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Vor fünfzig und vor hundert Jahren


1948


Elektrobiographie. Ein neuartiges Hilfsmittel in der Diagnostik ist die Elektrobiographie, die darauf beruht, daß jeder ruhende Muskel ein Aktionspotential entwickelt. Die ruhende Muskelfaser ist polarisiert, die Umgebung positiv, das Innere negativ. Eine Erregung bedeutet also Depolarisation; es fließt dann im Innern der Zelle ein Strom. Die Registrierung dieses Aktionspotentials mittels geeigneter Geräte ermöglicht die Unterscheidung zentraler und peripherer Lähmungen der Nerven und Muskeln. Ähnliche Verhältnisse liegen bei der bekannteren Elektrokardiographie vor, bei welchem Verfahren die Registrierung des elektrischen Potentials des Herzmuskels erfolgt. (Elektrotechnische Zeitschrift, 69. Jg., Band 90, Neue Folge, Heft 5, Mai 1948, Seite 178)

Rechenmaschinen für die Meteorologie. Dr. Zworykin von der RCA äußerte die Auffassung, daß es mit Hilfe der modernen Rechenanlagen, die mit Elektronenröhren arbeiten, möglich sein könnte, die von den einzelnen Wetterstellen eingehenden Beobachtungsdaten rechnerisch auszuwerten. Bisher ist eine exakte, zahlenmäßige Berechnung des Witterungsablaufes noch nicht möglich, da die hierfür nötige Rechenarbeit physisch vom Menschen nicht bewältigt werden kann. Derartige Rechnungen könnten aber in Zukunft durchaus Wirklichkeit werden, da man heute beispielsweise den Flug eines Geschoßes in derselben Zeit berechnen kann, die es zum Durchfliegen seiner Bahn braucht. Früher waren hierzu sehr langwierige und zeitraubende Rechnungen nötig. Sollte es einmal möglich sein, die wahrscheinlichsten Witterungsdaten vorauszuberechnen statt sie, wie bisher, nach der Erfahrung zu schätzen, dann würde auch das Problem der künstlichen Witterungsbeeinflussung in ein neues Licht gerückt. (Orion, 3. Jg., Heft 5, 15. Mai 1948, Seite 203)

Sind Viren Lebewesen? Diese Frage läßt sich nicht ohne eine kritische Bemerkung zu unserer biologischen Gruppierungstechnik beantworten. Vor allem müssen wir erinnern, daß es zwei grundverschiedene und auch je nach Zielsetzung verschieden berechtigte Gruppierungsverfahren gibt: die "künstliche" und die "natürliche" Systematik... Es ist wohl selbstverständlich, daß eine Entscheidung über diese Eingruppierung der Viren nur dann sinnvoll getroffen werden kann, wenn wir uns klar sind, was wir unter einem "natürlichen Zusammenhang" verstehen. Leider bestehen hier vielfach recht erhebliche Unklarheiten, die eben schuld sind am chaotischen Meinungsgegensatz in solchen Fragen. Dabei sind die Verhältnisse eigentlich ganz klar. Vor allem kann kein Zweifel darüber bestehen, daß nur ein einziger "natürlicher", d. h. "naturgegebener Zusammenhang" zwischen verschiedenartigen Gebilden existiert, nämlich die geschichtliche Entwicklung, d. h. bei Lebewesen ihre Stammesgeschichte. Damit ist ganz klar, daß wir nur dann eine natürliche Eingruppierung der Viren vornehmen können, wenn wir über ihre Stammesgeschichte Bescheid wissen. (Deutsche Medizinische Wochenschrift, 37. Jg., 14. Mai 1948, Seite 193)



1898




Geschwindigkeit des Vogelfluges. Zugleich mit mehreren Brieftauben ließ man im Frühjahr 1896 zu Compiègne in Frankreich eine in Antwerpen heimische, durch künstliche Färbung kenntlich gemachte Schwalbe aufsteigen. Dieselbe flog mit blitzartiger Schnelligkeit, ohne sich wie die Tauben zuerst unter unsicherem Hin- und Herfliegen zu orientiren, sofort in der zum Ziele führenden Richtung davon und erreichte nach einer Stunde und acht Minuten ihr 255 Kilometer entferntes Nest, während die Tauben erst drei Stunden später am Ziele anlangten. Es ergiebt sich daraus für die Tauben eine Geschwindigkeit von 15 Meter, für die Schwalbe eine solche von 58 Meter in der Secunde. (Der Stein der Weisen, Neunzehnter Band, Seite 152)

Ein Eisenbahntunnel unter der Meerenge von Gibraltar. Noch immer harrt der England und Frankreich verbindende Tunnel der Vollendung, und schon wird der Plan zu diesem Riesenwerke durch den vom französischen Ingenieur Berlier ausgearbeiteten Plan einer Untertunnelung der Meerenge von Gibraltar an Kühnheit weit überholt... Indessen auch die technische Ausführbarkeit hält man in Fachkreisen für bedenklich und auf der kürzesten Linie zwischen Tarifa und der marokkanischen Küste, die nur 14 km lang ist, überhaupt für unausführbar, weil die Wassertiefe auf dieser Linie 600 m erreicht. Berlier will deshalb die Tunnellinie weiter westlich unter die Bay von Vaqueros nach Tanger legen, die zwar eine Tunnellänge von 32 km unter Wasser und mit den beiderseitigen Anfahrten eine Gesamttunnellänge von 41 km erfordert, die aber nur unter einer Wassertiefe von 400 m hinwegzugehen hat, so daß die Gleissteigung 2,5 vom Hundert nicht übersteigen würde. (Prometheus, IX. Jg., No. 443, 1898, Seite 431)

Dreirad-Rollstuhl. Das Rahmengestell ist so eingerichtet, daß der Fahrstuhl sowol von einem Herrn wie von einer Dame in Bewegung gesetzt werden kann. Da bei einer Kurbelumdrehung nur ein Weg von 3 bis 4 Mtr. zurückgelegt wird, ist der erforderliche Kraftaufwand ein verhältnismäßig geringer. Um dem Kranken das Einsteigen zu erleichtern, wird das Trittbret des Stuhls durch eine Schaukelbewegung des letzern nach vorn auf den Boden hinab geneigt; hat sich der Kranke bequem zurechtgesetzt, so wird der Stuhl wieder in seine vorige Lage zurückgebracht und in dieser Stellung, etwas nach hinten geneigt, durch einen Vorstechbolzen festgehalten. Der Dreirad-Rollstuhl bietet nach alledem eine Reihe von Annehmlichkeiten, die bei andern Rollstühlen nicht zu finden sind, und zwar nicht allein für den Kranken, sondern auch für den Krankenpfleger. (Illustrirte Zeitung, Band 110, Nr. 2864, 1898, Seite 647)




Aus: Spektrum der Wissenschaft 5 / 1998, Seite 125
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
5 / 1998

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 5 / 1998

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