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Verschlüsselte Botschaften. Geheimschrift, Enigma und Chipkarte.

Rowohlt, Reinbek 1997.
368 Seiten, DM 45,-.

Der Autor ist ein hochangesehener Astronom, sein Buch "Licht vom Rande der Welt" ein Meilenstein der allgemeinverständlichen Wissenschaftsliteratur. Aber auf dem Gebiet der Kryptographie hat Rudolf Kippenhahn – bis zu seiner Emeritierung 1991 Direktor des Max-Planck-Instituts für Astrophysik in Garching – bisher weder publiziert, noch ist er bei den häufigen Fachkongressen der Crypto-Community durch Beiträge hervorgetreten. Auch konnte ich dem Vorwort nicht entnehmen, daß er ausreichende Unterstützung durch ausgewiesene Experten erhalten habe. So fürchtete ich ernstlich, er könnte aus dieser Jagd in fremdem und gefährlichem Gelände beschädigt hervorgehen. Um so größer war meine Überraschung und Erleichterung darüber, daß Kippenhahn sogar mit beträchtlichen Trophäen aufwarten kann.

Er beschreibt die wichtigsten kryptographischen Verfahren vom Altertum bis zur Gegenwart, von der Geheimschrift des Gajus Julius Cäsar bis hin zu den Sicherungsmethoden der heutigen Geldautomaten; und er setzt Maßstäbe, indem er die Verschlüsselung in den geschichtlichen Kontext stellt. Bisher hat kein Buch die Auswirkungen der Kryptographie auf das Weltgeschehen und auf die Schicksale der mit ihr verbundenen Menschen so detailliert und kenntnisreich dargestellt wie dieses.

Besondere Aufmerksamkeit widmet Kippenhahn der folgenschweren Zimmermann-Depesche. Im Januar 1917 hatte die deutsche Regierung versucht, Mexiko zum Krieg gegen die Vereinigten Staaten zu veranlassen mit dem Versprechen, eine siegreiche deutsche Weltmacht werde Teile von Texas – das seit 1845 zu den USA gehörte – an Mexiko zurückgeben. In einem verschlüsselten Telegramm beauftragte der deutsche Außenminister Arthur Zimmermann seinen Botschafter in Mexiko mit entsprechenden Verhandlungen (Bild Seite 124); es wurde abgefangen, entziffert, publiziert und hatte den Kriegseintritt der USA gegen Deutschland zur Folge. Kippenhahn schildert und deutet nicht nur die geschichtlichen Vorgänge, er beschreibt auch detailliert den verwendeten Code und das Verfahren der Entzifferung – einschließlich des Quentchen Glücks, das mitgeholfen hat.

Auch die Aufklärung des Systems der deutschen Verschlüsselungsmaschine Enigma und die Entzifferung ihrer Geheimtexte durch die Alliierten, die den Verlauf des Zweiten Weltkriegs wesentlich beeinflußte, ist sowohl historisch als auch kryptographisch exakt beschrieben. Kippenhahn erweist dabei den polnischen Mathematikern um den lange Zeit vergessenen Marian Rejewski (1905 bis 1980) die gebotene Hochachtung. Diese hatten schon vor dem Kriege die mathematischen Grundlagen zur Entzifferung der Enigma gelegt, auf denen die grandiosen Erfolge der Alliierten beruhten.

Eine weitere Passage beschäftigt sich mit der Spionagetätigkeit des als Pressekorrespondenten getarnten inoffiziellen Mitarbeiters der deutschen Botschaft in Tokio, Richard Sorge. Er unterrichtete die Sowjetunion am 12. Juni 1941 von den Plänen für den deutschen Angriff, der am 22. Juni begann, und im August darüber, daß Japan nicht gegen die Sowjetunion in den Krieg eintreten werde; Stalin konnte deshalb seine fernöstlichen Divisionen zur Verstärkung der sowjetischen Westfront einsetzen. Sorges hochintelligente Chiffrierverfahren sind ebenso exakt beschrieben wie das vergebliche Bemühen der Abwehrexperten, sie zu entziffern.

Doch geht es Kippenhahn nicht in erster Linie um Geschichte; vielmehr ist er geradezu ehrpusselig um kryptographische Genauigkeit bemüht. Sein Werk liest sich streckenweise wie ein Kriminalroman und enthält Informationen fast wie ein Lehrbuch.

