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TSUNAMI

Viele Meter hohe Wellen bedrohen Jahr um Jahr gefährdete Küsten. Ihre Gewalt wird man zwar auch künftig nicht bändigen können, doch eine frühzeitige Warnung könnte Menschenleben retten.


Die Sonne war erst vor wenigen Minuten untergegangen, und das Dämmerlicht verblaßte allmählich an der Nordküste von Papua-Neuguinea. An jenem 17. Juli 1998 erwarteten die Bewohner der kleinen Orte auf der friedlichen Nehrung zwischen der Lagune von Sissano und der Bismarcksee einen ruhigen Freitagabend. Doch tief unter ihren Holzhütten hatten gewaltige Kräfte über Jahre hinweg eine Spannung im Gestein aufgebaut, die sich plötzlich innerhalb weniger Minuten in einem Erdbeben der Stärke 7,1 entlud. Um 18:49 Uhr erfaßte die Haupterschütterung die Küste auf einer Breite von 30 Kilometern. Das Epizentrum befand sich in der Lagune, nur etwa 20 Kilometer vom Land entfernt. Plötzlich wurde der Ozeanboden vor der Küste deformiert, die Meeresoberfläche warf sich zu Wellen auf – ein Tsunami entstand.

Ein Augenzeuge, der Oberst im Ruhestand John Sanawe, der in Arop, in der Nähe des Südostendes der Nehrung, wohnte, erzählte später Hugh Davies von der Universität von Papua-Neuguinea seine Geschichte. Unmittelbar nach dem stärksten Beben hatte er gesehen, wie der Meeresspiegel über den Horizont anstieg und das Wasser etwa 30 Meter hoch aufschäumte. Ungewöhnliche Geräusche – zunächst wie ferner Donner, später dann wie ein Hubschrauber in der Nähe – ließen nach, während das Meer allmählich wieder abfiel und sogar unter die normale Niedrigwassermarke sank. Nach einer Ruhepause von vier oder fünf Minuten hörte Sanawe einen Donnerschlag wie von einem tief fliegenden Jet und erblickte die erste Tsunami-Welle, die vielleicht drei oder vier Meter hoch war. Er versuchte fortzulaufen, doch die Welle überrollte ihn. Eine zweite, höhere, die den Ort dem Erdboden gleich machte, schwemmte Sanawe einen Kilometer weit in einen Mangrovenwald an der Binnenküste der Lagune.

Er überlebte, andere hatten nicht so viel Glück, sondern wurden auf abgebrochenen Mangrovenästen geradezu gepfählt oder von mitgeschwemmten Trümmern übel zugerichtet. Mindestens 30 Überlebende verloren verletzte Gliedmaßen durch Wundbrand. Meereskrokodile und verwilderte Hunde nutzten ihre Chance, wodurch es erschwert wurde, die genaue Zahl von Todesopfern zu ermitteln. Vermutlich kamen mehr als 2200 Dorfbewohner zu Tode, darunter über 230 Kinder. Viele waren von den bis zu 15 Meter hohen Wellen, die innerhalb von einer Viertelstunde nach der Haupterschütterung auftraten, völlig überrascht worden, denn nur wenigen war bekannt gewesen, daß Tsunamis unerwartet auftreten können.

Dabei gibt es umfangreiche Datensammlungen, aus denen historische Häufigkeiten des Auftretens dieser mächtigsten Fluten zu ersehen sind. James F. Lander, Patricia A. Lockridge und ihre Kollegen am Nationalen Geophysikalischen Datenzentrum in Boulder (Colorado) sowie Viacheslav K. Gusiakov und seine Mitarbeiter vom Tsunami-Labor der Russischen Akademie der Wissenschaften in Novosibirsk (Sibirien) haben diese Daten zusammengestellt. Der größte Teil dieser Flutwellen sucht den Pazifischen Ozean heim. An dessen Rand kollidieren nämlich tektonische Platten, wobei sich besonders bebenträchtige Subduktionszonen bilden – 86 Prozent der Riesenwellen entstehen dort durch solche Seebeben.

