GA MU. Diese drei Silbenzeichen ließen den Altanatolisten aufmerken, denn den Regeln des Hethitischen hätte allenfalls ein KA GA MU WA entsprochen.

Deshalb unterstellt Starke dem – wohlgemerkt nicht muttersprachlichen – Schreiber einen kleinen Fehler: Dieser vergaß, einen weiteren Keil, also einen einzelnen senkrechten Endstrich, zu setzen. Die Korrektur macht aus GA ein TA, wobei in der hethitischen Keilschrift "T" für "D" steht. Damit liest sich der Name orthografisch korrekt als KA TA MU beziehungsweise "Kadmos" (die griechische Endung "os" erscheint im Hethitischen als "u"). Kadmos aber war der mythische Gründer Thebens. Bedenkt man ferner den offenkundig hohen Rang des Absenders, legt dieser Befund nahe, dass das in Mittelgriechenland gelegene Theben, nicht Mykene, im 13. Jahrhundert vor Christus das Zentrum der Macht in Griechenland war. Dem entspricht auch ein Archiv griechisch-mykenischer Tontäfelchen in Linear-B-Schrift, das 1993 bei Bauarbeiten im modernen Theben entdeckt wurde – Dokumente, die diese Stadt in der Bronzezeit als zumindest territorial bedeutendes Königreich mit Verbindungen bis zum kleinasiatischen Milet ausweisen.

Damit werden auch manche Eigentümlichkeiten der Ilias verständlich. Zum Beispiel rätselten die Homer-Forscher lange über die Liste der griechischen Länder, die Schiffe für den Krieg gegen Troia entsandten. An erster Stelle steht nämlich nicht die Heimat des Heerführers Agamemnon, Herrscher der mykenischen Residenz Argos auf dem Peloponnes und Schwager der geraubten Helena. Den "Schiffskatalog" führt vielmehr Böotien an, dessen Hauptstadt Theben war; von seinem Hafen Aulis aus stachen die 1186 Schiffe in See.

Doch noch mehr verrät der Brief des Herrschers von Achijawa (oder Achaia): Dieser zeigt sich vertraut mit Vorgängen im Einflussbereich der Hethiter, die 150 Jahre zurücklagen. Offenbar hatten also schon damals diplomatische Kontakte bestanden. Aber nun, im 13. Jahrhundert vor Christus, ist das diplomatische Klima zwischen den Machtblöcken deutlich abgekühlt, ja das Wort Feindschaft fällt.

Streit um strategisch wichtige Inseln

Der Grieche bezieht sich auf ein früheres Schreiben des hethitischen Kollegen, vermutlich Hattusili II. (er herrschte etwa 1265-1240 v. Chr.). Dieser beanspruchte offenbar drei Inseln für sein Reich; der Herrscher von Achijawa lehnt das aber ab. Er beruft sich auf Rechte, die jener Kadmos durch Verheiratung einer Tochter mit dem König des Reiches Assuwa, damals Besitzer der Inseln, erworben habe. Dieses Assuwa ist nach heutigem Wissen ein Vorläuferstaat von Troia (bei Homer auch "Ilion" genannt), das mit dem in Keilschrifttexten erwähnten "Wilusa", Mitglied des föderal organisierten hethitischen Großreichs, identifiziert wird (Spektrum der Wissenschaft 7/2000, S. 64).

Hält man sich die strategisch günstige Lage an den Dardanellen vor Augen – Troia erlangte Reichtum, weil Schiffe an seinen Gestaden auf günstigen Wind warten mussten –, deutet dieser Brief einen handfesten Konflikt zwischen den Machtblöcken an. Die Passage durch die Meerenge ermöglichte den Zugang nach Thrakien und zur Donauregion beziehungsweise zum Schwarzen Meer. Die umstrittenen Inseln – vermutlich Imbros (Gökçeada), Lemnos und Samothrake – boten eine Kontrolle der Zufahrt von Westen her. Wären sie Hattusa zugesprochen worden – oder näher liegend dessen potentem Vasallen Troia/Wilusa –, wäre ein Durchfahren der Dardanellen für Gegner des hethitischen Reiches schwer möglich geworden. Jüngste Grabungen auf Lemnos und Imbros brachten tatsächlich mykenische Funde ans Licht, möglicherweise das archäologische Pendant zum Schriftwechsel.