Einige kritische Anmerkungen wird er mir mit meiner vierzigjährigen einschlägigen Berufserfahrung wohl nicht verübeln:

Kippenhahn weist mit Recht darauf hin, daß bei der Enigma, bedingt durch die sogenannte Umkehrwalze, Klar- und Geheimtextbuchstabe niemals gleich sein konnten. Das gab den Entzifferern wertvolle Hinweise; wenn nämlich ein an einer bestimmten Stelle vermutetes Wort mit dem Geheimtext auch nur einen Buchstaben gemeinsam hatte, war die Vermutung bereits widerlegt. Kippenhahn hat es jedoch versäumt, den entscheidenden Fehler zu benennen: Die Walzen der Enigma wurden von einem zu verschlüsselnden Buchstaben zum nächsten in systematischer Weise weitergedreht, und dies ermöglichte Rejewski einen Angriff mit algebraischen Mitteln.

Mit einem ungleichförmigen Walzenantrieb wäre die Enigma nie entziffert worden. Maschinen mit einer derartigen Technik waren bis in die sechziger Jahre sogar bei der NATO in Betrieb.

Einen Fehler begeht der Autor, indem er auch die Maschinen des schwedischen Ingenieurs und Industriellen Boris Caesar Wilhelm Hagelin unter die Durchgangswalzenmaschinen einreiht. Tatsächlich hat es in der Geschichte der Kryptographie zwei wesentlich verschiedene elektro-mechanische Maschinenelemente gegeben, die Durchgangswalze der Enigma und das Lückenzahnrad der Hagelin-Maschinen. Beide stehen gleichberechtigt nebeneinander. Unter der Bezeichnung M 209 wurden Hagelin-Maschinen im Zweiten Weltkrieg von den Alliierten ausgiebig eingesetzt - und ihre Geheimtexte von den deutschen Experten der OKW/Chi, der zentralen Chiffrierstelle beim Oberkommando der Wehrmacht, tagtäglich entziffert, wiederum wegen ihres gleichförmigen Antriebs. Varianten mit ungleichförmigem Antrieb waren noch viele Jahre nach dem Kriege im Einsatz und sind meines Wissens nie entziffert worden.

Den Schöpfern der asymmetrischen Chiffrierverfahren, Whitfield Diffie und Martin Hellman (Spektrum der Wissenschaft, Oktober 1979, Seite 92), erweist Kippenhahn nicht die gebührende Ehre. Zu verschlüsseln und den Schlüssel zu veröffentlichen, aber trotzdem das Entschlüsseln so schwer zu machen, daß es ohne ein geheimes Wissen, eine sogenannte Falltür (trapdoor), unmöglich ist – diese Idee ist eine wissenschaftliche Glanztat.

Zum Schluß wirft Kippenhahn die Frage auf, ob das nach seinen Entwicklern Ronald Rivest, Adi Shamir und Leonard Adleman benannte RSA-Chiffrierverfahren und damit ein wesentliches Mittel des geschäftlichen geheimen Datenverkehrs zusammenbräche, wenn völlig überraschend das Faktorisierungsproblem gelöst würde (Spektrum der Wissenschaft, September 1996, Seite 80). Er weist selber darauf hin, daß dies sehr unwahrscheinlich ist. Ich kann eine weitere Beruhigung hinzufügen: Das RSA-Verfahren ist, weil es zu langsam ist, zum Mittel des Schlüsselaustauschs degeneriert, wie der Autor richtig erkannt hat. Dafür gibt es jedoch Moderneres, zum Beispiel das ElGamal-Verfahren, dessen Sicherheit nicht auf dem Problem der Faktorisierung, sondern auf dem des diskreten Logarithmus beruht (Spektrum der Wissenschaft, Mai 1995, Seite 46).

Ist dieses Buch unter die großen Bücher des Autors, von denen ich eines erwähnt habe, einzureihen? Ich meine ja. Dem interessierten Laien bietet es spannende und dennoch anspruchsvolle Lektüre. Kippenhahn dürfte sich damit die Ehrenmitgliedschaft in der exklusiven Crypto-Community erworben haben.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 10 / 1997, Seite 123
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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