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Forschungsstandort Berlin-Adlershof: ... und der Zukunft zugewandt

In Berlins Südosten wächst Deutschlands größter Technologiepark heran – eine Stadt für Wissenschaft, Wirtschaft und Medien.


Matthias Scholz baut Laser, spezielle Laser für die hoch sensible Analytik. Weltweit gibt es nur wenige Firmen, die auf diesem Spezialgebiet tätig sind. Scholz war bis 1989 wissenschaftlicher Mitarbeiter an einem Institut der Akademie der Wissenschaften der DDR. Bereits 1990 – noch vor der Wiedervereinigung – gründete der damals 44-jährige Physiker mit drei Kollegen die LTB Lasertechnik Berlin GmbH: "Unser größtes Eigenkapital war das Know-how im wissenschaftlichen Gerätebau." Dabei ist es nicht geblieben. Heute arbeiten 25 Menschen bei LTB. Der Umsatz erreichte 2000 über fünf Millionen Mark.

Florian Solzbacher ist 27 Jahre alt. Er gehört mit vier Kollegen zu den Gründern der First Sensor Technology GmbH. Das Unternehmen gibt es seit 1999 – ein Spin-off der Technischen Universität Berlin. Dort hatten die fünf bereits jahrelang silizium-basierte Drucksensoren entwickelt und hergestellt. Auch früher schon lieferten sie Sensoren an medizintechnische Unternehmen sowie an die Luft- und Raumfahrtindustrie. 1999 wagten Solzbacher und seine Kollegen den Sprung in die Selbstständigkeit. Für das Geschäftsjahr 2000 peilte die First Sensor Technology einen Umsatz von 1,5 Millionen Mark an.

Jochen Dittrich lässt modellieren. In seiner Werkstatt entstehen Mock-ups, originalgetreue 1:1-Modelle von Bahnen und Bussen. Dittrich ist Designer. Er entwirft Fahrzeuge – für die Berliner S-Bahn, die Metro in Helsinki und für Busse in Polen. Im Alter von 37 Jahren hängten er und neun Kollegen ihren Job bei einem bedeutenden Schienenfahrzeughersteller an den Nagel und hoben die IFS-Designatelier GmbH aus der Taufe. Was die zehn zuvor für ein großes Unternehmen machten, erledigen sie nun auf eigene Rechnung und sind damit "mehr als zufrieden". Das Atelier erreichte 2000, im dritten abgeschlossenen Geschäftsjahr, einen Umsatz von 1,2 Millionen Mark und zählt Firmen wie Bombardier, Adtranz oder Neoplan Polska zu seinen Kunden.

Scholz, Solzbacher und Dittrich sind drei typische Unternehmer aus Berlin-Adlershof. Dort, an Berlins südöstlichem Stadtrand entsteht die "Stadt für Wissenschaft, Wirtschaft und Medien". Herzstück ist ein 78 Hektar großer Wissenschafts- und Technologiepark. 365 Firmen mit rund 3800 Beschäftigten haben sich dort bereits angesiedelt. Von den reinen Dienstleistern abgesehen, konzentrieren sich die Unternehmen auf vier Technologiefelder:

- Informations- und Medientechnologie,

- Photonik und optische Technologien,

- Material- und Mikrosystemtechnologie,

- Umwelt-, Bio- und Energietechnologie.

Hinzu kommen zwölf außeruniversitäre Forschungsinstitute mit rund 1300 Beschäftigten, darunter 800 Wissenschaftlern. Unter den Forschungsinstituten befinden sich so renommierte Einrichtungen wie die Elektronenspeicherring-Anlage BESSY II, eine Hochbrillanzstrahlungsquelle der dritten Generation. Sie ging 1998 in Betrieb und zählt zu den weltweit bedeutendsten ihrer Art. Internationales Renommee besitzt auch das Institut für Weltraumsensorik und Planetenerkundung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, wo man sich mit Erdbeobachtung und Planetenerkundung beschäftigt und zu diesem Zweck 3-D-Kameras und Satelliten baut.

Außeruniversitäre Institute und innovative Firmen sind zwei Fundamente, auf denen das Projekt Adlershof verwirklicht wird. Das dritte sind die naturwissenschaftlichen Institute der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie ziehen derzeit aus der Mitte Berlins nach Adlershof um. Die Mathematiker und Informatiker sind schon da. Im September 2001 werden die Chemiker folgen, 2002 die Physiker. Danach kommen die Geografen, die Psychologen und zuletzt die Biologen.

