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Warnsignale aus der Ostsee. Wissenschaftliche Fakten.

Parey, Berlin 1996.
388 Seiten, DM 42,-.

Von jeher hat der Mensch bevorzugt Küsten und Flußauen besiedelt. Denn Wasser ist ihm notwendiges Lebensmittel, Transportweg und Energiequelle; zudem bietet der Übergang vom Wasser zum Land meist auch gute Jagd- und Fischgründe.

Indes bedrohen Überschwemmungen und Sturmfluten die menschliche Existenz. Die ewige Arbeit des Wassers an den Ufern stört die Siedler. Schon seit langem bauen sie deshalb Deiche, begradigen Flußarme, legen ganze Küstenabschnitte trocken, graben Fahrrinnen und Kanäle.

Diese Eingriffe veränderten die Gewässer nachhaltig und beeinflußten die umgebende Landschaft. Heute bedrohen die resultierenden Belastungen sowohl die Lebensfähigkeit dieser Ökosysteme als auch uns Menschen.

José Luis Lozán vom wissenschaftlichen Auswertungsbüro STATeasy in Hamburg ist Initiator einer Buchreihe zum Schutz der mitteleuropäischen Gewässersysteme, in der bereits "Warnsignale aus der Nordsee" und "Warnsignale aus dem Wattenmeer" erschienen sind (Spektrum der Wissenschaft, Januar 1991, Seite 136, und September 1995, Seite 131). Für die beiden neuen Bände der Serie konnte er abermals 90 beziehungsweise 39 kompetente Forscher als Mitherausgeber und Autoren gewinnen.

Beide Bücher beginnen mit einer Einführung in Geologie, Hydrographie und Biologie ihrer Gebiete. Es folgen Kapitel zur Schadstoffbelastung der Gewässer sowie zu anderen Einflüssen des Menschen. Detailliert berichten die Autoren von deren Auswirkungen auf Tiere, Pflanzen und Mikroorganismen; sie skizzieren zumeist die Entwicklungstendenzen der Arten und empfehlen Schutzmaßnahmen. Den Schluß bilden jeweils Kapitel zu den laufenden nationalen und internationalen Forschungsvorhaben und Schutzkonzepten.

Ein deutliches Warnsignal, sowohl aus Flüssen als auch aus der Ostsee, ist der Rückgang der Lachse. Unter natürlichen Bedingungen leben diese Fische in der Ostsee, bis sie erwachsen sind; zum Ablaichen ziehen sie im Frühjahr die Flüsse hinauf bis in die Quellregionen. Seit Anfang dieses Jahrhunderts sind sie allmählich aus den Flüssen verschwunden, weil die Wasserqualität sich verschlechtert hat und Stauwehre sowie durch Konstruktionsfehler unüberwindliche Fischtreppen ihnen den Weg in die Laichgründe versperren.

Da die freischwimmenden Bestände für die Fischerei schon lange zu klein sind, werden Lachse in der Ostsee in großen Netzabzäunungen gezüchtet. In diesen Anlagen treten Mangelkrankheiten und Parasitosen auf. Bis zu 90 Prozent der Fischlarven sind davon betroffen. Fischerei-Experten vermuten als Ursache unter anderem die einseitige Ernährung mit Sprotten. Deren Bestände nehmen derzeit rasch zu und beeinflussen wiederum den Dorschnachwuchs negativ: Die Sprotten verzehren massenhaft Dorscheier und -larven, was im Verein mit Sauerstoffmangel an den Laichplätzen und Überfischung die Dorschpopulation nachhaltig schädigt.

Aus Erkenntnissen über ökologische und hydrographische Zusammenhänge erwächst erst in jüngster Zeit ein schlüssiges Bild der Gefährdung der aquatischen Ökosysteme. Fachübergreifende Zusammenarbeit ist dafür unerläßlich. Erst mit international durchgesetzten Maßnahmen kann die von Forschungsergebnissen geleitete Politik weitere Degradierung aufhalten und womöglich eine Renaturierung einleiten.

Selten gelingt es, in einem Projekt für ein naturwissenschaftliches Kompendium so viel Expertenwissen in kurzer Zeit zu einem umfassenden Überblick zu bündeln. Die Herausgeber wenden sich an Wissenschaftler und Ingenieure, Politiker und Behörden, Naturschützer und interessierte Laien. Gleichwohl sind die Beiträge recht fachlich und oft wenig anschaulich verfaßt. Dem Allgemeinverständnis kommen sie nur insofern entgegen, als die Autoren von dem üblichen Gliederungsschema Einführung, Methoden, Ergebnisse, Diskussion und Zusammenfassung abgegangen sind. Wissenschaftler werden jedoch zumindest den Methodenteil vermissen und die im Literaturverzeichnis genannten Originalarbeiten konsultieren.

Der stilistisch etwas mißglückte Spagat zwischen den Zielgruppen wird schon in den Vorworten beider Bände deutlich, die zusätzlich die Aufgaben eines wissenschaftlichen Einführungstextes erfüllen sollen und dadurch etwas füllig geraten sind. Viele Schreibfehler sowie hier und da fehlerhafte Tabellen und Graphiken (zum Beispiel verrutschte Zahlenkolonnen auf Seite 104 in "Warnsignale aus der Ostsee") sind Mängel, die ein renommierter Verlag sich nicht leisten sollte. Das Glossar ist nicht immer für Laien verständlich. Ein Beispiel: Zum Stichwort "Primärproduktion" bietet "Warnsignale aus Flüssen und Ästuaren" die Erklärung "photo- oder chemosynthetischer Aufbau von organischer Substanz aus anorganischen Substanzen (die zur Photosynthese befähigten grünen Pflanzen sowie photoautotrophe und chemolithoautotrophe Bakterienarten)". In "Warnsignale aus der Ostsee" fehlt eine Erklärung für das häufig gebrauchte Kürzel HELCOM sowohl im Glossar als auch im Text: Erst aus der Abbildung 4.1-1 auf Seite 292 geht indirekt hervor, daß es sich um die Internationale Helsinki-Kommission der Anrainerstaaten zum Schutz der Ostsee handelt.

Das nach Kapiteln gegliederte, lobenswert aktuelle Literaturverzeichnis ist sehr zusammengedrängt und schlecht lesbar; statt dessen hat der Verlag es vorgezogen, teuren Druckraum mit Werbung zu füllen. Der Paperback-Einband wird auch bei schonendem Umgang schnell unansehnlich und büßt seine Schutzfunktion ein. Diese dürftige Ausstattung und das offenbar nachlässige Lektorat sind mir unverständlich – um so mehr, als die Buchserie in Konzeption und Inhalt auf dem Markt einzigartig sein dürfte.

Fazit: In beiden Sammelbänden wird ein breites Themenspektrum schlaglichtartig und auf dem aktuellen Kenntnisstand internationaler Forschung beleuchtet. Als Diskussions- und Arbeitsgrundlage ist ihnen eine große Verbreitung zu wünschen. Allerdings wartet der ernsthafte Nutzer gespannt auf eine zweite, sorgsam überarbeitete, besser ausgestattete und erweiterte Auflage.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 4 / 1997, Seite 113
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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