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Und es entsprang ein Fluß in Eden. Das Uhrwerk der Evolution.

Aus dem Englischen
von Sebastian Vogel.
C. Bertelsmann, München 1996.
192 Seiten, DM 36,80.

Der Buchumschlag wirbt mit der Empfehlung des Nobelpreisträgers Francis Crick: "Ich beschwöre Sie, um Ihrer Seele willen, lesen Sie Dawkins Buch"; aber die Seele kommt darin gar nicht vor. Der Titel erinnert an die Idee vom Lebensstrom; gemeint ist aber ein DNA-Fluß der Gene, der von Umweltufern gelenkt sich allmählich milliardenfach in funktionstüchtige Gen-Komplexe verzweigt und in Form sichtbarer Arten durch die geologischen Zeiträume fließt (Bild links).

Das genetische System mit seinem fast lächerlich eintönigen Code – nur vier Basen in immer neuen beliebig langen Folgen – ist universell für alles Leben auf der Erde. "Gene werden durch Gebrauch nicht besser" (Seite 15), aber dennoch füllt sich die Welt ganz von selbst mit den effizientesten Replikatoren, ohne daß eines der Gebilde ein bewußtes Interesse an seiner Vervielfältigung hätte (Seite 165).

Der Oxforder Evolutionsbiologe Richard Dawkins ist vor allem durch seine Bücher "Der blinde Uhrmacher" und "Das egoistische Gen" bekannt geworden. Wie dort erläutert er in dem vorliegenden Werk an einprägsamen Beispielen, wie aus dem genetischen System allmählich unterschiedliche Arten und nützliche Organe, zum Beispiel Augen, zustande kommen. Er planiert elegant gedankliche Stolperschwellen wie etwa die "halbfertigen" Organe, die angeblich nicht funktionieren können (Seiten 84 bis 90). Er erklärt – "Vorfahren sind selten, Nachkommen sind häufig" (Seite 13) –, warum trotz der vielzitierten, vielleicht afrikanischen Mitochondrien-Eva der jüngste gemeinsame Vorfahr aller heutigen Menschen wahrscheinlich ein Mann ist (Seite 69) und warum Kranksein im Alter zunimmt: "Jeder entstammt einer ununterbrochenen Reihe von Vorfahren, die alle einmal jung waren, aber bei weitem nicht alle ein höheres Alter erreicht haben. So erben wir alles, was zum Jungsein notwendig ist, aber nicht unbedingt alle Voraussetzungen zum Altwerden" (Seite 149).

"Gottes Nutzenfunktion", die einheitlich in der lebenden Schöpfung maximiert wird, ist das Überleben der DNA, gleich für die von Tiger und Lamm, Gepard und Antilope (vergleiche Dawkins gleichnamigen Artikel in Spektrum der Wissenschaft, Januar 1996, Seite 94, dem das Buchkapitel zugrunde liegt). Das hat eine traurige Konsequenz: "Das Leiden hat in der Natur jedes Jahr ein Ausmaß, das alle erträglichen Vorstellungen übersteigt" (Seite 150), und zwar seit Entstehung des Lebens. Neuerdings, seit es Menschen gibt, ist das Nutzenmaximierungsprinzip auch schuld an anderem Unsinn, nach dem Muster, daß sich die Gäste auf einer Cocktailparty heiser schreien, statt sich sämtlich kraftsparend leise zu unterhalten (Seite 139).

Allerdings ist unklar, warum es überhaupt einen Gott geben sollte. Im Gegensatz zu Mythen und religiösem Glauben lassen sich naturwissenschaftliche Überzeugungen durch Beobachtungen stützen und liefern Ergebnisse (Seite 45), etwa daß unser fast krankhaftes Fixiertsein auf Absichten uns immer wieder nach dem Warum, auch des Leids, fragen läßt (Seite 112). Doch "das Universum, das wir beobachten, hat genau die Eigenschaften, mit denen wir rechnen, wenn dahinter kein Plan, keine Absicht, kein Gut oder Böse steht, nichts außer blinder, erbarmungsloser Gleichgültigkeit" (Seite 151). Auch die "Gene kümmern sich nicht um Leid. Sie kümmern sich um überhaupt nichts" (Seite 149). Heutigen Theologen empfehle ich dringend, sich mit diesen Befunden auseinanderzusetzen, statt sich hinter uralten Texten zu verschanzen!

Was Dawkins erklärt, ist gut erklärt; eher beiläufig Erwähntes allerdings enthält unfreiwillig auch, sagen wir, Vorschläge für Evolutionsschritte, die noch gar nicht – jedenfalls nicht so – stattgefunden haben. Das gilt für den fabelhaften Fortpflanzungstrick bei Buntbarschen (Seite 86); hier bezieht sich Daw-kins auf meine eigenen Arbeiten, verwechselt aber Männchen und Weibchen. Daß eine Orchideenblüte Wespenmännchen anlockt, weil sie durch Evolution die Form einer weiblichen Genitalöffnung angenommen hat (Seite 74), oder daß Pazifiklachse in den wenigen Tagen, die sie nach der Eiablage noch zu leben haben, noch Brutpflege betreiben (Seite 144), halte ich für äußerst unglaubwürdig, kann es aber nicht nachprüfen, weil der Text nicht auf einzelne Stellen des Literaturverzeichnisses verweist.

Die hypothetische Entwicklung von Leben auf irgendeinem Planeten schildert Dawkins als einen langen Weg über zehn Schwellen, darunter die der Vielzeller, der Spezialisierung von Nervenzellen, der Sprachentwicklung und der Technologie (Seiten 170 bis 179); Schwelle Nummer 10 ist die der Weltraumfahrt. Ein zufällig entstandenes Molekül mit der scheinbar harmlosen Eigenschaft, als Vorlage für die Herstellung eines gleichartigen Moleküls dienen zu können, hat nicht nur vielfältige Lebewesen, sondern auch eine explosive Vermehrung neuartiger Replikatoren, der "Meme", hervorgebracht, und zwar über ein Nervensystem, das Funktechnik erfand und eine Informationsexplosion begründete. Das ist der Moment, in dem ihre Auswirkungen vom Heimatplaneten aus andere Sternsysteme erreichen.

Gibt es erst einmal die Replikatoren, so beruht alles weitere auf exponentiellem Wachstum. Das wird an einem typischen Kettenbrieftext erläutert: "Machen Sie sechs Kopien von diesem Text und schicken Sie diese an sechs Bekannte. Ich flehe Sie an, retten Sie damit Ihre und meine Seele" (Seiten 164 und 165). War Francis Crick so pfiffig, in seiner Werbeempfehlung darauf anzuspielen?



Aus: Spektrum der Wissenschaft 11 / 1996, Seite 130
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
11 / 1996

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 11 / 1996

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