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Medizin: Vom Gehirn gesteuert: die Erektion

Potenzprobleme des Mannes haben verschiedenste Ursachen. Da das Zentralnervensystem die Erektion steuert, beruhen erektile Dysfunktionen oft auch auf neuronalen Störungen. Neue Medikamente zielen auf die Sexualzentren im Gehirn ab.


Vor 500 Jahren schrieb Leonardo da Vinci über das männliche Glied: "Der Penis gehorcht keineswegs dem Befehl seines Herrn. Der möchte ihn willentlich aufrichten oder schrumpfen lassen. Doch wenn sein Herr schläft, stellt sich der Penis von selbst auf. Demnach muss man ihm nach allem Ermessen wohl einen eigenen Willen zusprechen."

Der große Künstler und Forscher der Renaissance (er lebte von 1452 bis 1519) untersuchte heimlich an den Leichen Gehängter anatomische Zusammenhänge und erkannte als Erster, dass sich der Penis bei einer Erektion mit Blut füllt. Doch mit dem eigenen Willen irrte Leonardo.

Denn das Glied steht vollständig unter der Kontrolle vom zentralen Nervensystem oder ZNS, also vom Gehirn und Rückenmark. Wie der Urologe William D. Steers von der Universität von Virginia in Charlottesville betont, kann jede Störung im Netzwerk der Nervenverbindungen zwischen Penis und ZNS Erektionsprobleme hervorrufen.

In den letzten Jahrzehnten hat sich die Forschung über die männliche Erektion neu orientiert. Dank der Fortschritte der Molekularbiologie verstehen wir nun viel besser, welche Prozesse im Penis selbst zu seiner Versteifung und Wiedererschlaffung führen. Hierauf können wir aufbauen, wenn wir jetzt auch der zentralnervösen Kontrolle der Erektion und anderer Sexualfunktionen nachgehen. Zwar ist dieses Forschungsgebiet noch jung. Aber wir sind zuversichtlich, dass aus den Ergebnissen dieser wissenschaftlichen Arbeiten neue Therapien für Millionen von Männern erwachsen werden, die unter Potenzstörungen leiden. Von manchen der neuen Erkenntnisse erwarten wir auch für Frauen mit Sexualproblemen neue Behandlungsansätze. Die Erforschung der weiblichen Sexualität und ihrer Störungen ist längst nicht so weit wie die der männlichen. Immerhin beginnen wir bereits zu erkennen, worin sich die Vorgänge bei den beiden Geschlechtern ähneln – denn vieles gleicht sich verblüffend. Wir sehen aber auch zunehmend, worin die weibliche Sexualität sich von der männlichen unterscheidet.

Eine Erektion beruht auf einer komplizierten Folge von Vorgängen, die genau aufeinander abgestimmt sein müssen, gewissermaßen wie bei einem Orchesterwerk. Das Zentralnervensystem übt dabei sozusagen die Rolle des Dirigenten aus. Selbst damit der Penis seine Ruhe hat, muss das ZNS arbeiten. Dafür, dass er bei fehlender Erregung schlaff bleibt, sorgen bestimmte Teile des "sympathischen Nervensystems", eines Astes des so genannten vegetativen Nervensystems: Sie schränken dann aktiv den Blutfluss zu dem Organ ein.

Die Sexualreaktion beruht auf einem dynamischen Gleichgewicht zwischen erregenden und hemmenden Einflüssen im Penis wie in den Instanzen des Nervensystems. Während das "sympathische Nervensystem" eine Erektion eher verhindert, bildet der "parasympathische" Zweig des autonomen Nervensystems einen von mehreren wichtigen erregenden Schaltwegen. Ob die sexuelle Erregung nun durch physische Stimulation der Geschlechtsorgane oder psychisch ausgelöst wird, etwa durch einen Geruch oder den Anblick eines Menschen, vielleicht nur durch den Gedanken an jemanden – die erregenden Nervenfasern im Penis reagieren dabei, indem sie so genannte pro-erektile neuronale Botenstoffe (Neurotransmitter) freisetzen. Zu ihnen gehören Stickstoffmonoxid (NO) und Acetylcholin.

