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Psychologie: Von Natur aus anders - Die Psychologie der Geschlechtsunterschiede



Die Erzieherinnen im Kindergarten haben gesagt, mein Sohn sei ein ziemlich wilder Junge. Einer, der rauft und seine Spielkameraden haut. Dabei habe ich von Anfang an darauf geachtet, mit ihm sanft umzugehen, viel zu kuscheln, ihm vorzulesen. Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass er so ein Rabauke wird." "Ich habe mal gelesen, dass Mädchen sich vor allem an ihren Müttern orientieren, wenn es um den Umgang mit Technik geht. Also habe ich darauf geachtet, mehr selber zu machen – und Glühbirnen gewechselt, den Ölstand geprüft. Genutzt hat es nichts. Meine Tochter interessiert sich einfach nicht für Technik. In der Schule hat sie jetzt Physik und Chemie abgewählt."

Wer sich mit Müttern unterhält, hört oft solche Sätze. Eltern – vor allem die Mütter – machen sich heute viele Gedanken darüber, wie die Erziehung ihrer Kinder männliches oder weibliches Rollenverhalten beeinflusst. Eine einfache Frage ist das nicht. Denn einerseits hat sich bei der tatsächlichen Rollenverteilung in der Gesellschaft nicht viel getan: Immer noch sind Frauen in Führungspositionen dramatisch unterrepräsentiert. Die Zahl der Abiturientinnen, die sich für ein naturwissenschaftlich-technisches Studium entscheiden, steigt nur langsam. Immer noch verlangsamt sich die Karriere einer Frau entscheidend, wenn sie ein Kind bekommt. Andererseits war kaum etwas in den vergangenen fünfzig Jahren einem so starken Wechsel unterworfen wie die Vorstellungen von männlichen oder weiblichen Rollen. Während früher das Wort "Karrierefrau" einer üblen Beschimpfung gleichkam, gilt heute nur als "Powerfrau", wer Job und Kinder zumindest theoretisch mit links wuppt.

Die Psychologin und Soziologin Doris Bischof-Köhler, die im Bereich Entwicklungspsychologie an den Universitäten Zürich und München lehrt und forscht, hat eine beeindruckende Menge an Material zusammengetragen. Das Werk, in das sowohl eigene Arbeiten als auch eine umfangreiche Literaturrecherche eingeflossen sind, gibt einen umfassenden Überblick über aktuelle Hypothesen und Erkenntnisse zum geschlechtsspezifischen Verhalten. Bischof-Köhler setzt sich darin kritisch mit öffentlich viel beachteten Theorien zur Entwicklung der Geschlechtsidentität auseinander und berichtet über Studien, die stereotype Vorstellungen über Verhalten und Entwicklung von Mädchen und Jungen bestätigen oder widerlegen.

Ein Beispiel: Zunächst mag es ein wenig wie Folklore klingen, dass Erwachsene sich fremden Kleinkindern fürsorglicher und sanfter näherten, wenn ihnen gesagt wurde, es handele sich um Mädchen, während sie vermeintliche Jungen zu mehr Aktivität ermunterten. Doch Studien, in denen Wissenschaftler Testpersonen einen geschlechtsneutral gekleideten, einige Monate alten Säugling präsentierten und sie aufforderten, mit diesem zu spielen, entdeckten hier einen wahren Kern. Erhielten die Erwachsenen die Information, es handele sich um ein Mädchen, setzten sie dabei häufiger Puppen ein. Bei Babys, die als Jungen vorgestellt wurden, bevorzugte die Mehrheit der Testpersonen Autos – das tatsächliche Geschlecht des Säuglings spielte dabei keine Rolle.

Doch bereits einjährige Kinder steuern derartige Anregungen bewusst mit: Eine andere Untersuchung ergab, dass Jungen in diesem Alter deutlich weniger Interesse an Puppen als an Spielzeugautos zeigten, selbst wenn ihr Vater ihnen als Rollenvorbild den Umgang mit Mädchenspielzeug vorführte.

Die Entwicklung von geschlechtsspezifischem Verhalten ist ein interaktiver Prozess, der von vielen Faktoren gesteuert wird, erläutert Bischof-Köhler. Um diese im Einzelnen darzustellen, deckt sie eine große Menge an Aspekten aus den Fachbereichen Psychologie, Anthropologie, Biologie, Medizin und Soziologie ab. Neben der Analyse von väterlichen und mütterlichen Erziehungsstilen geht es in anderen Kapiteln unter anderem um Unterschiede zwischen männlicher und weiblicher Partnerwerbung, Geschlechtsrollen in unterschiedlichen Kulturen, die hormonelle Steuerung der Entwicklung und deren Störungen, Unterschiede bei verbalen oder visuell-räumlichen Fähigkeiten, Vor- und Nachteile der Koedukation, Selbstvertrauen und moralisches Bewusstsein.

Doris Bischof-Köhler beschreibt differenziert und erläutert in sachlichem Ton, sodass auch komplexe Zusammenhänge angemessen erörtert werden. Aus der Absicht, vor allem Informationen zu vermitteln und zu erklären, ist auch die ordentlich textlastige Gestaltung zu verstehen – mehr als 400 eng bedruckte Seiten ohne Fotos, allenfalls gelegentlich von Grafiken unterbrochen. Wer den sonst oft reißerischen Umgang mit Illustrationen bei diesem Thema gewöhnt ist, kann das durchaus als angenehm empfinden.

Etwas schwieriger wird es jedoch, wenn die Autorin sich nicht darauf beschränkt, Theorien zu diskutieren und wissenschaftliche Ergebnisse wiederzugeben, sondern diese Erkenntnisse auch subjektiv bewertet und außerdem noch in Bezug zur gesellschaftlichen Realität setzt. Bei der Vielzahl an Themen bleiben gerade diese an sich spannenden Teile relativ kurz und manchmal daher holzschnittartig. Dies gilt vor allem für die Ratschläge, die sie Frauen gibt, um Beruf und Familie zu vereinbaren: "Während der Familienphase sollte [die Frau] dafür Sorge tragen, nach Möglichkeit ein Bein in der Tür zu halten und vielleicht einmal wöchentlich in ihrem Beruf tätig zu werden, sodass ein Kompetenzeinbruch gar nicht eintritt." Dieser beliebte Allgemeinplatz könnte so auch in einer der vielen Ratgeberkolumnen einer x-beliebigen Frauenzeitschrift zu lesen sein. Konkreter und hintergründiger wird Bischof-Köhler jedoch nicht, sie kommentiert auch nicht, dass derartige flexible Arbeitszeitregelungen derzeit hier zu Lande nur in recht wenigen Arbeitsfeldern ermöglicht werden.

Dies ist – vor allem, aber nicht nur – für weibliche Leser enttäuschend und ärgerlich, ebenso wie die Tatsache, dass in dem Buch hin und wieder ebenfalls eher pauschale Urteile verkündet werden, wie etwa: "Im Übrigen sehen die schwedischen Frauen ihre berufliche Selbstverwirklichung fast ausschließlich in Teilzeitjobs und nicht in einer eigentlichen Karriere." Solche und ähnliche Sätze passen nicht in das sonst intelligent geschriebene und anspruchsvolle Buch.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 4 / 2003, Seite 106
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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