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Verwandtschaft, Freundschaft und die Gesellschaft der Fremden. Grundlagen menschlichen Zusammenlebens.

Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1995.
236 Seiten, DM 49,80.

Nach einer sehr verbreiteten Auffassung kann eine humanwissenschaftliche Erforschung des Menschen und der Menschenwelt nur dann angemessen und – im Ansatz wie im Ergebnis – wahrhaft "human" sein, wenn sie von der Natürlichkeit des Menschen absieht und sich auf das – von dieser prinzipiell geschiedene – Geistige, Kulturelle und Gesellschaftliche richtet und beschränkt. Das klingt einleuchtend und selbstverständlich, fast trivial; die Überzeugung hat ihre Anhänger innerhalb und außerhalb der scientific community. Sie gründet in altehrwürdigen philosophischen und theologischen Auffassungen von der spezifischen Differenz des Menschen, und sie scheint – zumal in Deutschland – zwingend geboten, weil sich der Aberwitz und die Destruktivität naturalistischer und biologistischer Lehren in der jüngeren Vergangenheit so klar und so schrecklich erwiesen haben.

Gerade vor diesem geschichtlichen Hintergrund fordern vor allem Sozial- und Kulturwissenschaftler, es seien alle Aus- und Übergriffe von seiten naturwissenschaftlicher Erklärungsweisen auf ihr angestammtes Gebiet, wie sie jüngst wieder im Umkreis der sogenannten Soziobiologie zu beobachten waren, entschieden und vollständig abzuwehren, damit das Eigentümliche und Eigentliche der menschlichen Existenz bewahrt bleibe. So edel die eine solche Auffassung bestimmenden Motive auch sind, so brüchig ist doch oft die Argumentation und so fragwürdig bei näherer Betrachtung zudem, ob sie den guten Absichten wirklich dient.

Gerhard Vowinckel, Soziologe und Kulturwissenschaftler an der Universität Hamburg, unternimmt es in seiner Studie zu zeigen, daß elementare – aber keineswegs bloß archaische – Formen menschlicher Vergesellschaftung und Kultur nur aus einem Zusammenspiel biogenetischer und soziogenetischer sowie, zwischen diesen vermittelnd, psychogenetischer Faktoren zu erklären sind. Er will also demonstrieren, "daß die Anordnung von Natur und Kultur auf ein und derselben Betrachtungsebene, daß die Vorstellungen eines Gegensatz- oder auch eines Ersatz- und Äquivalenzverhältnisses zwischen Natur und Kultur unhaltbar sind", daß das "Material", dessen sich die kulturelle Evolution bedient, "hundertprozentig Natur" sei und daß "die scheinbar unnatürlichsten Verhaltensweisen, die künstlichsten Sozialgebilde... der menschlichen Natur abgewonnen" würden (Seite 7).

Diesen gewiß nicht bescheidenen Absichten und Ansprüchen werden die Analysen Vowinckels in hohem Maße gerecht. Nach einer einleitenden Klärung der eigenen Leitgedanken und Begriffe, verbunden mit einer kritischen Diskussion verschiedener, regelmäßig moralisch-politisch (miß-)interpretierter Naturbegriffe, präsentiert der Autor in den Hauptkapiteln die Befunde der naturwissenschaftlichen Forschung, also insbesondere der Soziobiologie und der Verhaltensforschung, in sehr kenntnisreicher und klarer Weise, prüft sie nüchtern und setzt sie in Beziehung zu der Fülle des Materials, das die historischen und kulturvergleichenden Kultur- und Sozialwissenschaften bereitstellen.

So wird das stammesgeschichtliche Erbe als Triebkraft und Stoff, aber auch als Grenze menschlicher Vergesellschaftung erkennbar; zugleich aber zeigt sich, welch immense Spielräume der Gestaltung und Entwicklung vermittels genuin kultureller Interpretationen und Normierungen ("Semantiken") dieses Erbe eröffnet und wie weit sich die sozio-kulturellen Erfindungen von den Mechanismen der "biotischen Evolution" entfernen können.

Dies wird besonders deutlich in der Diskussion der verschiedenen Formen von Altruismus. Im Prinzip müßte jedes Gen, das seinen Träger dazu veranlaßt, die eigenen Fortpflanzungschancen zugunsten derer eines anderen Individuums zu mindern, auf die Dauer aussterben, es sei denn, der Begünstigte ist ein Verwandter und verhilft dem Gen so indirekt zu Nachkommen, oder das altruistische Individuum erhält einen Lohn für seine gute Tat in Form einer Gegenleistung.

Schon der stammesgeschichtlich stark vorgeprägte Verwandtschaftsaltruismus findet sich stark kulturell überformt und abgewandelt; das gilt noch mehr für den im Kern ebenfalls natürlichen Bedürfnissen entspringenden, aber vergleichsweise deutungsoffenen Reziprozitätsaltruismus. Und die differenzierten und verunpersönlichten Sozialverhältnisse der modernen Gesellschaft (einer "Gesellschaft der Fremden") stehen, so bemerkt Vowinckel zu Recht, sogar weitgehend im direkten Gegensatz zu den "spontanen sozialen Neigungen der menschlichen Natur" – so sehr, daß sich eine Revitalisierung und politische Instrumentalisierung solcher Neigungen (wie sie besonders hemmungslos im Nationalsozialismus praktiziert wurde) gegen fundamentale Existenz- und Funktionsvoraussetzungen moderner Gesellschaften richtet.

Diese Erkenntnis, aber auch die generelle Einsicht in die Eigendynamik und das eigene Recht der "kulturellen Evolution" halten den Autor zuverlässig davon ab, die Schwächung und den Abbau von biotisch vorgegebenen Sozialbindungen oder Bindungsbereitschaften als Niedergang oder Verfall zu interpretieren. Andererseits plädiert er mit guten Gründen dafür, diese Bindungsbedürfnisse und Bindungschancen in ihrer fortdauernden Bedeutung, ihrer Notwendigkeit und ihrer Problematik gerade auch bei der kultur- und sozialwissenschaftlichen Erforschung gegenwärtiger Verhältnisse nicht zu verkennen: Man soll nicht übersehen, daß diese Bedürfnisse auch in den modernen Gesellschaften auf Erfüllung drängen und diese auf die eine oder andere Weise auch finden werden.

Aus den wohlbegründeten, wohldurchdachten und zudem wohlformulierten Argumenten Gerhard Vowinckels folgt, daß die eingangs angeführte Selbstgenügsamkeit der Humanwissenschaften nicht nur unrealistisch, sondern auch wenig menschenfreundlich und in politisch-moralischer Hinsicht sehr riskant ist.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 2 / 1997, Seite 106
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
2 / 1997

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 2 / 1997

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