Bei einer Erektion bewirken diese Botenstoffe, dass die Muskulatur der Penisarte-rien erschlafft. Dadurch weiten sich die Arterien, und in die schwammartigen Gewebe der Schwellkörper des Penis fließt vermehrt Blut ein. Dabei füllen sich kleine Blutkammern prall. Die Ausdehnung drückt die Venen zusammen, über die das Blut sonst abfließen würde, bis sie fast verschlossen sind und das Blut sich staut. (Sildenafil-Citrat, der Wirkstoff der "Potenzpille" Viagra, verlangsamt den Abbau eines der Moleküle, welche die Entspannung der Arterienmuskulatur aufrecht erhalten; dadurch bleiben diese Gefäße länger geweitet.)

Während einer Erektion sendet das Zentralnervensystem nicht nur Nervensignale zum Penis. Sondern es erhält auch welche von ihm. Werden die speziellen Berührungsrezeptoren gereizt, die das Glied in besonders hoher Dichte besitzt, gelangen diese Signale zu Rückenmark und Gehirn. So beeinflusst der Penis seinerseits die Befehle der höheren Zentren. Auch wenn er also nicht selbstständig zu "denken" vermag, hält er das ZNS doch sehr wohl über seine "Gefühle" informiert. Nach dem Orgasmus, beziehungsweise wenn die Erregung abklingt, geht die Erektion schnell zurück, und das sympathische Nervensystem begrenzt wieder den Bluteinstrom.

Eine übermäßige Aktivierung des sympathischen Nervensystems, etwa durch Stress oder Kälte, kann bewirken, dass das Glied vorübergehend noch stärker erschlafft und schrumpft. Umgekehrt treten Erektionen vermehrt auf, wenn die sympathische Aktivität abgeschaltet ist, wie bei den Erektionen im Schlaf. Diese Erektionen ereignen sich vor allem in "REM-Schlafphasen" (in denen – wohl beim Träumen – schnelle Augenbewegungen, rapid eye movements, auftreten). Im REM-Schlaf sind nämlich sympathische Neuronen im "Locus coeruleus" abgeschaltet, einem Kern im Stammhirn oder Hirnstamm. (Zum Hirnstamm gehören stammesgeschichtlich alte Hirnteile, in denen Steuerzentren für viele Grundfunktionen des Körpers sitzen). Manche Wissenschaftler vermuten, dass wegen der Hemmung dieses sympathischen Gehirnzentrums nun andere, pro-erektile neuronale Bahnen die Oberhand gewinnen. Wir Sexualforscher scherzen, dass im Schlaf die Batterien aufgeladen werden, denn das Organ erhält dabei auch frischen Sauerstoff. (Auch Frauen haben im Schlaf regelmäßig Erregungen – vier- bis fünfmal pro Nacht –, wobei sich die Schamlippen, die Vagina und die Klitoris vergrößern.)

Nicht bei jeder Erektion gibt erst das Gehirn den Befehl dazu. Manche Erektionen entstehen bei Berührung des Penis rein als Reflex über das Rückenmark – entsprechend nennen Mediziner sie "reflexogen" im Gegensatz zu den "psy-chogenen" –, ähnlich wie unsere Hand unwillkürlich zurückzuckt, wenn wir plötzlich eine heiße Herdplatte berühren. Dieser Erektionsreflex ist tief unten im Rückenmark verankert, was die Bedeutung der Fortpflanzungsfunktion erkennen lässt.

Aufschluss über diese Verschaltung gewannen Mediziner hauptsächlich an Soldaten mit Rückenmarksverletzungen, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg. Bis dahin galten Querschnittgelähmte allgemein als vollständig und für immer impotent und steril – verständlicherweise, denn schließlich stellt das Rückenmark gewissermaßen die Haupt-Schnellstraße des Nervensystems dar, die zwischen dem Gehirn und den Nerven der Peripherie Informationen hin- und herschickt. Tatsächlich kann sich aber ein Rückenmarksschaden je nach Ort und Ausmaß sehr verschieden auswirken.

