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Verkannte Primaten


Einige der spektakulärsten Verhaltensbeobachtungen an wilden Primaten stammen von Affengruppen, die von den Wissenschaftlern an Futterplätze gelockt wurden. Nur mit diesem Trick gelang es, die Tiere in unübersichtlichem, weitläufigem Gelände überhaupt regelmäßig zu Gesicht zu bekommen und individuell kennenzulernen – die Voraussetzung für die meisten sozialen Studien an Säugern in der Wildnis. Manche dieser vor Jahrzehnten begonnenen Untersuchungen werden bis heute fortgeführt, etwa an Schimpansen in Ostafrika oder an japanischen Rotgesichtsmakaken.

Von Anfang an warnten Kritiker, die regelmäßige Fütterung an einem bestimmten Ort könne die Tiere in ihrem sozialen Verhalten deutlich beeinflussen. Vor allem verfälsche die unnatürliche räumliche Konzentration möglicherweise das Muster des Zusammenlebens.

Solche Skepsis fand zunächst wenig Widerhall – zu groß war die Begeisterung, endlich einen tieferen Einblick in das normale Verhalten von Tier- und Menschenaffen zu gewinnen. Auch bedeuteten die Freilandbeobachtungen sogar mit dieser sanften Nachhilfsmaßnahme noch langjährige, mühsame Arbeit. Aber vor allem die Erkenntnisse selbst, von denen viele in Lehr- und selbst Schulbücher Eingang gefunden haben, schienen die Vorgehensweise zu rechtfertigen. Inzwischen stützen sich zahlreiche Modelle der Evolution sozialen Verhaltens und der Entstehung kultureller Traditionen auch auf diese Untersuchungen an Primaten.

Dennoch sind die Einwände nie ausgeräumt worden. Und neue, zurückhaltendere Beobachtungen deuten nun darauf hin, daß sie sehr wohl berechtigt waren. So scheinen sich Mitglieder von Primatenpopulationen, die möglichst wenig von Wissenschaftlern in ihrem natürlichen Verhalten gestört wurden, manchmal in entscheidenden Einzelheiten anders zu benehmen als die Vorbilder für die akzeptierten Modelle („Science“, Band 279, Seite 1454, 6. März 1998).

Beispielsweise galt bisher als sicher, daß männliche Schimpansen zeitlebens in ihrer Herkunftstruppe bleiben – mit allen Konsequenzen, angefangen bei der Ausbildung von Ranghierarchien und Freundschaften über die Beschränkung der Fortpflanzungsmöglichkeiten bis hin zur Kriegsführung gegen rivalisierende Verbände. Nun aber gibt es Anzeichen dafür, daß dies in unbeeinflußten Schimpansenpopulationen nicht unbedingt die Regel ist und die Männchen sich hier mobiler und sozial flexibler verhalten.

Wie opportunistisch sich einige Primatenarten auf eine spezielle Situation einzustellen vermögen und welch weitreichende Konsequenzen dies haben kann, belegt etwa eine neuere Studie an Japanmakaken. Bisher dachte man, daß bei dieser Affenart – ebenso wie bei verschiedenen anderen – ranghohe Weibchen ihre soziale Stellung, vereinfacht gesagt, an die Töchter weitergeben. Doch in einer mittlerweile auch schon über Jahre beobachteten Truppe trifft das nicht zu. Der Grund ist offenbar einfach der, daß in dieser Population keine Fütterung Anlaß zu Rangeleien gibt: Unter natürlichen Umständen suchen sich die Tiere eher verstreut in kleinen Gruppen ihre Nahrung und brauchen sich nicht um den Zugang zu einer üppigen Quelle zu streiten; dadurch bekommen die Kleinen auch ohne Beistand der Mutter genug zu fressen. Weil somit seltener Auseinandersetzungen provoziert werden, dürfte die familiäre Herkunft des Nachwuchses andere Weibchen nicht so stark beeindrucken.

Solche von den Wissenschaftlern selbst als vorläufig eingestuften Berichte werden, so die derzeitige Einschätzung, zwar nicht bedeuten, daß man nun die Lehrbücher generell umschreiben müßte. Aber möglicherweise greifen einige der landläufigen Modelle über Primatenverhalten und seine Ursachen doch zu kurz.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 6 / 1998, Seite 21
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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