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Umweltfreundlicher Stadtverkehr



Mobilität ist heute grundlegende Voraussetzung für die wirtschaftliche Entwicklung von Städten und Ballungsräumen. Die jährlichen Wachstumsraten des Verkehrs liegen in den Industrieländern über denen des Bruttosozialprodukts. Europaweit werden heute mehr als 30 Prozent des gesamten Primärenergiebedarfs in diesem Bereich verbraucht – die größte Quelle der urbanen Luft-Schadstoffe. Wie Ökologie und Ökonomie hier auf einen Nenner kommen können, zeigt das von der Europäischen Union (EU) im THERMIE-Programm geförderte Projekt ENTIRE (European Network on Transport Innovation for the Rational Use of Energy). Sieben europäische Städte erproben in 12 Projekten moderne Fahrzeug- und Verkehrstechnologien sowie neue Konzepte, um das Verkehrsaufkommen in Ballungszentren zu verringern und Energie zu sparen.

So entwickelt Rotterdam (Niederlande) zum Beispiel eine sparsame, kostengünstige Straßenbahn. Benutzt werden leichte Verbundwerkstoffe aus dem Flugzeugbau. Hierdurch soll das Gewicht von derzeit 500 Kilogramm je Quadratmeter Außenfläche um 25 Prozent gesenkt werden. Das leichtgewichtige Fahrzeug verbraucht weniger Antriebsenergie bei geringeren Wartungskosten. Das Konzept basiert auf den Erfahrungen mit dem Niederflur-Hybridbus im Vorgängerprojekt ENTRANCE (ein Akronym aus: Energy savings in Transport through innovation in the Cities of Europe). Dank Modulbauweise läßt sich die Straßenbahn zudem leicht den Fahrgastzahlen anpassen.

In der historischen Altstadt von Salamanca (Spanien) haben inzwischen Busse mit komprimierter Erdgastechnik ihre dieselgetriebenen Vorgänger abgelöst. Auch das Transportunternehmen UPS (United Parcel Service) in Köln rüstet vier Fahrzeuge der Innenstadtflotte auf Erdgas um. Die Städte Brühl und Hürth bei Köln testen diese Antriebsvariante in kommunalen (Nutz-)Fahrzeugen, zum Beispiel beim Sammeln von Biomüll. Dafür gibt es stichhaltige Gründe: Verglichen mit einem Dieselantrieb sinkt beispielsweise der gesundheitsgefährdende Partikelausstoß auf Null. Doch eine Flotte von Erdgas-Fahrzeugen rollt noch lange nicht über Europas Straßen. Das Tankstellennetz ist viel zu dünn. Auch bietet die Fahrzeugindustrie nur wenige ihrer Modelle mit Erdgasantrieb an. Autos müßten also aufwendig umgerüstet werden.

Eine weitere Alternative sind Elektrofahrzeuge im Stadtzentrum. Venedig (Italien) testet sie im Verbund mit einem elektronischen Abrechnungs- und Verkehrsinformationssystem auf der Insel Lido, einem beliebten Touristenziel.

Auch umweltbewußtes Verkehrsmanagement steht auf der Wunschliste des EU-Projekts. So gestaltet Caen (Frankreich) den Verkehrsfluß völlig neu und fördert den Umstieg auf Busse und Bahnen. Zudem soll die Innenstadt vom Durchgangsverkehr befreit werden. Bevor es jedoch so weit ist, mußten zunächst alle Verkehrsströme erfaßt und die Bedürfnisse der Verkehrsteilnehmer erfragt werden. Mit neuen Straßenbahn- und Busverbindungen sowie einem Ausbau der Ringstraßen will die Stadt ihre Ziele erreichen.

Helsinki (Finnland) wiederum testet unterschiedliche Vorrangsysteme für mehrere Buslinien. Gleichzeitig werden dort sieben Varianten von Radwegen und ein spezielles Ampelsignal geprüft – Radfahren in der Innenstadt soll attraktiver werden.

Dagegen konzentriert sich South Hampshire (Großbritannien) auf das Personal großer Unternehmen und zielt mit seinen Pendlerplänen auf den umweltfreundlichen Verbund von Auto, Bus und Bahn. Diese Konzepte entstanden nicht am grünen Tisch, sondern zusammen mit den Beschäftigten. Das stärkt natürlich die Akzeptanz des Projekts und den Willen zur Mitarbeit an der entscheidenden Stelle.

In Rotterdam soll eine Schnellfähre zwischen Stadtzentrum und dem rund 20 Kilometer entfernten Dordrecht die Straßen vom Pendlerverkehr befreien. Der Wasserbus soll künftig im Halbstundentakt verkehren und täglich bis zu 700 Menschen befördern. Die Fahrtzeit beträgt etwa 20 Minuten. Fahrräder können mitgenommen werden, das sichert die Mobilität in der Stadt.

Im Umweltamt der Stadt Köln arbeiten die Mitarbeiter außerdem an einem Energie- und Umweltinformationssystem. Ziel dieses multifunktionalen Daten- und Programmnetzwerks ist es, leistungsfähigere Prognose- und Simulationsmodelle zu erstellen, die eine bessere Umwelt- und Stadtplanung erlauben.

Das Projekt ENTIRE startete Anfang 1997. Die einzelnen Vorhaben wurden inzwischen abgeschlossen und werden nun ausgewertet. Ende des Jahres soll der Abschlußbericht erscheinen. An den Gesamtkosten von 24,5 Millionen ECU (etwa 47 Millionen Mark) beteiligt sich die EU mit 3,25 Millionen ECU (etwa 6,3 Millionen Mark). Die beteiligten neun Städte hoffen auf einen ähnlich großen Erfolg wie im Vorgängerprojekt ENTRANCE. Der Energieverbrauch sank jährlich um 83 Terajoule (Billionen Joule), und die Umwelt wurde von nahezu 4000 Tonnen Kohlendioxid und 150 Tonnen Kohlenmonoxid entlastet. Damals zeigte sich auch: Intelligentes Verkehrsmanagement spart mehr Energie und senkt den Schadstoffausstoß spürbarer als neue Fahrzeugtechnologien.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 2 / 1999, Seite 943
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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