1949 zeigte der Arzt Herbert Talbot in einer mittlerweile klassischen Studie, dass viele Männer mit einer schweren und sogar mit einer totalen Rückenmarksläsion weiterhin Erektionen haben. Von 200 vom Hals ab gelähmten Männern, die er untersuchte, hatten zwei Drittel diese Potenz behalten. Einige von ihnen konnten auch weiterhin vaginalen Geschlechtsverkehr vollziehen und zum Orgasmus kommen.

Wie die Mediziner durch diese Beobachtungen erkannten – wobei sie sich auch auf Tierstudien vom Ende des letzten Jahrhunderts stützen konnten –, sitzt ein wichtiges Erektionszentrum weit unten im Rückenmark: im "Kreuz"- oder "Sakralmark", im Bereich der Rückenmarkssegmente S2 bis S4. (Andere Zentren im Rückenmark für die Sexualfunktion liegen höher, teils noch im Brustmark. Das Kreuzmark wird dem Kreuzbein der Wirbelsäule zugerechnet, liegt aber wegen des unterschiedlichen Wachstums von Wirbelsäule und Rückenmark viel weiter nach oben versetzt, etwa auf Höhe der oberen Lendenwirbelsäule. Die Nerven treten allerdings erst zwischen den Kreuzbeinwirbeln aus.)

Bei taktiler Reizung gelangen sensorische Signale vom Penis über einen Ast des "Pudendus-Nervs" zum Erektionszentrum im Kreuzmark. Über Zwischenneurone des Rückenmarks werden dort dann die parasympathischen Nervenzellen stimuliert, welche erektionsauslösende Signale zu den Blutgefäßen des Penis schicken. Auch bei Rückenmarksverletzten sind Erektionen oft möglich, solange dieser Reflexbogen funktioniert. Manche Querschnittgelähmten haben trotz eines zerstörten Kreuzmarks Erektionen. Hieran scheinen mitunter höher gelegene Abschnitte des Rückenmarks beteiligt zu sein. Und selbst einige vom Hals abwärts gelähmte Patienten können psychogen eine Erektion erzeugen. Wie das Gehirn dann diese Signale weitervermittelt, ist allerdings noch unklar.

Das Gehirn ist das wichtigste Sexualorgan


Wenn das Erektionszentrum im Kreuzmark intakt ist, die Verbindung zum Gehirn aber nicht mehr besteht, treten Erektionen typischerweise häufiger auf als vorher, auch bei vergleichsweise geringerer taktiler Reizung. Dies zeigen auch Tierstudien. Beispielsweise fand 1979 der Experimentalpsychologe Benjamin D. Sachs von der Universität von Connecticut in Storrs heraus, dass Ratten mit durchtrenntem Rückenmark mehr als zehnmal so viele Erektionen haben wie normal. Auch kamen die Erektionen wesentlich schneller zu Stande.

Offenbar fällt bei unterbrochenem Rückenmark eine Hemmung weg, die das Gehirn normalerweise auf dieses ausübt. Das für die Hemmung verantwortliche Zentrum im Gehirn identifizierten 1990 die Physiologen Kevin E. McKenna und Lesley Marson, die damals an der Northwestern University in Evanston (US-Bundesstaat Illinois) arbeiteten. Es handelt sich um eine spezielle Neuronengruppe im Hinterhirn, das zum Stammhirn gehört. Zerstörten die Forscher bei Rattenmännchen diese Kerngruppe, den "Nucleus paragigantocellularis" (PGN), dann traten häufigere und intensivere Erektionen auf.

Die beiden Wissenschaftler erkannten auch, dass die PGN-Neuronen ihre Signale größtenteils direkt bis zu den erektionserzeugenden Neuronen im unteren Rückenmark senden. Die Nervenendigungen der PGN-Neuronen setzen dort den Botenstoff Serotonin frei. Das Serotonin verhindert Erektionen, indem es die Wirkung von pro-erektilen neuronalen Botenstoffen aufhebt.

Diese Entdeckung ist auch für die Behandlung von Patienten aufschlussreich, die beispielsweise bei einer Depression Medikamente erhalten, welche unter anderem das Angebot an Serotonin im Gehirn erhöhen. Dazu gehören Antidepressiva wie Prozac (Fluctin) und Paxil, so genannte selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI). Eine häufige Nebenwirkung der Behandlung sind sexuelle Störungen, insbesondere eine verzögerte oder blockierte Ejakulation bei Männern und geringes sexuelles Interesse und Orgasmusschwierigkeiten bei Frauen. Offenbar kann die medikamentöse Steigerung des Serotoninspiegels im Zentralnervensystem die natürlichen Hemm-Mechanismen für bestimmte sexuelle Funktionen verstärken.

