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Universität unterm Hakenkreuz. Teil I: Der Professor im Dritten Reich. Bilder aus der akademischen Provinz. Teil II (zwei Bände): Die Kapitulation der Hohen Schulen. Das Jahr 1933 und seine Themen


Die Geschichte der Universitäten im Dritten Reich ist in offiziellen Darstellungen lange Zeit ignoriert oder beschönigt worden, bis in den sechziger und frühen siebziger Jahren eine Literatur außerhalb der etablierten Wissenschaft sich des Themas annahm. Diese Pionierarbeiten griffen zumeist nur auf - oftmals sehr aussagekräftiges – gedrucktes Material zurück. In den letzten Jahren ist durch detaillierte, auf nunmehr zugänglichem Archivmaterial basierende Lokalstudien ein differenziertes Bild entstanden; zu nennen sind hier vor allem die Arbeiten zu Köln, Göttingen und zuletzt in wohl einzigartigem Umfang zu Hamburg (Spektrum der Wissenschaft, Juni 1994, Seite 126). Eine Überblicksdarstellung fehlt jedoch noch völlig.

Diesen Zustand versucht Helmut Heiber (Jahrgang 1924), jetzt im Ruhestand befindlicher Mitarbeiter des Münchener Instituts für Zeitgeschichte, zu beenden. Bekannt geworden ist er durch seine Arbeiten über die Nationalsozialisten Joseph Goebbels (1897 bis 1945) und Walter Frank (1905 bis 1945) sowie seine Überblicksdarstellung zur Weimarer Republik in der Reihe "dtv-Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts". Seit den sechziger Jahren arbeitet er an einem umfangreichen, auf fünf Teile angelegten Werk, von dem nun die ersten beiden vorliegen. Angekündigt sind je ein Teil über nationalsozialistische und staatliche Institutionen im Hochschulbereich, Berufungen und Beurteilungen sowie einzelne Fächer. Ein mehrere tausend Seiten umfassendes Gesamtwerk ist zu erwarten. Dabei werden aufgrund der Arbeitslast die Technischen Hochschulen nur teilweise und die Studierenden gar nicht einbezogen (Teil I, Seite 18).

Heiber hat mit großem Fleiß breitgefächerte Archivstudien unternommen, wobei er nicht überall offene Türen fand. Das gilt auch für seinen früheren Arbeitgeber, dessen wissenschaftlicher Beirat die Publikation abgelehnt hat. Daraufhin ist der Verlag K. G. Saur eingesprungen.

Der Autor geht nicht analytisch vor, vielmehr erzählt er im Stil des 19. Jahrhunderts Geschichten "aus den Quellen". Öfters distanziert er sich von den gängigen sozialwissenschaftlichen Methoden; Tabellen lehnt er geradezu kategorisch ab. Leider hat er auch zu dem strukturierenden Instrument der Gliederung ein sehr distanziertes Verhältnis, so daß die von ihm produzierte Textmasse recht amorph bleibt und die Unterscheidung von zentralen Aussagen und singulären Einzelfällen häufig schwerfällt. Ausdrücklich will er keine Synthese leisten, sondern die Details nebeneinander stehenlassen. Darum können seine Ergebnisse kaum zusammengefaßt werden.

Seine zum Teil berechtigte Kritik an dem, was er "Soziologen-Pidgin" nennt (Teil I, Seite 143), ist in dieser Grundsätzlichkeit überzogen und schadet ihm nur. Was ist seine Alternative? Er will lesbar, feuilletonistisch schreiben und ein größeres, bildungsbürgerliches Publikum erreichen. Dem stehen der hohe Preis und der Umfang des Werkes entgegen. Auch sein Stil ist nicht immer ein "intellektuelles Vergnügen" (Teil I, Seite 143). Lange Sätze und zahlreiche Einschübe in Klammern, in denen er mit der gesellschaftlichen Entwicklung seit den sechziger Jahren abrechnet und vor allem politisch linke Positionen attackiert, erschweren die Lektüre. Weniger wäre mehr gewesen.

Das gilt auch für den Inhalt. Viele der ausführlich geschilderten Einzelfälle sind bereits bekannt, weil andere Autoren mit speziellerer Themenstellung schneller an die Öffentlichkeit gehen konnten. Es ist freilich nachvollziehbar, daß Heiber auf seine vorher sorgsam recherchierten Einzelergebnisse gleichwohl nicht verzichten wollte.

Im Gegensatz zu den von ihm stark kritisierten Schriften der sechziger Jahre konzentriert sich Heiber gänzlich auf Archivmaterial, zieht gedruckte Quellen aus der Zeit seltener heran und verzichtet bewußt auf die Auswertung der vorliegenden Literatur (Teil I, Seite 21) - was seine Gesamtdarstellung und seine immense Arbeit dann doch entwertet. So spekuliert er über das bereits genannte Projekt zur Geschichte der Hamburger Universität im Dritten Reich (Teil II, Band 2, Seiten 142 bis 153), obwohl die Ergebnisse seit 1991 gedruckt vorliegen. Die Studie von Geoffrey J. Giles über "Students and National Socialism in Germany", die er noch als Ankündigung nennt, ist bereits 1985 in Princeton erschienen. Zumindest an dieser Stelle hätte er seine Aussagen vor der Drucklegung überprüfen müssen.

Der Rückgriff auf die archivarischen Quellen ist aber insgesamt sehr nützlich, zumal die einzelnen Bände durch Personen- und Ortsregister vorzüglich erschlossen sind. Allerdings werden nicht immer alle Aussagen sorgfältig belegt, und manches vor Jahrzehnten gesichtete Material ist inzwischen in Archiven und mit neuen Signaturen versehen.

