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Verdammt zur Unmoral? Zur Naturgeschichte von Gut und Böse


„Moral ist eine biologische Kategorie.“ Franz M. Wuketits, Dozent für Wissenschaftstheorie und Philosophie der Biologie an der Universität Graz, versteht diese – im Vorwort aufgestellte – These seines Buches allerdings nur so, daß die Biologie die Grenzen angebe, die alle ethischen Forderungen einhalten müssen (Seite 212). Und er räumt überdies ein, daß der Mensch aufgrund der Flexibilität seines Gehirns imstande sei, seine biologischen Grenzen hinter sich zu lassen (Seite 213). Damit bleibt von der Bindung der Ethik an die Biologie im Verlauf der Untersuchung wenig übrig. Worum geht es dem Verfasser dann?

In erster Linie um die Überwindung der idealistischen Ethik: Sie unterwerfe den Menschen überindividuellen oder übernatürlichen (häufig auf Gott gegründeten) Regeln, ohne auf seine genetischen Verhaltensdispositionen Rücksicht zu nehmen; ihre Forderungen blieben daher oft unverständlich oder „nicht lebbar“ – wie zum Beispiel die Sexualethik der katholischen Kirche. Solches „Elend“ (Seite 42) will Wuketits durch seine „evolutionäre Ethik“ überwinden. Denn sie stelle vor die Frage „Was soll der Mensch tun?“ die Frage „Was kann er tun?“; und sie antworte aufgrund der wissenschaftlichen Erkenntnisse der Biologie nebst ihren Teildisziplinen (Ethologie, Neurobiologie, Evolutionsbiologie, Soziobiologie und anderen) zum einen mit der Benennung eines Rahmens, der die ethischen Anforderungen an das menschliche Handeln begrenzt, und zum anderen mit der Zeichnung eines Menschenbildes, das durchaus moralkonforme Züge trägt.

Beide, Handlungsrahmen und Menschenbild, haben sich nach Ansicht des Verfassers in der Evolution allmählich herausgebildet. Charakteristisch für sie seien einerseits Egoismus und demgemäß Kampf konfligierender Interessen, andererseits Altruismus und Kooperation beim Verfolgen gemeinsamer Interessen. Moralkonform sei lediglich der Altruismus: Ethik bedeute, daß „Altruismus von den meisten Menschen geschätzt wird, während das Prinzip Eigennutz unmoralisch erscheint“ (Seite 84).

Da Evolution Fortschritt bedeute, könne man verleitet sein, auch auf moralischem Felde an einen Fortschritt zu glauben. Dagegen stehe jedoch der Einwand, daß der Fortschritt in der Natur ziellos sei und schon deshalb keine Grundlage für den sittlichen Fortschritt bilden könne. Die spezielle Leistung des Evolutionsgedankens in der Ethik liege daher auf anderem Gebiet: Er nehme erstens die biologische Tatsache, daß Menschen genetisch nur zur Kooperation in Kleingruppen prädestiniert sind, zum Keim der Erkenntnis, daß es kultureller Anstrengung bedarf, damit wir auch dem Fremden mit Sympathie (und nicht mit Haß) zu begegnen lernen. Und er lehre uns zweitens zu unterscheiden zwischen dem nur sogenannten und dem wirklich Bösen, als welches sich dem Verfasser Exzesse, insbesondere der Gewalt, darstellen. Demgemäß sieht er es als Forderung einer praktischen Ethik an, die „positiven“ Lebensgefühle des Menschen zu fördern, darunter insbesondere unser angeborenes Mitgefühl mit anderen Menschen, aber auch mit Tieren.

Das Ethos, welches das Buch durchzieht, ist sympathisch. Um so mehr bedauere ich, daß es Wuketits nicht gelingt, seine Ansichten in sich konsistent zu begründen und sie gegen naheliegende Einwände abzusichern. Hauptgrund für diesen Mangel ist meines Erachtens, daß Wuketits seine evolutionäre Ethik ausschließlich in Gegnerschaft zur idealistischen Ethik Immanuel Kants entwickelt. Dieser steht seit jeher eine am (empirisch zu ermittelnden) Wohl des Menschen orientierte naturalistische Ethik entgegen. Vor allem mit ihr hätte sich der Verfasser auseinandersetzen und dabei angeben müssen, inwiefern sein biologischer Ansatz auch für sie eine Bereicherung bedeutet.

Überdies verkennt er die idealistische Ethik Kants, wenn er ihr „ewige Werte“ zu entnehmen sucht. Diese ist, zumindest ihrer Intention nach, formal; sie weist lediglich einen materialen Wert auf, den auch Wuketits (Seite 232) für seine Ethik in Anspruch nimmt: die Würde des Menschen.

Daß dieser Wert sich mit Hilfe einer naturalistischen Ethik nicht begründen läßt, scheint er nicht zu bemerken – wie er überhaupt die Grenzen seines naturalistischen Standpunkts wenig reflektiert und nur selten strikt einhält. Auch scheint ihm zu entgehen, daß sich aus dem von ihm kreierten „Recht auf positive Lebensgefühle“ (Seite 222), das er zudem mit verschiedenen anderen Grundsätzen – so dem Verbot „exzessiver“ Gewalt und der Forderung nach sozialer Organisation in „kleineren Einheiten“ (Seite 217) – verquickt, keine konkreten moralischen Folgerungen ableiten lassen – allenfalls eine Anzahl von Gemeinplätzen, mittels derer sich über die praktischen Fragen der Gegenwart wie Abtreibung, Euthanasie, Fremdenhaß und Genozid zwar trefflich disputieren, aber nichts entscheiden läßt.

Trotzdem regt sein Buch zu vertieftem Nachdenken über ethische Probleme und ihre Begründbarkeit an. Denn es versucht, ohne theologische und kulturspezifische Prämissen auszukommen, ist in einer leicht verständlichen Sprache geschrieben und informiert zumindest über die biologischen Grundtatsachen der Diskussion zuverlässig. Über manche Ungenauigkeit auf ethischem und juristischem Gebiet wird man hinwegsehen können (und müssen).


Aus: Spektrum der Wissenschaft 9 / 1993, Seite 112
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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