Andere Patienten mit sexuellen Problemen hingegen ziehen aus dieser Medikamentenwirkung gerade Nutzen. Bei Männern mit zu frühem Samenerguss zögert sich dadurch der Orgasmus hinaus. Ob die zentrale Hemmwirkung von Serotonin verstärkenden Medikamenten auch Männern mit abnorm gesteigertem Sexualdrang hilft, müssen die Mediziner erst noch genauer untersuchen. Unter Umständen ließen sich sogar krankhafte sexuelle Neigungen etwa zu Kindern behandeln.

Die Wissenschaftler diskutieren verschiedene Erklärungen zum Sinn der aufwendigen Kontrollmechanismen, mit denen das Zentralnervensystem Sexualverhalten blockieren kann. Zum Beispiel könnte diese Hemmung nach Meinung von John Bancroft von der Indiana University in Bloomington eine Anpassung sein, die verhindern hilft, dass sich jemand wegen sexueller Begierden leichtfertig in zu große – auch gesundheitliche – Gefahr begibt oder allzu sehr verausgabt. Vielleicht ist die Hemmung auch dazu gut, wiederholte Ejakulationen bei einem Geschlechtsakt zu verhindern, was den Spermienvorrat erschöpfen könnte und somit die Fruchtbarkeit verringern würde.

Und auch die normalerweise begrenzte Dauer der Erektion macht Sinn. Denn wenn sie zu lange anhält, wächst die Gefahr, dass das Penisgewebe Sauerstoffmangel erleidet und abstirbt, weil kein frisches Blut zirkuliert. Eine Erektionsdauer von mehr als vier Stunden gilt als akuter medizinischer Notfall. Dies kommt bei verschiedenen Krankheiten vor, zum Beispiel bei Sichelzellenanämie, Leukämie oder bei bestimmten Entzündungen oder Thrombosen im Genitalbereich, aber auch bei Einnahme bestimmter Medikamente. Mitunter haben auch Potenz steigernde Mittel eine solche gefährliche Nebenwirkung.

Normalerweise hat das Gehirn bei der Erektion die Oberhand. Zur männlichen Sexualreaktion tragen sehr viele Gehirnregionen bei, von den Stammhirnzentren, die Körpergrundfunktionen regeln, bis zu Gebieten der Hirnrinde, die für gedankliche und intellektuelle Leistungen zuständig sind. Alle in dem Zusammenhang bisher von uns erkannten Zentren stehen offenbar in engem Austausch untereinander. Deswegen stellen wir uns mittlerweile unter der Kontrolle des Gehirns über die Sexualfunktion nicht mehr vor, dass in strenger Folge eine Kette von Einzelstationen durchlaufen wird. Sondern wir denken, dass ein Netzwerkverbund diese Kontrolle leistet, dessen Glieder über viele Gebiete im Gehirn und Rückenmark verteilt sind. Dies würde auch erklären, wieso Erektionen oft weiterhin möglich bleiben, selbst wenn eine oder mehrere der Kontrollregionen krankheits- oder verletzungsbedingt ausfallen.

Eine wichtige Gehirninstanz für die Steuerung sexuellen Verhaltens stellt beispielsweise der Hypothalamus dar. Dieses kleine Gebiet im Zwischenhirn (einem Teil des Hirnstamms) ist als Verbindungsstelle zwischen Nerven- und Hormonsystem bedeutsam, und es wirkt bei der Kontrolle bestimmten grundlegenden Verhaltens mit, so bei der Nahrungsaufnahme und bei aggressiven Handlungen. Im Hypothalamus untersuchen Wissenschaftler zur Zeit intensiv eine bestimmte Zellgruppe, die anscheinend bei der sexuellen Funktion Entscheidendes zu sagen hat: die "Area praeoptica medialis" (MPOA).

