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Weltwirtschaft: Wachstum ohne Grenzen

Globaler Wohlstand durch nachhaltiges Wirtschaften
Springer, Wien 2001. 430 Seiten, € 32,21


Wirtschaftswachstum verbessert nahezu alle Lebensbedingungen. Des-halb muss es weitergehen, um die ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Probleme der Gegenwart zu lösen. Und es kann weitergehen, denn dank dem menschlichen Erfindungsgeist kann die Wirtschaft in Naturkreisläufe eingebunden werden, sodass keine Rohstoff- und Umweltprobleme entstehen. Störungen ökonomischen Fortschritts durch Finanzkrisen sind, wie alle anderen wirtschaftlichen, politischen und sozialen Konflikte auch, ein Problem der "global governance", also letztlich ein Manage-mentproblem, oder sie lösen sich durch das Wachstum der Wirtschaft von alleine.

Mit dem vorliegenden Buch, einem "Bericht an den Club of Rome", wollen die Autoren dem Pessimismus vieler Studien des Club of Rome – allen voran das einflussreiche Buch "Die Grenzen des Wachstums" von 1972 – einen wissenschaftlich begründeten "neuen Realismus" entgegensetzen. Beide verfügen über reichlich Berufserfahrung in weltwirtschaftlichen Fragen: Erich Becker-Boost war jahrelang in internationalen Entwicklungs- und Finanzierungsorganisationen, darunter der Weltbank, tätig, Ernst Fiala war langjähriges Vorstandsmitglied der Volkswagen AG und ist derzeit Honorarprofessor an der Technischen Universität Wien.

Grundprinzip ihrer Untersuchung ist die Übertragung der Charakteristika biologischer Wachstumsprozesse auf alle ökonomischen und sozialen Phäno-mene. So wächst zum Beispiel eine Volkswirtschaft zunächst langsam, dann schneller, bis ihre Größe sich unter Verlangsamung des Wachstums einem Endwert nähert. Trägt man die Größe und ihre Wachstumsrate über der Zeit auf, so ergibt sich für die Größe eine so genannte S-Kurve, für die Wachstumsrate eine Glockenkurve.

In dieses Muster ordnen die Autoren nun zahlreiche ökologische, soziale und wirtschaftliche Probleme ein. Bevölkerungs- und Wirtschaftsentwicklung, Bildung, Information, Mobilität, Energienutzung, Konflikte und persönliches Glück werden, geeignet quantifiziert, in Diagramme eingetragen, allerdings nicht über der Zeit, sondern über dem kaufkraftbewerteten Bruttoinlandsprodukt pro Kopf (SBIP), das damit zur erklärenden Variable gemacht wird. Zugleich unterstellen die Autoren mit dieser Betrachtungsweise, dass sich alle Bevölkerungsgruppen bei gleichem Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt ähnlich verhalten. Die Ergebnisse dieser Analyse dienen dann als Basis für Prognosen aller Art.

Das ist problematisch, sowohl vom theoretischen Ansatz als auch von der empirischen Anwendung her. Die Autoren behaupten, dass Wachstum ein Merkmal nicht nur junger biologischer, sondern auch junger ökonomischer und sozialer Strukturen sei, ohne zu erklären, was unter einer "jungen" Wirtschaft oder Gesellschaft zu verstehen ist, und vor allem ohne ihre Übertragung vom Biologischen ins Soziale zu rechtfertigen. Es ist keineswegs evident, dass sich das Muster genetisch gesteuerter Wachstumsprozesse auf Systeme übertragen lässt, deren Entwicklung durch die Entscheidungen von Individuen gestaltet wird.

Auch die Unterstellung, dass das SBIP und nur dieses die erklärende Variable (und damit fast so etwas wie die Ursache) für alle anderen betrachteten Phänomene sei, wird nicht gerechtfertigt. Eine solche Aussage kann grundsätzlich nicht aus der empirischen Analyse hervorgehen, denn diese liefert nur Korrelationen. Und die umgekehrte Kausalbeziehung ist in vielen Fällen durchaus plausibel. So kann eine niedrige Wachstumsrate der Bevölkerung eine Voraussetzung für ein höheres Pro-Kopf-Inlandsprodukt sein.

Es gibt auch andere Ursachen für Bevölkerungsveränderungen. So zeigen beispielsweise demografische Arbeiten, dass die Stellung der Frau in der Gesellschaft einen wesentlichen Einfluss auf die Geburtenrate ausübt. Dabei muss, wie das Beispiel des indischen Bundesstaates Kerala zeigt, keineswegs ein Zusammenhang zwischen dem Durchschnittseinkommen und der Stellung der Frau bestehen. Noch deutlicher wird die Fragwürdigkeit dieser Annahme bei dem behaupteten Zusammenhang zwischen der Zahl innerstaatlicher Konflikte und der Höhe des SBIP. Sollte es wirklich ein Wohlstandsniveau geben, das sich zum Führen von Bürgerkriegen besonders eignet – nicht zu wenig zum Kämpfen und noch nicht zu viel zu verlieren –, und sonst keinen wesentlichen Grund?

Hinzu kommt, dass die Autoren stets Querschnittsbetrachtungen anstellen, sie aber so interpretieren, als wären es Zeitreihen. Aber die Vergangenheit eines entwickelten Landes gibt kein besonders getreues Bild von der Gegenwart eines unterentwickelten. Hier hängt die Argumentation der Autoren an der These vom ähnlichen Verhalten gleich reicher Staaten – und die wird nicht belegt.

Häufig ist nicht nachvollziehbar, warum gerade eine S-Kurve oder Glockenkurve die beste Annäherung an die Punktewolken in den Diagrammen sein soll. Dies gilt für viele Einzeluntersuchungen. Mit einer Regressionsanalyse und statistischen Tests hätte man die Zuverlässigkeit der gewonnenen Ergebnisse abschätzen können. Warum dieser Weg nicht beschritten wurde, bleibt unklar.

Neben diesen theoretischen und empirischen Arbeiten finden sich in der Studie weitere Untersuchungen zu spezifischen Rohstoff- und Umweltproblemen unserer Konsum- und Wirtschaftsweise sowie ethische Überlegungen zu den Folgen wirtschaftlichen Handelns. Becker-Boost und Fiala wollen damit zeigen, dass letztlich weder Rohstoffknappheiten noch Umweltprobleme existieren, da es für alle Rohstoffe geeigneten Ersatz gebe und Umweltprobleme durch neue Techniken gelöst werden könnten. Man müsse eben die künftige Entwicklung realistisch einschätzen und die Lösung im Rahmen einer marktwirtschaftlichen Wirtschaftsordnung suchen.

Das Buch wird seinem eigenen Anspruch auf eine realistische Einschätzung der künftigen Entwicklung nicht gerecht; zu schwerwiegend sind die oben angeführten Mängel. Was die allgemeine Sicht der Welt – optimistisch oder pessimistisch – angeht: Dafür geben die empirischen Fakten in jedem Falle wenig her. Und die Existenz rohstoffsparender und umweltfreundlicher Technologien allein ist noch kein Anlass für Optimismus. Denn es bleibt äußerst ungewiss, ob sich eine demokratisch verfasste Gesellschaft auch für deren Einführung entscheidet.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 2002, Seite 107
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 2002

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 2002

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