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… und sprachen das erste Wort. Die Entstehung von Sprache und Schrift. Eine Kulturgeschichte der menschlichen Verständigung.

Econ, Düsseldorf 1996. 352 Seiten, DM 48,–.

Dies ist eins der seltenen Bücher, die zum Weiterlesen verlocken, einerlei auf welcher Seite man sie aufschlägt. Dies liegt zum einen an den faszinierenden Fragen – Wie ist die menschliche Sprache entstanden, und wie ihre schriftliche Fixierung? –, zum anderen an der Fülle neuer Antworten. Die Wissenschaft ist in rasanter, geradezu abenteuerlicher Entwicklung begriffen, und so stößt man auf fast jeder Seite des Buches auf Informationen, die unser mageres Schulwissen auf den Kopf stellen

Können Affen sprechen lernen? Klassische Philosophen wie Johann Gottfried Herder (1744 bis 1803) hielten das für unmöglich: „So hat noch kein Affe, da er doch immer gestikuliert, sich ein Vermögen erworben, mit seinem Herrn pantomimisch zu sprechen und durch Gebärden menschlich zu diskutieren.“ Und dann berichtet Martin Kuckenburg von den zahlreichen Versuchen, das Gegenteil zu beweisen. Das amerikanische Ehepaar Hayes versuchte in den vierziger Jahren jahrelang vergeblich, einer Schimpansin namens Gua (nicht Viki, wie Kuckenburg fälschlich schreibt) die menschliche Sprache beizubringen. Andere Artgenossinnen waren lernfähiger: Washoe sorgte gegen Ende der sechziger Jahre für Schlagzeilen, weil sie zahlreiche Wörter der Taubstummensprache ASL (American Sign Language) beherrschte; Sarah erlernte eine eigens erfundene Zeichensprache. Ein Schimpanse namens Nim enttäuschte dagegen seinen Trainer, den Psychologen Herbert Terrace, der daraufhin alle bisherigen Erfolge in Zweifel zog. Der gegenwärtige Superstar der Szene, der Bonobo Kanzi, erlernte dagegen fast von selbst die Symbolsprache, die man seiner Adoptivmutter Matata vergeblich beizubringen suchte.

Dieses willkürlich gewählte Thema nimmt im Buch nur wenige Seiten ein. Der Verfasser, der in Tübingen Geschichte und Völkerkunde studierte und als Sachbuchautor auf den Gebieten Archäologie und Kulturgeschichte arbeitet, ist nicht auf bestimmte Forschungsrichtungen fixiert. Mit der gleichen Akribie diskutiert er in seinem Buch andere Fragen: Kann man es als Sprache begreifen, wenn eine Honigbiene ihren Stockgenossinnen durch den Tanz die Lage von Nahrungsquellen mitteilt? Kann man aus der Schädelform der Hominiden und der Anatomie des menschlichen Lautbildungsapparats erschließen, wann die Sprache entstanden ist? Gibt es archäologisch nachweisbare Formen der Zusammenarbeit und des Zusammenlebens, die eine entwickelte Sprache zwingend voraussetzen? Was besagt die Lage des Sprachzentrums im Gehirn über den Kontext von Intelligenzleistungen, in dem die Sprachfähigkeit entwickelt wurde?

Ebenso spannend wie der erste Teil über die Sprache ist der zweite über die Schrift. Nach traditioneller Vorstellung entstanden aus dem Bedürfnis, die Schilderung von Geschehnissen zu fixieren, Bilderschriften, die sich zu Wort-, Silben- und Buchstabenschriften fortentwickelten. Dem stellt Kuckenburg die Ergebnisse der neueren Forschung entgegen. Danach hat sich die Keilschrift aus einem Herrschaftsmittel entwickelt, nämlich aus der Buchführung der zentralisierten Sklavenhalterstaaten Vorderasiens. Aber man ist nicht in Gefahr, aus – noch so sensationellen – Einzelergebnissen voreilige Schlüsse zu ziehen: Ein Vergleich mit der Schriftentstehung in Ägypten, ein Exkurs über die jüngsten Erfolge bei der Entzifferung der Mayaschrift und Überblicke über andere frühe Schriftsysteme wie die Indusschrift und die chinesische Schrift sowie über die Entstehung der Buchstabenschriften sorgen für die notwendige Vielfalt.

Es ist nicht nur der Inhalt, der jede Seite des Buches spannend macht, sondern vor allem auch die Art ihrer Behandlung. Kuckenburgs Buch gehört nicht zu jenen Heroengesängen auf die Leistungen der Wissenschaft, bei denen man spätestens bei der fünfzehnten Heldentat ins Gähnen gerät. Es führt den Leser vielmehr mitten hinein in die aktuelle Auseinandersetzung. So bleibt es dem Leser selbst überlassen zu entscheiden, ob er jenen folgen will, die auch die Sprachkünste des Affen Kanzi nur als einen – wenn auch unbeabsichtigten – Dressureffekt deuten, oder jenen, die in Kanzi den „Affen an der Schwelle des menschlichen Geistes“ sehen. Nicht einmal die prekäre Abgrenzung zur Pseudowissenschaft bleibt ausgespart: Mit Umsicht diskutiert Kuckenburg auch Sensationsmeldungen wie jene über die vermeintlich 7000 Jahre alte Schrift der auf dem Balkan beiheimateten Vinca-Kultur oder Fälschungen wie die 1924 in Glozel bei Vichy ausgegrabenen angeblich neolithischen Tontafeln.

Am Ende des Buches hat man ein begründetes Urteil darüber, welche Fragen zur Sprach- und Schriftentstehung die Wissenschaft beantworten kann und welche nicht – und zugleich mehr offene Fragen als zuvor. Man wartet sehnsüchtig auf die Fortsetzung, aber die kann nicht Martin Kuckenburg, sondern nur die Wissenschaft selber schreiben.

Eine Warnung ist allerdings anzubringen. Das Buch ist eine überarbeitete Neufassung des bereits 1989 erschienenen Taschenbuches „Die Entstehung von Sprache und Schrift“ und mit diesem in weiten Teilen identisch. Ich als Büchernarr würde es mir wegen der Überarbeitung und der vorzüglichen Ausstattung selbst dann kaufen, wenn ich die alte Version schon hätte.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 1999, Seite 119
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 1999

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 1999

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