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Die Azteken: Von den Pocken besiegt



Die Bewohner des Hochtals von Mexiko nannten sich selbst Mexi’ca’ und wurden deshalb von den spanischen Eroberern als Mexikaner bezeichnet. Erst im 18. Jahrhundert prägte der italienische Jesuit Lorenzo Boturini in seiner Geschichte Mexikos den Begriff "Azteken". Historiker gehen heute davon aus, dass die Azteken ursprünglich als Jägernomaden im Nordwesten des heutigen Mexiko lebten. So ist beispielsweise ihre Sprache, das Nahuatl, mit Dialekten dieser Region und einiger Gebiete im Südwesten der Vereinigten Staaten verwandt.Mitte des 12. Jahrhunderts machten sich die Vorfahren der Urmexikaner auf den Weg in Richtung Süden, der Legende nach auf Weisung ihres Gottes Huitzilopochtli. Mehr als hundert Jahre später erreichten sie etwa 65 Kilometer nordwestlich des heutigen Mexico City eine Ruinenstadt: Tula, den 1169 zerstörten Hauptsitz der Tolteken. Der immer noch lebendige Ruhm der Stadt veranlasste das Herrschergeschlecht der Azteken, ihre Ahnen fortan von diesem Stamm abzuleiten.

Am Texcocosee angekommen, der damals weite Teile des Tals von Mexiko füllte, mussten sie zunächst Auseinandersetzungen mit ansässigen Völkern überstehen, bis sie auf einer Insel das ersehnte göttliche Zeichen erkannten: einen Adler mit einer Schlange, der auf einem Kaktus saß. An jener Stelle gründeten sie Mitte des 14. Jahrhunderts Tenochtitlan, die künftige Hauptstadt. Auf dem Tempelplatz und in ihrem Palast liefen die Fäden der politischen Macht zusammen, während der Stadt Tlatelolco im Norden der Insel der Handel oblag. Anfangs beherrschten die Tepaneken das Hochtal, doch 1433 gelangten die Neuankömmlinge gemeinsam mit dem Stamm der Acolhua und einer Tepaneken-Fraktion an die Macht. Bald errang Tenochtitlan die Vormachtstellung im Bündnis, 1473 schluckte die expandierende Stadt auch Tlatelolco. Zur Blütezeit lebten etwa 100000 Menschen in der Metropole Tenochtitlan. Ein rasterartiges Netz von Kanälen durchzog die Stadt – da Fuhrwerke und Reittiere unbekannt waren, dienten Boote dem Warentransport. Sümpfe wurden entwässert, immer wieder Schlamm und Schilf abgelagert, um neuen Grund zu gewinnen. Der Zugang zur Inselstadt erfolgte über Dämme, und ein Aquädukt versorgte die Stadt vom Ufer her mit Trinkwasser. Abfälle und Fäkalien wurden zur Düngung der Felder verwendet oder in den See geleitet, wo eine Strömung sie davontrug.

Das Herrschaftsgebiet wurde so weit ausgedehnt, wie es Logistik und Verwaltung erlaubten. Doch am 8. November 1519 erreichte der spanische Feldherr Hernán Cortés (1485-1547) die Hauptstadt. Der amtierende König Montezuma II. begrüßte die Spanier respektvoll und wies ihnen einen Palast innerhalb der Stadtmauern zu. Doch die Gäste nahmen einen indianischen Überfall auf die spanische Kolonialstadt Veracruz als Vorwand, um den Herrscher festzusetzen. Es gibt keine befriedigende Erklärung, warum sich dieser mächtige und gefürchtete Mann fügte. Dass er in den Spaniern die von einem Mythos angekündigten weißen Götter sah, wie gern berichtet wird, bezweifeln Experten heute.Die Bevölkerung Tenochtitlans rebellierte im folgenden Jahr gegen die Eindringlinge, Montezuma starb. Die Spanier mussten unter schweren Verlusten und ohne die gestohlenen Schätze aus der Hauptstadt fliehen. Dort brachen bald die von den Europäern eingeschleppten Pocken aus und dezimierten die Bevölkerung. Im Mai 1521 kehrte Cortés zurück und belagerte das von der Epidemie geschwächte Tenochtitlan. Der neue König Cuauhtemoc, ein Neffe Montezumas, geriet am 13. August in Gefangenschaft. 1525 wurde er wegen der Beteiligung an einer angeblichen Verschwörung gehängt. Die Azteken hatten nunmehr ihren Führer verloren, die Spanier hingegen triumphierten militärisch wie organisatorisch. Mehr noch: Die Pocken hatten Tausende das Leben gekostet, die alten Götter waren kein Schutz gewesen. Apathie machte sich breit, und die einstigen Herrscher über das Tal von Mexiko mussten sich auf der untersten Stufe des neuen Gesellschaftssystems einrichten.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 10 / 2003, Seite 72
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
10 / 2003

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 10 / 2003

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