Seit 1990 wurde weltweit von 82 Tsunamis berichtet – zehn davon forderten zusammen mehr als 4000 Menschenleben. Ein Vergleich mit älteren Daten über die Häufigkeit überrascht zunächst, denn in der Vergangenheit waren durchschnittlich nur 57 pro Jahrzehnt verzeichnet, doch diese scheinbare Zunahme ist lediglich ein Ergebnis verbesserter globaler Kommunikation. Beunruhigender sind die hohen Todesraten, denn sie sind zumindest teilweise das Resultat einer wachsenden Bevölkerungsdichte in den Küstenregionen.

Tsunamis unterscheiden sich massiv von anderen Wellen. Über den Ozean wehende Brisen kräuseln zwar dessen Oberfläche, doch die Wellen entstehen nur in der obersten, dünnen Wasserschicht und ihre Wellenlänge ist relativ kurz. Selbst starke Stürme, die das Wasser in seltenen Fällen bis zu 30 Meter hoch aufwerfen und auf mehr als 100 Kilometer pro Stunde antreiben, bewegen keine tieferen Wasserschichten.

Anders die Gezeiten, die zweimal am Tag rund um den Erdball "schwappen". Sie verursachen Strömungen, die bis zum Ozeanboden hinabreichen – genau wie eine Tsunami genannte Serie von Wellen. Die entsteht aber nicht durch die beständig einwirkende Anziehungskraft des Mondes und der Sonne, sondern plötzlich durch Seebeben oder – viel seltener – durch Vulkanausbrüche, Meteoriteneinschläge oder Unterwasserlawinen. In tiefem Wasser kann eine Tsunami-Welle mehr als 700 Stundenkilometer schnell sein, vergleichbar einer Boeing 747. Trotzdem besteht auf dem offenen Meer noch keine Gefahr, denn eine einzelne Welle ist gerade mal ein paar Meter hoch, erstreckt sich aber unter Umständen über mehr als 750 Kilometer Länge. Eine solch schwache Wölbung der Meeresoberfläche wird meist gar nicht bemerkt. Tatsächlich ist das japanische Wort tsu-nami wörtlich mit "Hafenwelle" zu übersetzen: Vielleicht fanden Fischer bei ihrer Rückkehr in den heimatlichen Hafen ihr Dorf von einem Tsunami zerstört vor, obwohl sie auf offener See nichts Ungewöhnliches wahrgenommen hatten.

Ein mächtiger Tsunami kann seine destruktive Energie Tausende von Kilometern weit transportieren. Deshalb ist Hawaii aufgrund seiner Lage mitten im Ozean besonders gefährdet. Seit 1895 haben zwölf verheerende Tsunamis die Insel heimgesucht, die schlimmste davon kostete 1946 nicht weniger als 159 Menschen das Leben, obwohl das auslösende Beben fast 3700 Kilometer entfernt stattgefunden hatte (Kasten auf Seite 48).

Der bereits erwähnte Patrick F. Lander schätzt aber, daß bei etwa 90 Prozent aller Todesfälle die Quelle des Tsunamis nicht mehr als etwa 200 Kilometer entfernt lag. Ein extremes Beispiel dafür war 1883 die Eruption des Vulkans Krakatau in der zu Indonesien gehörenden Sunda-Straße. Wellen so hoch wie ein sechsstöckiges Bauwerk entstanden und töteten im Umkreis von nur 120 Kilometern über 30000 Menschen.

In jedem Fall entwickeln sich Tsunamis aufgrund von drei einander überlappenden und doch recht unterschiedlichen physikalischen Prozessen: Eine Störung der Wassersäule durch eine starke Kraft, das Wandern der dadurch hervorgerufenen Welle über das Meer zu flacheren Küstengewässern und schließlich die Überflutung des Festlandes. Anders als die Ausbreitung sind Entstehen und Überflutung des Festlandes deutlich schwerer zu modellieren und mittels Computersimulationen nachzuvollziehen. Genaue Simulationen wären aber für die Vorhersage wichtig: Wo werden Tsunamis auftreffen, die in großer Entfernung entstanden sind? Welche Zonen werden am stärksten betroffen sein, erfordern also eine Konzentration von Rettungsmaßnahmen?

