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Hirschhausens Hirnschmalz: Date auf der Autobahn

Raus aus der Bar, rein in den Stau: Wie der Gebrauch des Autos unser Denken verändert.
Eckart von HirschhausenLaden...

Was vertun die Menschen Zeit in Bars, um sich kennen zu lernen! Dort können sich die meis­ten ja noch halbwegs zivilisiert darstellen. Nach dem ersten Date fährt man dann ein Wochenende ins Wellnesshotel. Zusammen zu entspannen, ist aber weder besonders spannend, noch lernen die Partner dabei wirklich etwas übereinander. Mein Tipp: gemeinsam wegfahren, und zwar gezielt in einen Stau.

Der richtige Abstand zu Ihrem Vordermann ist ...?

  1. a) im Auto: halber Tacho.
  2. b) in der Beziehung: halbe Dauer der vorherigen.
  3. c) beim Party-Tanz: halbe Orange.
  4. d) am Schalter: halbe Ewigkeit.

Ab zehn Kilometern wird es interessant. Und nach vier Stunden kennt man den anderen besser als nach vier Tagen Erholungsurlaub. Manchmal sogar besser, als einem lieb ist. Denn oft erkennen wir uns selbst im Straßenverkehr nicht wieder. Irgendwie verändert das Auto unser Denken und unsere Wahrnehmung.

Wie der Gebrauch von Hämmern oder Waffen uns mental beeinflusst, wurde bereits wissenschaftlich untersucht. Wir integrieren solche Geräte in unser Körperschema, sehen sie also unbewusst als Teil von uns an. Jetzt hat sich eine Forschergruppe in Trier der Frage angenommen, ob solche Effekte auch bei der Nutzung des Automobils auftreten. Konkret wollten die Psychologen herausfinden, wie wir hinter dem Steuer Entfernungen einschätzen. Aus anderen Experimenten ist bekannt, dass wir Strecken als länger wahrnehmen, wenn wir einen schweren Rucksack tragen. Dafür wird ein Berg gefühlt weniger steil, wenn ein Freund uns begleitet – solange wir ihn nicht huckepack tragen müssen.

Die Versuchspersonen sollten Entfernungen zwischen 4 und 20 Metern abschätzen, entweder aus einem stehenden Auto heraus oder auf einem Stuhl in gleicher Position sitzend. Der Effekt war deutlich: Alle Teilnehmer unterschätzten die Strecken, aber die Autofahrer dras­tisch stärker. Ohne Gas­pedal unter der Sohle wirkten 20 Meter wie 15, mit dagegen erschien dieselbe Dis­tanz nur 11 Meter lang. Noch stärker war der Effekt, wenn sie mit dem Auto zuvor eine kurze Spritztour gemacht hatten.

Man kennt das: Als Fußgänger findet man Radfahrer völlig verantwortungslos, und als Radler schimpft man über die Autofahrer – bis man selbst wieder am Steuer sitzt. Offene Fragen bleiben. Verschätzen wir uns auch im Rückspiegel? An manchen Außenspiegeln gibt es ja die Warnung, dass die Objekte darin näher sein können, als es scheint. Wie wär's mit einem Hinweis auf dem Spiegel in der Sonnenblende: "Der Fahrer könnte Ihnen kompetenter erscheinen, als er ist"? Verschätzen sich auch Beifahrer? Einmal durfte ich bei einem Auto­rennen eine Testrunde mitfahren. Nie wieder. Distanz zum Vordermann bei über 200 Stundenkilometern geschätzt zehn Zentimeter. Gefühlt ein Millimeter.

In Trier wurde nur ein Ford Escort getestet. Wie hätte sich das Ganze im Porsche angefühlt? Oder im SUV, wo einem die ganze Welt drum herum sowieso egal wird? Und warum gibt es Fehleinschätzungen bei einigen Automarken nicht nur nach vorne, sondern auch für das, was hinten rauskommt? Die Psychologie hinter der jüngs­ten Abgas-Trickserei wird noch aufzuarbeiten sein.

Ein alter Witz zum Thema geht so: Ein Cowboy will angeben. "Meine Ranch ist so groß, dass ich drei Tage mit dem Pferd brauche, um ans andere Ende zu kommen." Darauf unbeeindruckt sein Kumpel: "Ja, so einen lahmen Gaul hatte ich auch mal." Man soll ja den Pferden das Denken überlassen, wegen der großen Köpfe. Aber was Pferdestärken mit unserem Kopf machen, wird wohl immer ein Stück weit rätselhaft bleiben.

12/2015

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 12/2015

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