François Giuliano von der Universität Paris-Süd und seinem Team gelang es kürzlich, bei Ratten durch elektrische oder chemische Reizung dieses Feldes Erektionen auszulösen. Offenbar integriert die MPOA bei der Sexualität Reize aus vielen Hirnregionen. Anscheinend hilft sie beim Organisieren und Dirigieren der komplexen Muster des Sexualverhaltens. Einige Forscher vermuten sogar, dass dieses Areal auch für das Erkennen eines Sexualpartners wichtig ist.

Auch der "Nucleus paraventricularis" liegt im Hypothalamus. Dieser Kern ist ebenfalls für die männliche Sexualfunktion wichtig. Auch er verarbeitet Botschaften aus verschiedenen Gebieten von Hirn und Rückenmark und gibt welche an andere Stellen weiter. Dieser Kern setzt bei sexueller Erregung die Substanz Oxytocin frei. Als Hormon ist Oxytocin schon länger als Stimulans bekannt, das bei Säugetierweibchen die Uteruskontraktionen bei der Geburt und die Milchproduktion anregt. Außerdem wirkt Oxytocin im Gehirn als "Liebesbote": Bei vielen Tierarten fördert die Substanz Paarbindungen und feste soziale Beziehungen, vor allem auch die Mutter-Kind-Bindung (siehe auch "Monogamie bei der Präriewühlmaus", Spektrum der Wissenschaft 8/93, S. 62). Beim Mann hat Oxytocin als neuronaler Botenstoff im Gehirn aber auch eine starke pro-erektile Wirkung. Es bindet sich wie alle solche Botenstoffe an Zielneurone und beeinflusst dadurch deren Signale. In dem Fall aktiviert es erregende Nervenbahnen, die vom Erektionszentrum des Rückenmarks zum Penis laufen.

Über den nachweislichen Einfluss der höheren an der männlichen Sexualfunktion beteiligten Hirnzentren wissen wir noch nicht besonders viel. Immerhin enthüllen die wenigen vorhandenen Studien einiges Erstaunliche. Kürzlich hat Serge Stoleru vom französischen Nationalen Institut für Gesundheit und medizinische Forschung (Inserm) in Paris die Aktivität der Hirnrinde sexuell erregter Männer mittels Positronen-Emissions-Tomographie (PET) aufgezeichnet. Dazu zeigte der Forscher den Männern Sexfilme, harmlose Kalauer oder Landschaftsfilme. Bestimmte Gebiete in der Hirnrinde wurden nur bei den Sexfilmen aktiviert (Bilder oben). Dazu gehörten auch Bereiche, die mit emotionalen Erfahrungen und mit der Kontrolle des autonomen Nervensystems zu tun haben.

Neue Medikamente für die Gehirnfunktionen


Sexualforscher untersuchen auch die Bedeutung von Lernen und Gedächtnis für die Erektion. So zeigte der Psychologe Raymond Rosen vom Robert-Wood-Johnson medizinischen Institut in New Brunswik (US-Bundesstaat New Jersey), dass gesunde Männer trainiert werden können, Erektionen auf Wunsch als Reaktion auf nicht-sexuelle Reize oder geistige Vorstellungen hervorzurufen. In einer Versuchsreihe erhielten sie als Gegenwert Geld. Unter Rückmeldung durch eine Lichtanzeige lernten sie schnell, die Erektion allein mental zu steigern. Viele Untersuchungen beweisen den starken Einfluss von Lernen und Gedächtnis. Sonst wäre es nicht so einfach, eine Vielzahl von Objekten, etwa Kleidungsstücke, mit sexueller Lust in Verbindung zu bringen, bis hin zum Fetischismus.

Als Erektionsstörung, erektile Dysfunktion oder im Extremfall erektile Impotenz bezeichnen Mediziner die mangelhafte oder fehlende Versteifung des Penis trotz sexueller Erregung. Immer mehr Männer leiden unter solchen Potenzproblemen. Je besser wir die Beteiligung des Zentralnervensystems bei den verschiedenen sexuellen Funktionen verstehen, desto mehr werden wir auch seine bestimmende Rolle bei diesen Störungen begreifen. Wir hoffen, mit unserer Forschung den Boden für eine Reihe neuer Therapien bereiten zu können.