Das auslösende Moment ist meist eine plötzliche Störung des Meeresbodens – zum Beispiel die Bewegung tektonischer Platten entlang einer Verwerfung; an der Wasseroberfläche setzt sich diese Veränderung als Tsunami fort. Leider sind direkte Messungen der Bewegung des Meeresgrundes bislang – und wohl auch künftig – nicht möglich. Stattdessen modellieren die Wissenschaftler ein Erdbeben als Aneinander-Vorbeigleiten zweier Krustenplatten in einer rechteckigen Ebene. Trotz dieser starken Vereinfachung des realen tektonischen Geschehens erforderte das Berechnen der anfänglichen Höhe eines Tsunamis Angaben zu mindestens zehn Einflußvariablen, darunter das Ausmaß des Versatzes auf jeder Seite der imaginären Fläche sowie deren Länge und Breite. Doch unmittelbar nach einem Erdbeben lassen sich nur die Orientierung der theoretischen Verwerfungsfläche sowie Ort, Stärke und Tiefe des Bebens aus seismischen Daten bestimmen, alle anderen Parameter müssen geschätzt werden. Bei einer solchen ersten Simulation von Entstehung, Ausbreitung und Überflutung wird diese deshalb häufig unterschätzt, manchmal sogar um den Faktor 5 bis 10.

Ein Grund könnte sein, daß schon die ursprüngliche Höhe des Tsunamis zu gering angesetzt wurde, eine Folge des unzulänglichen Erdbebenmodells: Es verteilt die seismische Energie über ein zu großes Gebiet (wenn diese in einem kleinen Gebiet gebündelt wird, ist die vertikale Bewegung des Meeresbodens und damit auch die anfängliche Höhe der Tsunami-Wellen größer). Leider läßt sich die wirkliche Energieverteilung aus den Meßwerten des Hauptbebens räumlich nur auf einige hundert Kilometer genau auflösen, entsprechend der Länge der seismischen Wellen. Erst nach der Flut stehen weitere Informationen zur Verfügung. Zum Beispiel kann man regionale konzentrierte Verteilungsmuster der seismischen Energie aus der Analyse von Nachbeben der Folgemonate ersehen. Doch mit jeder letztlich dann doch realitätsnahen Simulation vermögen wir zuverlässigere Vorhersagen zu treffen.

Die Wellen eines Tsunamis transportieren Energie vom Erdbebenherd weg, ähnlich wie es Erschütterungen der Erde tun. Weil ihre Höhe viel kleiner als ihre Länge und zudem geringer als die Wassertiefe ist, läßt sich die Ausbreitungsgeschwindigkeit der Flut relativ einfach mit der linearen Wellentheorie modellieren. Die setzt nämlich voraus, daß die Amplitude das Verhalten der Welle nicht beeinflußt. Ihre Wirkung reicht dann eine halbe Wellenlänge in die Tiefe. Weil die bei Tsunamis Dutzende bis Hunderte von Kilometern betragen kann, haben die Wellen selbst in tiefen Ozeanen oft Bodenkontakt. Demzufolge beeinflussen Erhebungen und Vertiefungen des Meeresgrundes ihre Geschwindigkeit und damit die Richtung der Wellenfront.

Außerdem läuft eine Welle der Theorie zufolge umso schneller, je tiefer das Wasser und je größer ihre Wellenlänge ist. In flachem Wasser werden sie demgemäß gebremst. Läuft nun eine Welle schräg auf eine Tiefenlinie der Küste auf, wird der Teil der Wellenfront, der bereits jenseits der Küstenlinie ist, verlangsamt, der andere noch nicht – die Front wird gekrümmt und ändert somit ihre Richtung. Der Fachmann spricht von "Refraktion" (der Effekt ist dem Brechen von Licht beim Übergang in ein optisch dichteres Medium vergleichbar). Tsunamis neigen deshalb im Flachwasser dazu, sich parallel zu Konturen – genauer: zu Tiefenlinien – des Meeresbodens auszurichten und dann beispielsweise eine exponierte Landspitze zu umlaufen. Dabei krümmen sich auch die Wellenkämme auf charakteristische Weise: Wie Hände scheinen sie nach dem Land zu greifen.

