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Hirnforschung: Warum sie so seltsam sind

Gehirnentwicklung bei Teenagern
Aus dem Amerikanischen von Sebastian Vogel. Berlin Verlag, Berlin 2003. 336 Seiten, € 19,90


Die Nachricht des Buches ist durchaus neu und interessant. Die hergebrachte Lehrmeinung, der physiologische Teil der Gehirnentwicklung sei nach den ersten drei Lebensjahren abgeschlossen, gerät ins Wanken. Im Gehirn von 13- bis 18-Jährigen herrscht jugendlicher Überschwang – im Wortsinn. Neue Nervenzellen werden in so großer Menge produziert, dass mit den neuen bildgebenden Verfahren an einzelnen Stellen des Gehirns eine beträchtliche Volumenzunahme sichtbar wird. Aber das ist erst die Vorbereitung. Der eigentliche Reifungsprozess findet statt, indem von den vielen Nervenzellen nur die "richtig verschalteten" übrig bleiben und alle anderen zu Grunde gehen. In der Zwischenzeit ist das entsprechende Gehirnareal eine große Baustelle. Kein Wunder, dass Teenager so seltsam sind.

Die Befunde sind neu, weil die bildgebenden Verfahren neu sind. Die klassische Alternative, das Sezieren von Gehirnen, brachte kaum Aufschlüsse, weil in dieser Altersgruppe wenig Leute sterben, sodass nicht genug aussagekräftiges Material zur Verfügung steht. Die Ergebnisse passen auch einigermaßen zu den Aktivitäten des Gehirns, die man von außen beobachten kann. So findet die für die Reifung charakteristische Auslese von Nervenzellen im Stirnlappen, der als für moralische Urteile zuständig gilt, just um die Zeit statt, in der die moralische Einstellung des Jugendlichen sich zu festigen pflegt.

Die amerikanische Wissenschaftsjournalistin Barbara Strauch ist durch das ganze Land gereist und hat die Entdecker dieser Neuigkeiten, allen voran den Hirnforscher Jay Giedd aus Washington, ausgiebig ausgefragt. Eigentlich hätte sie eine spannende Geschichte zu erzählen.

Aber es gibt ja angeblich die amerikanische Journalistenregel, man solle den Leuten möglichst alles dreimal sagen. Strauch verwässert ihren eigentlich schmackhaften Brei, indem sie diese Regel bis zum Exzess befolgt. Wörtliche Zitate klingen über weite Strecken, als hätte Strauch die Worte so niedergeschrieben, wie sie spontan und unsortiert dem Munde der großen Geister entströmten.

Außerdem versucht sie mit einiger Gewalt den Leser glauben zu machen, mit Hilfe der wissenschaftlichen Ergebnisse könne er mit seinen pubertierenden Kindern besser zu Rande kommen. Schon recht, dann ist eben nicht der Überschuss an Geschlechtshormonen, sondern der im Umbau befindliche Stirnlappen Ursache eines Verhaltens, das den Eltern auf die Nerven geht oder ihnen schlaflose Nächte bereitet. Aber hilft dieser wissenschaftliche Erkenntnisgewinn gegen schlaflose Nächte? Eben nicht, denn direkt eingreifen kann – und sollte – man ins Gehirn ebenso wenig wie in den Hormonhaushalt.

Schließlich erweist die Autorin ihrem erklärten Ziel – Verständnis für die wilden Jugendlichen – einen Bärendienst, indem sie die Helden ihres Buches bei jeder Gelegenheit als exotische Monster hinstellt. Mit starken Worten versucht sie jene Mischung aus Bewunderung und Abscheu zu erwecken, die eher zu Berichten über den sibirischen Tiger oder – na ja – den weißen Hai passt. Was für ein Unfug. Wenn ich meine Kinder besser verstehen will, sollte ich nicht nach dem Verrückten in ihnen suchen – das es zweifellos gibt –, sondern nach dem Vertrauten.

Und das findet man in dem Buch mühelos, wenn auch unter dem Etikett "verrückt". Bis zum Mittag im Bett bleiben; von mehreren Aufträgen alle bis auf höchstens einen vergessen; von einem Moment auf den anderen die Stimmung wechseln; den nächsten greifbaren Menschen als Ursache allen Übels beschimpfen; trinken oder kiffen bis zum Vollrausch; nicht zu vergessen den Überschwang der Hormone – das sollte man sich ja alles abgewöhnen, wenn man erwachsen wird. Aber Hand aufs Herz, ihr Erwachsenen: Tut doch nicht so, als sei euch das vollkommen zuwider.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 12 / 2003, Seite 105
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
12 / 2003

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 12 / 2003

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