Die erektile Dysfunktion als Gesundheitsproblem nimmt wegen der Alterung der Bevölkerung zu. Eine Erhebung, die wir vor einigen Jahren bei Boston durchführten, ergab, dass etwa vierzig Prozent der über vierzigjährigen Männer und an die siebzig Prozent der siebzigjährigen solche Schwierigkeiten haben, manche mehr, manche weniger. Wenn erst die geburtenstarken Jahrgänge in dieses Alter vorrücken, wird die Zahl der Betroffenen noch weiter wachsen. Wir rechnen damit, dass sie sich in den nächsten 25 Jahren verdoppelt. Weltweit werden dann voraussichtlich 330 Millionen Männer unter sexuellen Funktionsstörungen leiden.

Ein Erektionsproblem tritt zwangsläufig auf, wenn die Nervenimpulse vom ZNS den Penis aus irgendeinem Grunde nicht erreichen. Das kann viele Ursachen haben. Zum Beispiel werden die Penisnerven manchmal bei einer Prostatakrebsoperation verletzt – mitunter ist dies unvermeidlich. Diabetes kann zu Schäden in Nerven und Blutgefäßen im Penis führen. Viele neurologische Defekte, wie Rückenmarksverletzungen, Parkinson, Multiple Sklerose oder ein Schlaganfall ziehen oft Erektionsstörungen nach sich (Bild Seite 43). Und da das Gefühlsleben und der geistige Zustand ebenfalls den Nervenimpulsfluss zum Penis regulieren, ist es kein Wunder, dass Stress, Depression, Angst oder Verärgerung oft Potenzstörungen erzeugen.

Die Forscher beginnen bereits mit der Entwicklung einer neuen Generation von Medikamenten, die über das Zentralnervensystem wirken – statt wie Viagra im Glied direkt. Das erste zugelassene dieser neuen Potenzmittel wird voraussichtlich die Substanz Apomorphin (Handelsname Uprima) sein, die ähnlich wirkt wie der neuronale Botenstoff Dopamin. Apomorphin bindet sich an bestimmte Rezeptoren in zwei der erwähnten Gehirnregionen: im Nucleus paraventricularis und in der MPOA. Es schaltet die pro-erektilen Wege gewissermaßen frei. Für die USA erwarten wir bald eine Entscheidung über die Zulassung. Auch in Europa wird sie angestrebt.

Potenzprobleme nehmen zu


In anderen Zusammenhängen setzen Mediziner den Wirkstoff Apomorphin seit über hundert Jahren ein. Der Morphin-Abkömmling wirkt bei Vergiftungen als starkes Brechmittel. Er hilft unter anderem auch gegen Parkinson – bei dem das Gehirn nicht mehr ausreichend Dopamin bildet –, hat allerdings starke Nebenwirkungen. Doch seine Eignung bei Erektionsstörungen untersuchen die Wissenschaftler erst seit Mitte der achtziger Jahre. Zu den ersten dieser Forscher gehörten der Psychiater R. Taylor Segraves von der Case Western Reserve University in Cleveland (US-Bundesstaat Ohio) und der Urologe Jeremy P. W. Heaton von der Queen’s University in Kingston (Ontario, Kanada). Seither haben Mediziner die erektionsfördernde Wirkung von Apomorphin in klinischen Studien an mehr als 3000 Männern getestet. Das Ergebnis: Die Substanz eignet sich zur Behandlung einer Vielzahl von Formen von Erektionsstörungen.

Wie alle Medikamente kann auch Apomorphin unerwünschte Nebenwirkungen haben. Viagra etwa, das heute am häufigsten verschriebene Potenzmittel, verursacht mitunter Kopfschmerzen, Anschwellen der Nasenschleimhaut und Gesichtsrötung. Bei Apomorphin kann anfangs Übelkeit auftreten. Vielleicht können die Mediziner in Zukunft manche Männer wirkungsvoller behandeln als jetzt, wenn diese Apomorphin unterstützend zu einer direkt auf den Penis wirkenden Maßnahme erhalten.