Die Verringerung der Geschwindigkeit hat aber noch einen anderen, unangenehmeren Effekt, der als "Shoaling" bezeichnet wird. Stark vereinfacht gesagt wandelt sich die Bewegungsenergie der Welle zu potentieller Energie, und das heißt: Die Amplitude wächst. Dieses letzte Entwicklungsstadium von Wellenaufbau und Überflutung ist besonders schwer zu modellieren. Die Welle ist jetzt so hoch, daß die lineare Theorie die komplizierten Interaktionen zwischen Wasser und Boden nicht mehr zu beschreiben vermag. Die Wellen können sich bis zu mehreren Dutzend Metern Höhe aufbauen, wobei schon zwei oder drei Meter ausreichen, um Schäden anzurichten. Ohne schützende Küstenfelsen oder dergleichen kann das Wasser Hunderte von Metern ins Land vordringen.

Der für Erdbeben in einer Subduktionszone typische Krustenversatz fördert beide Effekte. Dabei wird der Meeresboden vor der Küste gehoben, das Land hingegen entlang der Küstenlinie abgesenkt. Als Folge davon können die Wellen weiter ins Landesinnere vorstoßen. Außerdem erreichen Wellentäler das Land zuerst – vor einem Tsunami zieht sich dann die See zunächst zurück, was Unkundige schon dazu veranlaßt hat, neugierig ans Ufer zu laufen. Raissa Mazova von der Staatlichen Technischen Universität Nischni Nowgorod (Rußland) und Costa Synolakis von der Universität von Südkalifornien berichteten vor kurzem, daß sich theoretischen Vorhersagen und Feldbeobachtungen zufolge Tsunamis an der Küste zu größeren Höhen aufbauen und weiter vordringen, wenn das Tal der ersten Welle einem Kamm vorausgeht.

Vorhersagen, wo und wie stark ein Tsunami zuschlagen wird, können Menschenleben retten und Sachwerte bewahren helfen – vorausgesetzt, die Küstenbewohner wissen diese Information zu nutzen. Japan kann hier als vorbildlich gelten. Kein Wunder, denn mehr als ein Viertel aller verläßlich registrierten Tsunamis im Pazifik seit 1895 hatten ihren Ursprung in der Nähe des Inselstaates – er liegt gefährlich nah an den miteinander kollidierenden Rändern von vier tektonischen Platten. Dementsprechend wurde dort mit den Jahren viel Geld in die Gefahrenminderung investiert. Dies beinhaltete weitreichende Programme zur Erziehung und Breiteninformation, ein wirksames Warnsystem, Schutzwälder entlang der Küste, Deiche und andere Küstenschutzmaßnahmen.

Am 12. Juli 1993 bestanden diese Vorbereitungen einen brutalen Test. Ein Erdbeben der Stärke 7,8 in der Japan-See brachte einen Tsunami hervor, der verschiedene Teile der kleinen Insel Okushiri heimsuchte (siehe Kasten Seite 46). Fünf Minuten nach der Haupterschütterung verbreitete der japanische Wetterdienst eine entsprechende Warnung über Radio und Fernsehen. Zu diesem Zeitpunkt hatten 10 bis 20 Meter hohe Wellen bereits die Küstenlinie in unmittelbarer Nähe des Epizentrums erreicht und eine Reihe von Opfern gefordert. Doch in Aonae, einem Fischerdorf auf der Halbinsel im Süden Okushiris, flohen viele der 1600 Einwohner auf höhergelegenes Gelände, nachdem sie die Haupterschütterung verspürt hatten. Wenige Minuten später verwüsteten 5 bis 10 Meter hohe Wellen Häuser und Geschäfte und schwemmten die Trümmer ins Meer hinaus. Mehr als 200 Todesopfer waren zu beklagen, doch die rasche, auf der Kenntnis um die Entstehung von Tsunamis gegründete Reaktion verhinderte eine größere Katastrophe.