Mag Helena auch die schönste Frau ihrer Zeit gewesen sein – falls es einen oder mehrere Kriege um das historisch belegte Troia gegeben hat, wurden sie wohl um profane Dinge wie Wegerechte geführt. Ein Kandidat ist die als Troia VIIa (etwa 1300-1180 v. Chr.) bezeichnete Siedlungschicht. Bis vor kurzem galt sie noch als unbedeutend im Vergleich zum spätbronzezeitlichen Troia VI, das ein Erdbeben um 1300 v. Chr. zerstört hatte. Doch die Neudatierung einiger dieser Siedlungsschicht zugeschriebener mächtiger Türme und Bastionen – zum Beispiel anhand von Keramikscherben im Füllmaterial – sowie eine Neuinterpretation verschiedener Gebäude im Palastbereich als Lagerhäuser durch den Tübinger Archäologen Ralf Becks haben dieses Bild verändert: Troia VIIa war ein weithin sichtbares Monument der Macht, größer noch als sein Vorgänger. Deshalb nimmt es nicht wunder, dass Hattusa daran interessiert war, das kleine Reich mit der günstigen Lage an den Dardanellen um 1300 v. Chr. formal durch einen Staatsvertrag (bekannt als Alaksandu-Vertrag) in seine Förderation aufzunehmen.

Umgekehrt bedeutete das natürlich auch Waffenhilfe für Troia/Wilusa, und die war bitter nötig. Allerdings bedrohten nicht die Achijawer selbst die Stadt, sondern sozusagen stellvertretend ein Heerführer namens Pijamaradu. Der entstammte der Dynastie eines besiegten Erzfeindes der Hethiter in Westkleinasien, dem Herrscher von Arzawa. Nicht nur hatte Achijawa diesem und seiner Familie Asyl gewährt, es duldete auch, dass Pijamaradu ab etwa 1290 v. Chr. von Milet aus – dem Brückenkopf Achijawas in Kleinasien – Staaten an der Küste, darunter auch Wilusa, attackierte.

Ein Pirat als Schachfigur

Dieser Freibeuter war Gegenstand eines wohl ebenfalls um 1250 v. Chr. verfassten Schreibens. In diesem so genannten Tawaglawa-Brief an den König von Achijawa bestätigt Hattusili II. zwar, die Feindschaft um Troia sei beigelegt, doch warnt er auch: "Ein Krieg wäre nicht gut für uns." Und er fordert den Griechen definitiv auf, den Heerführer Pijamaradu auszuliefern oder ruhig zu stellen.

Welcher Brief der ältere ist, weiß man noch nicht. Der Gräzist und Homer-Forscher Joachim Latacz von der Universität Basel betont, die Schreiben zeigten bisher lediglich zwei Streitpunkte zwischen den beiden Großmächten des 13. Jahrhunderts auf. Doch auch wenn es reine Spekulation ist (der die Minderheit der Gegner eines bronzezeitlichen Machtzentrums Troia heftig widersprechen dürfte): Sofern beide Briefe tatsächlich etwa zeitgleich entstanden sind, liegt der Verdacht nahe, dass Wilusa mit Rückendeckung Hattusas danach strebte, seinen Einfluss auf die drei Inseln westlich der Dardanellen auszudehnen. Pijamaradu oder eine Streitmacht der Achijawer stoppten diese Expansion, und die Diplomaten beider Seiten hatten ihre große Stunde.

Ob der König von Achijawa dem marodierenden Heerführer schließlich die Unterstützung entzog, um Hattusa entgegenzukommen, ist nicht bekannt. Am Ende verloren alle Beteiligten, und die Geschichte rollte über die Großmächte und ihre Verbündeten hinweg: Um 1200 v. Chr. vergingen die Paläste der my-kenisch/achijawischen Kultur im Feuer, und in Griechenland begann das "Dunkle Zeitalter" (Spektrum der Wissenschaft Spezial 2/2003, S. 24); auch die Städte der hethitischen Gliedstaaten an der klein­asiatischen Küste brannten. Ägyptische Berichte machten aggressive "Seevölker" dafür verantwortlich, doch deren Identität ist bislang ungeklärt. Etwa zur gleichen Zeit zerfiel das hethitische Großreich wegen innerer Machtkämpfe der Königsfamilie; Hattusa wurde verlassen.

Troia VIIa endete um 1180 v. Chr., den archäologischen Funden nach durch eine militärische Niederlage; um 1000 v. Chr. verlieren sich die letzten Besiedlungsspuren. Es sollte gut 200 Jahre dauern, bis griechische Kolonisten den Ort wieder nutzten. Einer von ihnen, der Dichter Homer (etwa 770-700 v. Chr.), verknüpfte Mythen und Legenden mit dem Eindruck der mächtigen Ruinen und schuf so das erste literarische Werk des Abendlandes.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 10 / 2003, Seite 72
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
10 / 2003

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 10 / 2003

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