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Sozialverhalten: Warum sich manche Menschen zu Hause einigeln

Hikikomori ist eine außergewöhnliche Form der Abgeschiedenheit: Die Betroffenen verkriechen sich in ihrer Wohnung oder ihrem Zimmer und beschränken den Kontakt zur Außenwelt auf ein absolutes Minimum. Viele von ihnen setzen monate- oder jahrelang gar keinen Fuß vor die Tür. Zunächst sorgte Hikikomori (der Begriff beschreibt sowohl das Phänomen als auch die Betroffenen selbst) vor allem in Japan für Aufsehen, inzwischen gibt es aber auch Untersuchungen, die sich mit Hikikomori-Fällen in Europa und in anderen Teilen der Welt befassen.

Doch was verleitet Menschen dazu, sich derart einzuigeln? Dieser Frage sind Roseline Yong und Kyoko Nomura von der japanischen Akita-Universität im Rahmen einer Querschnittsstudie nachgegangen. Dazu befragten die Wissenschaftlerinnen mehr als 3000 Personen aus verschiedensten Regionen Japans zu ihrem Sozialverhalten sowie zu ihrer psychischen Gesundheit. Außerdem erhoben sie eine Reihe demografischer Daten.

58 Probanden (1,8 Prozent) klassifizierten die Autorinnen anhand ihrer Angaben als Hikikomori: Die betreffenden Teilnehmer hatten ihr Zuhause seit mindestens sechs Monaten nie oder nur selten verlassen, ohne dass es einen nachvollziehbaren Grund dafür gab. 41 Prozent der Betroffenen lebten seit mehr als drei Jahren auf diese Weise. Der Wohnort der Probanden spielte im Hinblick auf das Hikikomori-Risiko keine Rolle: Das Phänomen trat in städtischen wie in ländlichen Gebieten auf; knapp zwei Drittel der Betroffenen waren männlich.

Hikikomori brachen im Vergleich zu anderen Versuchspersonen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit die Schule oder Berufsausbildung ab oder verletzten sich selbst. Außerdem waren sie deutlich häufiger bereits einmal auf Grund einer psychischen Erkrankung in Behandlung gewesen und wiesen ein höheres Suizidrisiko auf. Damit deutet die Untersuchung in eine ähnliche Richtung wie eine spanische Studie, der zufolge Hikikomori in Barcelona häufig unter Ängsten, Depressionen oder Psychosen leiden.

Die Betroffenen in Yongs und Nomuras Stichprobe taten sich besonders mit zwischenmenschlichen Kontakten schwer. So gaben sie etwa häufiger an, sich nur schlecht in Gruppen einzufügen oder sich darüber zu sorgen, was andere Menschen wohl von ihnen denken. Angst hatten sie vor allem davor, außerhalb der eigenen vier Wände auf Personen zu treffen, die sie kannten – ein Merkmal, das Hikikomori von anderen Störungsbildern unterscheide, so die Autorinnen. Es sei ihnen offenbar unangenehm, in ihrer aktuellen Situation gesehen zu werden. Hier könnte auch ein Ansatzpunkt liegen, den Betroffenen zu helfen, meinen Yong und Nomura: Lernten Hikikomori in puncto Kommunikation und zwischenmenschlichem Umgang dazu, hole sie das vielleicht aus ihrer selbst gewählten Einsamkeit.

8/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 8/2019

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  • Quelle
Frontiers in Psychiatry 10.3389/fpsyt.2019.00247, 2019