In den letzten 100 Jahren richteten nur ungefähr 15 Prozent der 150 registrierten Tsunamis an Japans Küsten Schäden an oder forderten Todesopfer. Diese Bilanz ist wesentlich günstiger als in Ländern, wo es wenige oder gar keine Erziehungsprogramme für die Öffentlichkeit gibt: In Indonesien beispielsweise wirkte die Hälfte der 34 Tsunamis dieses Zeitraums verheerend. Umfragen nach der Flut, die 1992 mehr als 1000 Menschen tötete, deuten darauf hin, daß die meisten Küstenbewohner das Erdbeben nicht als natürliche Warnung erkannt hatten und deshalb nicht ins Landesinnere flohen. Auch die Bewohner von Papua-Neuguinea waren uninformiert, weshalb ein Tsunami vor einem Jahr weit mehr Opfer fordern konnte, als bei seiner Größenordnung zu erwarten war. Als die Erde bebte, liefen einige Leute sogar zur Küste und besiegelten damit ihr Schicksal.

Diese gefährlichen Fluten haben zwar in der Vergangenheit auch in Hawaii und Alaska große Verwüstungen angerichtet, dennoch waren die meisten Experten lange der Annahme, die Westküste der USA sei relativ sicher vor solch verheerenden Ereignissen. Neuere Erkenntnisse deuten aber darauf hin, daß Erdbeben alle 300 bis 700 Jahre große Tsunamis an der Cascadia-Subduktionszone auslösen können, einem Gebiet vor der pazifischen Nordwestküste, wo eine Krustenplatte, die Teile des Pazifischen Ozeans trägt, unter Nordamerika abtaucht.

Brian F. Atwater vom Geologischen Dienst der USA (USGS) hat Sand- und Kiesablagerungen identifiziert, von denen er annimmt, Tsunamis, die bei Erdbeben in dieser Zone entstanden, hätten das Material von der Küste Washingtons ins Landesinnere getragen. Ereignisse aus jüngerer Zeit stützen diese Theorie: Der Tsunami von Nicaragua 1992 verfrachtete Sandmassen landeinwärts und vergleichbare Ablagerungen haben Wissenschaftler in überfluteten Gebieten beispielsweise der Flores-Inseln, Okushiri und Papua-Neuguina gefunden.

Zumindest ein Abschnitt der Cascadia-Subduktionszone nähert sich vielleicht schon dem Ende eines seismischen Zyklus, der in einem schweren Erdbeben gipfeln kann (vergleiche "Schwere Erdbeben nach langer seismischer Stille" von Roy D. Hyndman; Spektrum der Wissenschaft, Oktober 1996, S. 64). Die Wahrscheinlichkeit dafür beträgt etwa 35 Prozent bis zum Jahr 2045 – sie ist ähnlich hoch wie im Süden Kaliforniens. Ein unerwartetes Erdbeben am Kap Mendocino 1992 war eine deutliche Mahnung.

Erstmals wurden deshalb in den USA auf nationaler Ebene systematische Bemühungen gefördert, gefährliche Tsunamis rechtzeitig zu erkennen. Federal Emergency Management Agency (FEMA) und National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) finanzierten Tsunami-Überflutungskarten für die kalifornischen Städte Eureka und Crescent City. Durch Tsunamis gefährdete Gebiete sind darin hervorgehoben, die Intensität der Erschütterung durch Erdbeben, Aufschmelzung und Erdrutsche dargestellt.

Des weiteren gaben die beiden Organisationen ein Erdbebenszenario für den Norden Kaliforniens in Auftrag. Etwa 300000 Menschen leben oder arbeiten in angrenzenden Küstengebieten, und mindestens ebenso viele Touristen bereisen jährlich diese Region. Der Studie zufolge könnten in der Nähe entstandene Tsunami-Wellen bereits innerhalb weniger Minuten nach einem schweren Beben Ortschaften erreichen, wobei wenig oder gar keine Zeit bliebe, offizielle Warnungen herauszugeben. Insgesamt könnte ein in der Cascadia-Subduktionszone entstandener Tsunami die Region zwischen 1,25 und 6,25 Milliarden Dollar kosten, eine zurückhaltende Schätzung angesichts der Okushiri-Katastrophe von 1993.

