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Tyrannosaurier-Zähne im Beißtest



Die langen, kegelförmigen, leicht gebogenen Zähne der Tyrannosaurier waren im Querschnitt seitlich etwas abgeflacht und trugen an der vorderen und hinteren Kante kleine sägeartige Zacken. Deshalb glaubten Paläontologen bisher, daß sie ähnlich wie Sägeklingen funktionierten.

Ich habe dies in Schneideexperimenten mit Tyrannosaurier- und Haifischzähnen (die auch gesägte Strukturen tragen) überprüft und auch an verschiedenen selbsthergestellten Klingentypen getestet. Dabei kam überraschenderweise heraus, daß zwar die Zähne eines fossilen Haies – Carcharodon megalodon – wie Sägeblätter schnitten, nicht aber die von Tyrannosauriern. Vielmehr wirkten sie wie stumpfe glatte Klingen. Wozu brauchten die gigantischen Raubtiere dann Zähne mit sägeartig eingekerbten Kanten? Bei mikroskopischer Vergrößerung sind die vorspringenden Strukturen an den Dinosaurier-Zähnen nicht pyramidenförmige Zacken wie die auf einem Haifischzahn. Vielmehr haben sie eher Kubusgestalt. Aufgrund der Form der tiefen bis nach unten ziemlich breiten Lücken können sich dazwischen hervorragend Fleischfasern verfangen (Bild links). Wahrscheinlich konnte diese Struktur außerdem hohen Beißdruck abfangen und so verteilen, daß der Zahn beim Druck auf Knochen oder Sehnen nicht absplitterte.


Gregory Erickson wies nach, daß Tyrannosaurus rex wahrscheinlich kräftig zubiß und dann zerrte, so daß Fleischbrocken abrissen. Das Reptil benötigte also offenbar nicht rasiermesserscharfe Zähne zum Schneiden, sondern haltbare Werkzeuge zum Packen und Festhalten. Gekaut haben Tyrannosaurier wohl gar nicht: Die oberen und unteren Zähne schlossen nicht, ja sie konnten sich kaum berühren. Fleischbrocken wurden am Stück verschlungen.

Nicht auszuschließen ist, daß sich an den Speiseresten in den Sägelücken viele septische Bakterien ansiedelten. Ähnlich wie die Komodo-Warane könnten folglich auch Tyrannosaurier Beutetieren mit ihrem Biß Blutvergiftungen verpaßt haben, an denen das Opfer verendete (siehe Spektrum der Wissenschaft, Mai 1999, S. 48). Von James O. Farlow stammt die These, daß dieser größte heutige Waran aus Indonesien sich teilweise ähnlich verhalten haben könnte wie die Riesenechsen des Erdmittelalters. Zumindest ist die Zahnstruktur von beiden auffallend gleich. Falls Tyrannosaurier wirklich giftige Bisse setzten, dürften sie meines Erachtens eher Räuber als Aasfresser gewesen sein.

Literaturhinweis


Tooth Serrations in Carnivorous Dinosaurs. Von William Abler in: Encyclopedia of Dinosaurs. Von Phillip J. Currie und Kevin Padian (Hg.), Academic Press, 1997.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 11 / 1999, Seite 47
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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