Netzwerk Adlershof


Die Nähe von außeruniversitärer Wissenschaft, von universitärer Forschung und Lehre ist gewollt. In Adlershof sollen Synergien entstehen, Netzwerke aufgebaut und Innovationszyklen verkürzt werden. Schon heute geben rund siebzig Prozent der Unternehmen an, mit mehr als drei Partnern am Standort in der Forschung, der Entwicklung und bei der Fertigung zu kooperieren.

In Adlershof soll nicht nur ein Forschungs- und Technologiepark entstehen. Das Land Berlin möchte auch das umliegende Gelände städtebaulich entwickeln lassen. 1994 wurde daher Berlin-Adlershof als Entwicklungsgebiet mit einer Gesamtfläche von 4,2 Quadratkilometern ausgewiesen. Im unmittelbaren Umfeld des Technologieparks entsteht dort ein Ensemble aus Wohnquartieren, Läden, Hotels, Restaurants, Kinos, Schulen und einem siebzig Hektar großen Landschaftspark. Im Jahr 2010 soll alles fertig sein. Dann, so die Erwartung, werden in Adlershof bis zu 17000 hoch qualifizierte Fachkräfte arbeiten, 3000 Wissenschaftler lehren und forschen, 5000 Studenten lernen sowie rund 5000 Menschen wohnen.

Ein Projekt mit beachtlichen Ausmaßen und ehrgeizigen Zielen. Doch in Berlin sind sich Politik, Wissenschaft und Wirtschaft einig, dass etwas geschehen muss. Die Stadt hat sich das Ziel gesetzt, wieder ein führendes Wirtschafts- und Wissenschaftszentrum zu werden, so wie es einst vor der Zeit des Nationalsozialismus war. Adlershof spielt dabei eine herausragende Rolle. Dies dokumentiert schon allein die Summe, die investiert wurde: 1,6 Milliarden Mark waren es seit 1991. Insgesamt werden bis 2010 fünf bis sechs Milliarden Mark, davon ein beträchtlicher Teil privates Kapital, in das Projekt fließen.

"Adlershof ist im Jahr 2000 aus einer von der Politik initiierten Aufbauphase in eine von Wirtschaft und Wissenschaft angetriebene Lebensphase getreten", so Professor Rolf Scharwächter, der Generalbevollmächtigte für den Standort Berlin-Adlershof. Aber noch gibt es dort Unzulänglichkeiten und viele Baustellen, noch fehlt das kreative Flair. "Insofern sind wir noch Pioniere", fügt Scharwächter hinzu.

Adlershof hat Tradition, auch wenn diese scharfe Zäsuren erlebte. Auf dem Gelände des heutigen Entwicklungsgebietes befand sich früher der Flughafen Berlin-Johannisthal, wo 1909 Deutschlands erste Motorflugzeuge starteten. Während des Ersten Weltkrieges wurde dort die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL) angesiedelt. Noch heute sind auf dem Gelände Relikte jener Zeit, wie Flugzeughangars, aber auch so bemerkenswerte Bauten wie Windkanal und Trudelturm zu finden. Während des Zweiten Weltkrieges dominierte die deutsche Luftwaffe das Gelände. 1945 folgte die sowjetische Siegermacht. Die technischen Einrichtungen wurden – soweit sie nicht zerstört waren – demontiert und der Flugplatz stillgelegt.

Zu DDR-Zeiten bekam der Name des Standortes Adlershof einen anderen Klang. Der Deutsche Fernsehfunk bzw. das Fernsehen der DDR nahm dort seinen Sitz. Auch die DDR-Staatssicherheit bemächtigte sich eines Teil dieses Terrains und stationierte dort ihr "Wachregiment Feliks Dzerschinski". Zusätzlich kam die Akademie der Wissenschaften der DDR mit ihren naturwissenschaftlichen Instituten nach Adlershof. Der Standort kann eine ganze Reihe bedeutender Forschungsergebnisse vorweisen. So sind dort die Gleitsichtbrille und der Fiberglasstab für Stabhochspringer erfunden worden. Ein bedeutender Pharmahersteller aus dem Westteil Berlins produzierte Antibabypillen auf der Grundlage von Patenten, die teils aus der Akademie der Wissenschaften kamen – für die chronisch devisenschwache DDR eine willkommene Einnahmequelle.