Diese Studie wie auch die zahlreichen gut dokumentierten Tsunami-Katastrophen der letzten zehn Jahre förderten weitere systematische Bemühungen, die Gefahr USA-weit zu untersuchen. 1997 bewilligte der Kongress 2,3 Millionen Dollar für ein nationales Programm zur Abwehr der Gefahr, das National Tsunami Hazard Mitigation Program. Die Bundesstaaten Alaska, Kalifornien, Hawaii, Oregon und Washington kooperieren mit NOAA, FEMA und dem USGS, um die Risiken küstennah und -fern verursachter Tsunamis zu ermitteln. Die Zusammenarbeit konzentriert sich auf die Gefahrenabschätzung für bestimmte Küstengebiete, die Verbesserung von der Früherkennung und Information der Bevölkerung über angemessenene Reaktionen für den Tag X. Mittels Computersimulation erstellte Karten helfen Notfallplanern vor Ort, Evakuierungswege festzulegen. Nur Hawaii hat derartige Darstellungen von überflutungsgefährdeten Bereichen systematisch und umfassend entwickelt. Neuerdings gibt es auch Karten für drei Gemeinden in Oregon, sechs weitere entstehen zur Zeit für Oregon, Washington und Kalifornien, drei Karten sind für Alaska geplant.

Voraussetzung eines wirksamen Katastrophenschutzes ist die rasche und zuverlässige Warnung vor einem potentiell gefährlichen Tsunami. Meßstationen, die den Gezeitenpegel an der Küste bestimmen, hat man entsprechend modifiziert. Ein empfindlicheres seismisches Meßnetz wird bald schnellere und vollständigere Berichte über die Parameter von Erdbeben liefern. Doch Seismometer messen nicht die Tsunamis selbst, und die Gezeitenpegel können nicht die Energie bestimmen, die sich als solche Flut in Richtung auf eine entfernte Küste hin bewegt. Die Folge: Seit den fünfziger Jahren sind Dreiviertel aller Warnungen Fehlalarme, ein nicht akzeptabel hoher Anteil, der Kosten verursacht und gleichzeitig der Glaubwürdigkeit des Warnsystems schadet. Ein Fehlalarm, der am 7. Mai 1986 eine Evakuierung Honolulus auslöste, kostete Hawaii mehr als 30 Millionen Dollar an umsonst gezahlten Gehältern und wirtschaftlichem Ertrag.

Die NOAA entwickelt deshalb ein Meßnetz von sechs Tiefsee-Beobachtungsstationen, die Tsunamis erkennen und ohne Zeitverlust melden. Das Projekt ist unter dem Namen Deep-Ocean Assessment and Reporting of Tsunamis (DART) bekannt. Tests mit Prototypen sind abgeschlossen, in zwei Jahren dürfte das System zuverlässig arbeiten.

Die Idee ist einfach. Seismometer, die rund um den Rand des Pazifiks installiert sind, können fast sofort ein schweres Erdbeben in Alaska lokalisieren. Und schon im nächsten Moment vermögen komplexe Computerprogramme vorherzusagen, wie lange ein dadurch ausgelöster Tsunami benötigen würde, um Hawaii zu erreichen. Um die Gewißheit zu haben, ob eine gefährliche Welle droht, plaziert man Detektoren in ihre Bahn und verfolgt so einen Tsunami über die offene See hinweg.

Vom Konzept her ist diese Idee unkompliziert, doch gewaltige technologische und logistische Probleme haben bis heute die Umsetzung verzögert. Die DART-Systeme benötigen Drucksensoren am Meeresboden, wie sie Hugh B. Milburn, Alex Nakamura, Eddie N. Bernard und ich in den vergangenen zehn Jahren an unserem Institut perfektioniert haben. Wenn der Kamm einer Tsunami-Welle vorbeiläuft, erspürt ein solches Meßgerät den Druckanstieg infolge der zusätzlichen Wassermassen. Noch in 6000 Meter Tiefe kann das empfindliche Instrument einen Tsunami erkennen, dessen Wellenhöhe lediglich einen Zentimeter beträgt. Durch Schiffe oder Sturm erzeugte Wellen stören nicht, da sie nicht weit genug hinabreichen. 1986 installierten wir die ersten derartigen Sensoren im Nordpazifik; seitdem zeichnen sie jeden Tsunami auf. Diese Daten sind allerdings bislang erst nach der Bergung der Instrumente zugänglich.