In seinem ersten Teil widmet Heiber sich "dem Professor" und will "Bilder aus der akademischen Provinz" – so der Untertitel – wiedergeben. Dabei entsteht im Gesamtkontext der Eindruck, daß er sich gegen positive Identifikationsfiguren der politischen Linken – wie den Philosophen Theodor Lessing (1872 bis 1933) und den Theologen Günther Dehn (1882 bis 1970) – abzugrenzen versucht.

Ein wichtiger und wenig bekannter Einzelfall (Teil I, Seiten 491 bis 495) sei hier herausgegriffen, weil er zeigt, daß das Schwarzweiß-Schema Nationalsozialisten auf der einen, Gegner auf der anderen Seite modifiziert werden muß: Rudolf Degwitz (1889 bis 1973), der Direktor der Hamburger Kinderklinik, war schon frühzeitig nach dem Ersten Weltkrieg mit dem Nationalsozialismus in Kontakt gekommen und hatte 1923 in München am Marsch auf die Feldherrnhalle teilgenommen. Dennoch erkannte er seit 1933 die negativen Seiten des Regimes immer deutlicher und scheute auch hochschulöffentliche Kritik nicht. Während des Zweiten Weltkrieges wurde seine Opposition immer entschiedener; deutlich warnte er vor dem Siegestaumel der ersten Kriegsjahre. Die pointierten Bemerkungen in seinen Vorlesungen machten ihn bekannt, und die Kinderklinik wurde zu einem Sammelpunkt oppositioneller Ärztinnen und Ärzte.

Dennoch blieb er selbst ein Einzelkämpfer. Obwohl schon seit 1941 von der Gestapo observiert, wurde er erst zwei Jahre später aufgrund einer Denunziation seines Kollegen Paul Mulzer (1880 bis 1947) verhaftet. Der Volksgerichtshof verurteilte ihn aufgrund seiner medizinischen Verdienste nur zu sieben Jahren Zuchthaus. Kurz vor Kriegsende konnte er aus dem Gefängnis fliehen und später seine Tätigkeit an der Universitätsklinik wieder aufnehmen. Im Jahre 1948 allerdings emigrierte er in die USA, nicht zuletzt aufgrund der unzureichenden Entnazifizierung an den deutschen Universitäten.

Seine zwei Jahre zuvor publizierte, noch im Krieg geschriebene Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit "Das alte und das neue Deutschland" wird von Heiber inhaltlich leider nicht vorgestellt. Degwitz forderte, daß jeder Arzt, der NSDAP-Mitglied gewesen war, aus dem Staatsdienst entlassen werden sollte. In seinem Kündigungsschreiben brachte er seine Kritik auf den Punkt: "Und wer soll der akademischen Jugend einprägen, daß die Hitlerzeit eine Zeit der Schande war, wenn durch ihre Stellung ganz besonders dafür Verantwortliche zurückkehren... und die wenigen von Anfang an antinationalsozialistischen Dozenten wieder eine ebenso machtlose Minderheit bilden wie in der Hitlerzeit? ... Sie werden zwar nicht für Hitler eintreten, aber ihr Nationalismus, aus dem das Nazitum geboren wurde, bleibt unverändert und muß bewußt oder unbewußt zum Ausdruck kommen."

Am Ende des ersten Teils steht das Ergebnis, daß der "Citoyen Professor" als Intellektueller dem Nationalsozialismus gegenüber skeptischer gewesen sei als der durchschnittliche "Volksgenosse", der "Bourgeois Professor" aber nicht resistenter als andere Teile des Bildungsbürgertums (Teil I, Seite 501). Heiber konzentriert sich also auf die Haltung der Hochschullehrer zum nationalsozialistischen Regime. Diese Frage ist zwar zentral, doch deckt sie allein das Thema "Der Professor im Dritten Reich" nicht ab. Wichtig sind ebenso die soziale Herkunft dieser Elitegruppe, ihr Selbst- und Fremdverständnis sowie ihre soziale Mobilität. Wie wirkte sich beispielsweise die antiintellektuelle Volksgemeinschaftsideologie auf Status und Prestige der Professoren aus?

Im zweiten Teil schildert Heiber ausführlich die Auswirkungen der Machtübertragung an die Nationalsozialisten für die Universitäten, institutionelle und persönliche Veränderungen ("akademische Rochaden") und die Konsequenzen für Rektoren und Kuratoren. Gerade die Rektoren haben oftmals die bestimmende Rolle bei der Gleichschaltung gespielt. Heiber kommt es – ganz im Sinne des Kulturwissenschaftlers Aby Warburg (1866 bis 1929) – auf die Detaildarstellung an, da er dort die Wahrheit vermutet (Teil II, Seite 736). Diese vielen Einzelheiten können hier nicht einmal angedeutet werden; jeder kann die ihn interessierende Universität nachschlagen.

Vorläufiges Fazit: Helmut Heiber gebührt großer Respekt für seine immense Arbeitsleistung. Gerade die noch angekündigten Teile seines Lebenswerkes versprechen eine Bereicherung unseres Wissens. Auch wenn insgesamt nicht die erwartete kompakte Überblicksdarstellung entsteht, so liegt doch auf jeden Fall schon jetzt eine Studie mit vielfältigen Einzelinformationen vor.

Dennoch: Geschichte ist mehr als die Summe von Geschichten. Für Universitätshistoriker bleibt weiterhin viel zu tun.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 4 / 1995, Seite 123
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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