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Vom Urknall zum Menschen.

F. A. Brockhaus, Leipzig/Mannheim 1999. 704 Seiten, DM 98,–.


Es ist aus dem Brockhaus-Verlag, hat Umfang und Format eines Brockhaus-Bandes – aber es ist kein Lexikon! Dafür sind die Kapitel zu lang. Es ist auch kein Sachbuch, das man von vorne bis hinten durchlesen möchte; bei stolzen 1,9 Kilogramm ermüden eher die Armmuskeln als die Gehirnzellen. Es ist ein neuartiges Zwischending, dem noch weitere folgen sollen: Die Reihe "Mensch, Natur, Technik" ist auf sechs Bände angelegt.

Wie gelingt es den neun Autoren und den herausgebenden Redakteuren, die 14 Milliarden Jahre seit dem Urknall in erstaunlicher Detailfülle auf 700 Seiten – im Durchschnitt nur ein Buchstabe für je 5000 Jahre – unterzubringen?

Als Leitfaden des Buches dient der Begriff der Evolution. Alles, was ist – das Universum, die Sterne, die Erde, der Mensch –, ist entstanden, hat sich entwickelt aus dem, was vorher da war, und in ständiger enger Rückkopplung mit dem, was gleichzeitig da war und sich ebenfalls änderte und weiterentwickelte. Dies mag trivial klingen, doch ist diese Erkenntnis kaum 150 Jahre alt (und wird von einigen unserer Zeitgenossen wie den Kreationisten noch immer bestritten). Wenngleich der Biologe Charles Darwin den Begriff Evolution nicht benutzte, haben wir es doch ihm zu verdanken, daß er sich in der Biologie durchsetzte und schließlich auch in den "unbelebten" Wissenschaften wie der Geologie und der Astronomie Eingang fand. Auch die Evolutionstheorie selbst hat eine gewisse Evolution erfahren, ebenso wie unser übriges Wissen.

Diesen Gedanken ist ein einführendes Kapitel des Buches gewidmet. Es folgen drei große thematische Teile: "Weltall und Sonnensystem", "Erde und Leben" sowie "Der Mensch erscheint". Der erste Teil führt zunächst in die Entwicklung des kosmischen Weltbildes und in die astronomischen Beobachtungs- und Meßverfahren ein, bevor dann die Eigenschaften und die Vielfalt von Sternen und Galaxien besprochen werden. Ein Kapitel über den Kreislauf der Materie beschreibt die verschiedenen Entwicklungsstufen im Kosmos vom Urknall über die Entstehung der Elemente bis zur Bildung von Sternen und Planeten.

Damit wird nahtlos zum zweiten Teil übergeleitet, der die Frühzeit der Erde, deren weitere Entwicklung und die Evolution des Lebens von den ersten Einzellern bis zu den Säugetieren zum Thema hat. Anschaulich wird hier das komplexe Wechselspiel zwischen geologischen und klimatischen Veränderungen einerseits und den biochemischen Reaktionen und der geradezu explodierenden Vielfalt der Lebenswelt andererseits dargestellt.

Die tiefgreifenden biogenen Veränderungen der Erdoberfläche bereiteten über die Äonen hinweg schließlich den Boden für das Auftreten der Primaten. Deren weitere Entwicklung beschreibt der dritte Teil des Buches. Nach einer ausführlichen Darstellung des menschlichen Stammbaums anhand der wichtigsten Knochenfunde werden Ursprung und Ausbreitung des modernen Menschen diskutiert. Der Leser kann sich hier einen sehr guten Überblick über den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Debatte verschaffen.

Der angenehm sachlich geschriebene und reich illustrierte Band ist eine wahre Fundgrube. Wer sich relativ rasch über den Stand der Forschung in Astronomie, Kosmologie, Erdgeschichte und Paläoanthropologie informieren möchte, wird mit diesem Buch außerordentlich gut bedient. Die nach chronologischen und thematischen Gesichtspunkten gewählte Präsentation verspricht eine kurzweilige Lektüre.

Die Kapitel sind so geschrieben, daß man jederzeit in ein beliebiges Thema einsteigen kann. Das Schmökern wird auch durch das 22 Seiten umfassende Register erleichtert, welches das Buch zu einem idealen Nachschlagewerk macht.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 2000, Seite 100
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 2000

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 2000

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