Geplant ist, daß die Sensoren ihre Meßergebnisse akustisch einer großen Boje an der Ozeanoberfläche senden, die ihrerseits die Information via Satellit an eine Bodenstation weitergibt. Derartige Netzwerke haben sich bereits an zahlreichen Tiefseestationen bewährt, darunter eine Reihe von 70 Wetterbojen, die entlang des Äquators El Niño aufspüren, das ozeanographische Phänomen, das so berüchtigt für seine Auswirkungen auf das globale Klima ist.

Problematischer war es, ein zuverlässiges akustisches Übertragungssystem zu entwickeln. In den vergangenen drei Jahren wurden vier Prototypen des DART-Systems installiert, die jeweils nach einiger Zeit versagten. Konstruktive Verbesserungen haben aber die Kommunikation zwischen den Druckmessern am Boden und den Übertragungsbojen verfeinert.

Für die nächsten zwei Jahre plant unser Labor die Installation von fünf Stationen im Nordpazifik zwischen den westlichen Aleuten und Oregon; eine sechste am Äquator soll Tsunamis erkennen, die vor Südamerika entstehen. Eine größere Zahl würde freilich das Risiko verringern, daß eine solche Welle unbemerkt zwischen den Bojen hindurchgeht, doch das gegenwärtige Budget läßt dies nicht zu.

Selbst die zuverlässigste Warnung verfehlt ihren Zweck, wenn die Menschen nicht angemessen reagieren. Information der Öffentlichkeit ist daher vielleicht der wichtigste Aspekt des nationalen Schutzprogramms. Jeder Bundesstaat benennt deshalb Koordinatoren, die den Notfallmanagern der Gemeinden bei Tsunami-Katastrophen Informationen liefern und ihnen beistehen. Zwischenstaatliche Koordination ist ebenfalls entscheidend für die öffentliche Sicherheit, denn US-Bürger sind sehr mobil, und so müssen die Vorgehensweisen von Staat zu Staat vergleichbar sein. Deshalb wurden Standardinformationstafeln (Bild links) über Tsunamis bereits an vielen Küstenabschnitten aufgestellt.

Wissenschaftler und Katastrophenschützer sind sich einig, daß auch in Zukunft zerstörerische Tsunamis unabwendbar sind und die Technik allein keine Menschenleben retten kann. Küstenbewohner müssen deshalb Anzeichen wie etwa starkes, anhaltendes Beben erkennen können und wissen, daß sie sofort auf höhergelegenes Land flüchten müssen.

Küstengemeinden benötigen Karten, aus denen gut ersichtlich ist, wo Überflutungsgefahr besteht, damit sie Evakuierungsrouten auszuweisen können. Das derzeit in den Vereinigten Staaten im Aufbau befindliche Aktionsprogramm wird die Tsunami-Vorhersage für eine viel größere Region im Pazifik verbessern. Alle diese Bemühungen sind erforderlich, um Tragödien wie in Papua-Neuguinea oder Nicaragua künftig zu vermeiden.

Literaturhinweise


United States Tsunamis (Including United States Possessions): 1690 – 1988. Von James F. Lander und Patricia A. Lockridge. NOAA/National Geophysical Data Center, Veröffentlichungen 41 bis 42 (1989).

The Cape Mendocino Tsunami. Von F. I. González und E. N. Bernard in: Earthquakes and Volcanoes, Bd. 3, S. 135-138 (1992).

Tsunami! Von Walter C. Dudley und Min Lee. University of Hawaii Press, 1998.

Weitere Informationen und Links im World Wide Web unter der Adresse: www.pmel.noaa.gov/tsunami sowie Links zu weiteren Informationsquellen im World Wide Web unter www.spektrum.de/aktuellesheft.html


Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 1999, Seite 40
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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