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Verhaltensentwicklung


Die Entwicklung des Verhaltens, sei es im Leben eines Individuums oder im Laufe der Evolution, ist ohne Frage eines der faszinierendsten Gebiete der Verhaltensforschung. Das vorliegende Buch ging aus einer Tagung hervor, die im Oktober 1987 von der Gesellschaft für physikalische und mathematische Biologie sowie vom Institut für Verhaltensbiologie und Zoologie der Humboldt-Universität Berlin veranstaltet wurde. Außer den genannten Themen Verhaltensontogenese und -phylogenese haben die Herausgeber Entwicklungsaspekte der Verhaltensforschung beim Menschen und beim Nutztier als Schwerpunkte gesetzt.

Die Themen der einzelnen Beiträge sind so weit gestreut, wie das Vorwort ("Vielfalt der Fragestellungen") ankündigt; einzelne Beiträge passen selbst in den weiten Rahmen nur mühsam, wie etwa der an sich sehr informative Artikel "Die Modulation des Nahrungsverhaltens und der Thermoregulation durch Neuropeptide" des Prager Physiologen Ladislav Jansk´y. Auf den ersten Blick vermittelt das Buch demnach einen unordentlichen Eindruck. Das könnte allerdings auch gewollt sein, da es offensichtlich an einer übergeordneten thematischen Klammer fehlt.

Auch die Qualität der einzelnen Beiträge ist sehr unterschiedlich. Der Artikel "Verhaltensbiologische Probleme im perinatalen Zeitraum" des (Ost-)Berliner Zoologen und Mitherausgebers Martin Nichelmann berührt ein Gebiet, das auf vielseitiges Interesse stößt, ist in seinen Aussagen aber sehr unpräzise bis verallgemeinernd; die an einzelnen Tierarten gewonnenen Ergebnisse werden ohne kritisches Abwägen auf andere Arten bis hin zum Menschen übertragen. Dem nicht sachkundigen Leser wird dadurch leicht ein falsches Bild vermittelt.

Zwei andere Beiträge sind sehr lesens- und lobenswert. Der Osnabrücker Biologe Hans-Heiner Bergmann gibt, bevorzugt an der Verhaltens- und Stimmentwicklung beim Auerhuhn, eine beispielhafte Darstellung der "Erscheinungen der jugendlichen Verhaltensentwicklung bei nestflüchtenden Vogelarten". In seinem Beitrag "Sexuelle Prägung und Steroidhormone" demonstriert der Bielefelder Verhaltensphysiologe Ekkehard Pröve die Vielschichtigkeit der sexuellen Prägung beim Zebrafinken. Er grenzt Prägung gegen Lernen ab und stellt die neuralen Grundlagen von Prägungsvorgängen sowie deren Beeinflussung durch Hormone dar. Gerade dieser Beitrag demonstriert, wie ein hochkomplexer Vorgang bis hin zum aktuellen Stand der Forschung darstellbar ist.

Zusammenfassend sei festgehalten: Das Buch ist eine Sammlung einzelner thematisch sehr unterschiedlicher Beiträge. Es wäre darum wünschenswert gewesen, eine gewisse Strukturierung vorzunehmen. So hätte es dem Gesamteindruck gutgetan, wenn alle Autoren eine knappe, klare Einführung ihrem jeweiligen Beitrag vorangestellt und sich nicht, wie in einigen Fällen, zu wenig ergiebigen Allgemeinaussagen verpflichtet gefühlt hätten. Auch die Zitierweisen sind sehr heterogen; das Sachverzeichnis fällt leider etwas knapp aus.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 1994, Seite 123
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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