Im Jahr 1989 arbeiteten allein in den naturwissenschaftlichen Instituten der Akademie der Wissenschaften über 5000 Menschen, beim Fernsehen waren es über 2000. Beide Institutionen sollten die Wiedervereinigung Deutschlands nicht lange überleben. Sie passten nicht in die föderale Forschungs- und Medienlandschaft der Bundesrepublik.

Ziel: Innovationszentrum und Wachstumsmotor


Als Ende 1991 die Akademie der Wissenschaften der DDR ihre Tätigkeit einstellte, hatte der Berliner Senat längst beschlossen, Adlershof zu einem Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort auszubauen. Es folgte die Zeit der Evaluierungen durch den Wissenschaftsrat und durch die Technologiekommission des Landes Berlin. Der Personalbestand der einstigen Akademie der Wissenschaften wurde auf 1500 Mitarbeiter reduziert – ein harter Schnitt. Es gelang jedoch, zahlreiche technologieorientierte Firmen aus den Instituten auszugründen, von denen sich viele am Standort inzwischen erfolgreich etabliert haben.

Zudem war es möglich, eine Reihe namhafter Forschungseinrichtungen in die bundesdeutsche Forschungslandschaft zu überführen, allen voran das Institut für Kosmosforschung. Es gehört heute zum Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), dem Rechtsnachfolger der DVL. Beispiele dafür sind aber auch das Hahn-Meitner-Institut, das die Grundlagen der Photovoltaik erforscht, und das Max-Born-Institut für Nichtlineare Optik und Kurzzeitspektroskopie. Dessen Forschungsschwerpunkt liegt in der Erzeugung und Nutzung von ultrakurzen und/oder ultraintensiven Laserpulsen.

Anfang der neunziger Jahre setzte in Adlershof eine rege Sanierungs- und Bautätigkeit ein. Es wurden 33 Kilometer Straßen angelegt und zahlreiche Gebäude bei laufendem Betrieb saniert. Rund 200 Gebäude waren in ihrer Bausubstanz so beschädigt, dass sie abgerissen werden mussten. Zur Ansiedlung von Unternehmen wurden moderne Zentren errichtet, teils sanierte Altbauten, teils Neubauten mit spektakulärer und preisgekrönter Architektur.

Der Ausbau von Adlershof ist langfristig angelegt. Knapp die Hälfte des Vorhabens ist bisher realisiert worden. Standen in den vergangenen Jahren die Fertigstellung der Zentren und die Sanierung der Infrastruktur im Vordergrund, liegen die Prioritäten nunmehr in einem offensiven Marketing und in einer systematischen Akquisition.

Innovationen entstehen zunehmend in den Schnittmengen von Forschungs-, Entwicklungs- und Produktionsprozessen sowie verschiedener Grundlagen- und Anwendungsfelder. Darum verfolgen die Konzepte vieler Technologieparks das Ziel, die Wissenschaft auf bestimmte Technologiefelder zu konzentrieren – und zwar mit konkretem Nutzen für Wissenschaft und Gesellschaft. Dafür bedarf es eines neuen Denkens: Sachverhalte müssen ganzheitlich und vernetzt betrachtet werden. Wettbewerber sind nicht nur Konkurrenten, sondern auch Partner.

Nicht anders verhält es sich in Berlin-Adlershof. Die neue Stadt für Wissenschaft, Wirtschaft und Medien bietet schon jetzt eine hohe Konzentration und Qualität wissenschaftlicher Einrichtungen, ein aufnahmebereites Umfeld für Gründungen sowie außerdem ein vielfältiges Instrumentarium zur geschäftlichen, finanziellen sowie personellen Vernetzung.

Jetzt geht es also darum, Adlershof regional zu integrieren und gleichzeitig seine Technologiefelder zu erweitern. Im nächsten Schritt soll der Technologiepark zu einem "Center of Excellence" ausgebaut werden, einem internationalen Innovationszentrum und wirtschaftlichen Wachstumsmotor für die Region. Der Weg dorthin ist noch weit, jedoch immerhin zählt Adlershof schon heute zu den 15 größten und modernsten Technologieparks der Welt.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 2 / 2001, Seite 86
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
2 / 2001

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 2 / 2001

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