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Cannabis: Von der Einstiegs- zur Ausstiegsdroge?

Im Januar 2017 stimmte der Bundestag einem Gesetzesentwurf zu, nach dem Ärzte in Deutschland künftig schwer kranken Menschen Cannabis auf Rezept verordnen können. Der so genannte Medizinalhanf wird bislang meist bei starken chronischen Schmerzen eingesetzt. Doch die Droge kann offenbar nicht nur die Therapie körperlicher Beschwerden unter­stützen: Auch mancher psychisch erkrankte Patient dürfte vom kontrollierten Konsum profitieren, wie Forscher um den kanadischen Psychologen Zach Walsh von der University of British Columbia berichten.

Laut den Wissenschaftlern könne das oft als "Einstiegsdroge" kritisierte Cannabis Menschen dabei helfen, andere Süchte zu bekämpfen, etwa die nach Alkohol oder Opiaten – Stoffe, die nach Ansicht zahl­reicher Fachleute viel gefährlicher für die Gesundheit sind. Kontrolliert eingesetzt, unterstütze Hanf die Abstinenz von diesen schädlicheren Drogen. Es lindere beispielsweise Entzugserscheinungen wie Schmerzen und das starke Verlangen nach der jeweiligen Substanz.

Mindestens ebenso viel versprechend scheint der Einsatz von Hanf bei der Behandlung von Posttraumatischen Belastungsstörungen. Diese entstehen nach einschneidenden, lebensbedrohlichen Ereignissen; die Betroffenen können das Erlebte nicht vergessen, sind überaus angespannt, leicht reizbar und schreckhaft. Patienten, die Cannabis konsumieren, schlafen Studien zufolge länger und besser, sie haben weniger Albträume und erleiden auch tagsüber seltener »Flashbacks«, also kurze Episoden, in denen sie die bedrohliche Situation unwillkürlich im Geiste noch einmal erleben. Für soziale Phobien und saisonal-affektive Störungen ("Winterdepression") gebe es ebenfalls Hinweise auf eine mögliche segensreiche Wirkung von Cannabis, schreiben Walsh und Kollegen. Hier sei die Beweislage jedoch uneinheitlicher als bei den anderen beiden Erkrankungen.

Die Wissenschaftler weisen aber ebenfalls auf Risiken des Cannabiskonsums hin. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass die therapeutische Einnahme des Stoffs sich selbst zu einer Sucht entwickle. Das gelte vor allem für jene Patienten, die depres­sive Symptome aufweisen oder unter Schlafproblemen leiden. Aus diesem Grund seien auch Versuche der Selbsttherapie riskant: Wenn sich noch vor dem Beginn der eigentlichen Psychotherapie eine Cannabis­abhängigkeit entwickelt, schmälert das die Erfolgsaussichten. Des Weiteren ziehe der Konsum von Cannabis kurzfristig vorüber­gehende kognitive Beeinträchtigungen nach sich und erhöhe langfristig die Gefahr einer Psychose.

4/2017

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 4/2017

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  • Quellen
Clin. Psychol. Rev. 51, S. 15–29, 2017