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Umweltatlas Wattenmeer. Band 1: Nordfriesisches und Dithmarscher Wattenmeer.

Eugen Ulmer, Stuttgart 1998. 271 Seiten, DM 68,–.

Selten erzeugen wissenschaftliche Publikationen so viel Wirbel in der Bevölkerung wie der 1996 vorgelegte „Synthesebericht Ökosystemforschung Wattenmeer“. Er war das Ergebnis eines umfangreichen interdisziplinären Großforschungsvorhabens, an dem über 100 Wissenschaftler seit 1989 gearbeitet hatten. Ein wesentliches Ziel war es, grundlegende Struktur- und Prozeßdaten als Basis für eine naturschutzgerechte Weiterentwicklung des 1985 gegründeten Nationalparks Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer zu gewinnen.

Das Werk löste durch seinen schieren Umfang – 634 Seiten plus 41 Karten –, der ein Verständnis mühsam machte, sowie durch Mißverständnisse und Fehler eine harte und zum Teil unsachlich geführte Diskussion vor Ort aus, deren Folgen für den Naturschutz und für den Nationalpark noch nicht abschätzbar sind. Eine zusätzlich herausgegebene Kurzfassung konnte nicht abhelfen. In diesem Buch haben nun 104 Experten einen Teil dieses umfangreichen Datenmaterials in mehr als 100 Einzelbeiträgen allgemeinverständlich aufgearbeitet und tragen damit zu einer Versachlichung der Diskussion bei.

Das weltweit einzigartige Ökosystem Wattenmeer ist nicht nur Lebensraum für zahlreiche seltene Tierarten, sondern auch ein Kulturraum, in dem Menschen seit Jahrhunderten leben und arbeiten. Beide Aspekte werden – in vier Hauptkapitel untergliedert – umfassend dargestellt; 29 geologischen und 33 biologischen Einzelbeiträgen stehen 32 Aufsätze zum Einfluß des Menschen auf das Wattenmeer gegenüber sowie 13 unter dem Obertitel „Forschung & Schutz“. Jeder dieser Beiträge besteht aus einer Karten- und einer Textseite. Alle Fachbegriffe werden in einem umfangreichen Glossar erklärt.

Insbesondere die acht ornithologischen Kapitel bestechen durch ein umfangreiches Datenmaterial aus mehr als hundert Jahren. So läßt sich das Schicksal der Seeschwalbenpopulation über Jahrzehnte hinweg verfolgen: Dezimierung durch Jagd und das Sammeln der Eier, Erholung durch Schutz von 1910 bis 1940, erneutes Absinken der Zahlen in den sechziger Jahren durch die hohen Belastungen mit Chlorkohlenwasserstoffen und Verdopplung der Bestände, nachdem die Verschmutzung nachließ. Die Bedeutung der Brutgebiete ist allerdings ungeschickt dargestellt: Gezeigt wird die Zahl der Brutpaare pro Gebiet (sehr unterschiedlicher Größe) statt pro Flächeneinheit. Dadurch erscheint die Insel Amrum als bedeutendes Brutgebiet und deren Nordspitze Amrum-Odde als nahezu belanglos – in genauer Verkehrung der Realität.

Zudem wird erstmalig eine Karte der 54 nordfriesischen Austernbänke aus dem Jahre 1895 mit exakten Flächenangaben veröffentlicht. Ihre Größe erreichte damals mit 1807 Hektar fast die der heutigen Miesmuschelkulturen. An den Austernbänken hat 1877 Karl Möbius (1825 bis 1908) den Begriff der „Biozönose“ entwickelt, ein Meilenstein in der Forschungsgeschichte der Ökologie: „Jede Austernbank ist gewissermaßen eine Gemeinde lebender Wesen, … welche sich gegenseitig bedingen und durch Fortpflanzung in einem abgemessenen Gebiet dauernd erhalten. Ich nenne eine solche Gemeinschaft Biocoenosis oder Lebensgemeinde.“ Die Warnungen von Möbius – „Die Befischung darf nicht nach der Höhe der Austernpreise bestimmt werden, sondern einzig und allein nach der Menge des Zuwachses“ – haben nicht geholfen. Karsten Reise von der Litoralstation List kann in seinem Beitrag nur noch anhand der Jahreserträge der nordfriesischen Austernbänke von 1859 bis 1930 dokumentieren, wie die Austern durch Raubbau ausgerottet wurden.

Bei anderen Themen, so der Freizeitnutzung, fallen dem ortskundigen Leser Ungereimtheiten und Fehler auf: Wattwanderrouten sind falsch eingezeichnet, Wandererzahlen entsprechen nicht der Realität. Während ich hier ungenaue Recherchen vermute, wirkt die Darstellung zur Miesmuschelfischerei sehr tendenziös. Marten Ruth vom Fischereiamt Kiel hat die Daten so ausgewählt und aufbereitet, daß der Eindruck entstehen muß, die Muschelfischerei wirke sich positiv aus, während „räuberische Seesterne und Strandkrabben Verluste verursachen“. Er verschweigt die Erkenntnisse zur Zerstörung eulitoraler Bänke, zur Artenverarmung befischter Bänke und zur Gefährdung der Wattsockel durch die Muschelfischerei sowie die negativen Auswirkungen auf die Lebensgemeinschaft des Wattenmeeres.

Abgesehen von diesen etwas schwächeren Kapiteln ist der Atlas jedem – sei er interessierter Gast oder Einwohner, Student oder Fachmann – zu empfehlen, der einen umfassenden Einblick in den heutigen Wissensstand über das Wattenmeer gewinnen möchte. Er ist nicht nur ein weiteres von vielen guten Büchern zum Thema; durch die zahlreichen Karten, die Einbeziehung aktueller Forschungsergebnisse und seine Gesamtkonzeption ist er schon etwas Besonderes, auch wenn er in seiner bewußten Beschränkung auf zwei Seiten pro Thema ein professionelles Fachbuch nicht ersetzen kann noch will.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 1999, Seite 110
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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