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Angemerkt!

Von wegen "gefühlte Moral"!

Ekel ist eine nützliche Emotion. Doch in ethischen Diskussionen hat er nichts verloren.
Manuela Lenzen

Menschen aller Kulturen ekeln sich vor Dingen, die Krankheiten verbreiten können – wie verdorbene Speisen, Tierkadaver oder offene Wunden. Doch dabei bleibt es nicht. So erregen beispielsweise auch inzestuöse Handlungen, bestimmte körperliche Makel oder fremde Gewohnheiten bei vielen Menschen Widerwillen. Manche Zeitgenossen schüttelt es selbst beim Gedanken an Abtreibung, an Piercing oder an die Homoehe.

Die Grundemotion Ekel, die laut Evolutionspsychologen mutmaßlich in der Reaktion auf giftige Bitterstoffe gründet, hat längst eine soziale Dimension und spielt in unserem alltäglichen Mit- und Gegeneinander eine wichtige Rolle. Dafür mag es zum Teil einleuchtende stammesgeschichtliche Erklärungen geben: So schleppten Fremde, mit denen eine steinzeitliche Jäger-und-Sammler-Horde in Berührung kam, vermutlich oft Krankheiten ein, und körperliche Defekte können auf Infektionen oder Genmutationen hindeuten.

Doch genügt das, um Ekel als "moralische Emotion" zu begreifen? Denn genau das tun neuerdings eine Reihe von Forschern. Diese "Advokaten des Ekels" bescheinigen der Gefühlsqualität eine tiefe moralische Weisheit. Wer nicht angewidert erschaudern könne, verliere den ethischen Halt unter den Füßen, glaubt etwa der US-amerikanische Bioethiker Leon Kass. Der konservative Intellektuelle von der University of Chicago sieht im Ekel einen wichtigen Verbündeten im Kampf gegen Stammzellforschung und Klonexperimente. In einer Zeit, in der (fast) alles erlaubt sei, werde der Abscheu zur letzten Bastion der Humanität, so Kass. Der Ekel als "prärationaler" Ursprung der Moral sollte nicht von vermeintlich vernüftigen Überlegungen in den Hintergrund gedrängt werden.

In der Tat helfen gegen Ekel bekanntlich weder Vernunft noch gute Worte. Die Ekelreaktion werde automatisch aktiviert, ohne dass man sich dagegen wehren kann, so Daniel Kelly von der Purdue University in West Lafayette (USA). Und gerade darum sei es so gefährlich, sie zur moralischen Instanz zu erheben. Ekel verhindere, dass wir uns allzu leicht vergiften oder von Krankheiten oder Parasiten befallen werden, doch sei er ein denkbar ungeeignetes Mittel, um unser soziales Miteinander zu leiten.

Kelly hat Recht! So folgt die Logik des Ekels dem Prinzip "Im Zweifel gegen den Angeklagten"; Fehlurteile nimmt sie großzügig in Kauf: Ekel bringt Menschen dazu, alles Mögliche vorsichtshalber für schmutzig, widerlich oder kontaminiert zu halten, egal, ob es sich um ungewohnte Nahrung handelt oder um gesellschaftliche Außenseiter. Im schlimmsten Fall werden diese für unberührbar erklärt oder entmenschlicht.

Der für jede Vernunft unzugängliche Ekel zementiert somit eher bestehende Normen und Vorurteile. Auf diese Weise macht er die ohnehin oft trüben Gewässer moralischer Diskurse noch schlammiger, mahnt Kelly.

Bleibt festzuhalten: Eine Emotion liefert keine tiefere Weisheit und auch keinen Leitfaden für unser Handeln. Insofern ist Ekel unmoralisch.

Mai 2012

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist Mai 2012

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  • Quelle
Kelly, D.: Yuck! The Nature and Moral Significance of Disgust. The MIT Press, Cambridge 2011