Die meiste Forschung über Sexualfunktionen galt bisher dem Mann und der Erektion. Um die entsprechenden Funktionen bei Frauen hat die Wissenschaft sich viel weniger gekümmert. Dieses Ungleichgewicht schwächt sich nun langsam ab, je mehr deutlich wird, dass bei beiden Geschlechtern Störungen der Sexualfunktion außerordentlich häufig vorkommen – und behandelbar sind. Eine kürzliche Umfrage in Amerika ergab, dass von den über 3000 erfassten Personen sogar deutlich mehr Frauen als Männer Probleme angaben: Von den Männern taten dies 31 Prozent, von den Frauen 43. Auch nach Behandlungsmöglichkeiten von weiblicher sexueller Dysfunktion sucht die Forschung inzwischen. Das Labor, in dem ich arbeite, prüft zum Beispiel gerade in einer klinischen Studie, ob Apomorphin eine zu geringe sexuelle Erregung bei Frauen steigern kann.

Die Kontrolle von Gehirn und Rückenmark über sexuelle Erregbarkeit, Orgasmus und verschiedene sexuelle Funktionen gleicht sich bei Frauen und Männern in einigen Aspekten. So tritt bei beiden Geschlechtern im Schlaf bei Hemmung des sympathischen Nervensystems Erregung der äußeren Geschlechtsorgane auf. Auch sinkt bei beiden Geschlechtern die sexuelle Bereitschaft, wenn sie selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRIs) einnehmen. Aber auch die Unterschiede dürfen wir nicht außer Acht lassen, wie die Tatsache, dass Männer nach einem Orgasmus für Minuten bis Stunden nicht sexuell erregbar sind, wohl aber Frauen.

Seit Leonardo da Vinci haben wir eine Menge dazugelernt. Gerade die letzten zehn Jahre haben uns wesentlich weitergebracht. Aber nicht nur die Forschung hat vieles dazugewonnen. Auch die Einstellung der Gesellschaft gegenüber sexueller Gesundheit hat sich verändert. Noch vor wenigen Jahren blieben Erektionsstörungen meist unbehandelt.

Heute können wir hierüber, wie auch über andere Sexualprobleme, viel offener sprechen als noch vor wenigen Jahrzehnten. Millionen von Männern lassen sich inzwischen wegen Erektionsproblemen helfen. Zum einen messen die Menschen der sexuellen Gesundheit jetzt mehr Bedeutung bei. Zum anderen stehen für Funktionsstörungen wirksamere und praktischere Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung. In naher Zukunft ist sogar ein noch breiteres Angebot zu erwarten – auch für Frauen. Allmählich entsteht ein eher ganzheitliches Verständnis vom sexuellen Wohlbefinden, dank der zunehmenden Einsicht in die vorherrschende Rolle des Gehirns bei der Kontrolle der Sexualität. Diese Sicht führt Kopf und Körper zusammen. Und sie wird beiden Geschlechtern gerecht.

Literaturhinweise

The Brain is the Master Organ in Sexual Function: Central Nervous System Control of Male and Female Sexual Function. Von K. McKenna in: International Journal of Impotence Research, Bd. 11, Heft 1, S. 548, 1999.

Neural Control of Penile Erection. Von F. Giuliano, et al. in: Urology Clinics of North America, Bd. 22, Heft 4, S. 747, Nov. 1995.


Glossar



ZNS, Zentralnervensystem


Dazu gehören Rückenmark und Gehirn. Beide Organe verarbeiten und integrieren Informationen aus der Körperperipherie und von den Sinnesorganen.

vegetatives oder autonomes Nervensystem, auch Eingeweidenervensystem


Funktionelle Bezeichnung für Bereiche des ZNS und des peripheren Nervensystems. Funktionell wird es unterteilt in das "sympathische Nervensystem" (Sympathikus) und das "parasympatische Nervensystem" (Parasympathikus). Die beiden wirken in vielem als funktionelle Gegenspieler. Das vegetative Nervensystem kontrolliert viele physiologische Reaktionen, beispielsweise Blutdruck und Herzschlagsfrequenz. Die Erektion entsteht durch Impulse vom Parasympathikus.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 10 / 2000, Seite 36
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
10 / 2000

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 10 / 2000

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