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Kognition: Nur eine Kopfgeburt?

Bewusstsein betrachteten Neurowissenschaftler lange Zeit als reines Produkt des Gehirns. Doch Erkenntnisse der ­Embodiment-Forschung legen nahe: Der ganze ­Körper – samt Herz und Darm – erschafft bewusstes Erleben!
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Ein warmer Tag im Frühling. Sie liegen im Gras und spüren die warmen Sonnenstrahlen auf dem Gesicht. Wenn Sie den Arm ausstrecken, können Sie die Blumen im Gras berühren, die sich sanft im Wind wiegen. Nichts erscheint wirklicher als diese Wiese und Ihre eigenen Empfindungen. Die Wahrheit aber ist: Vor einigen Tagen drang ein verrückter Wissenschaftler in Ihre Wohnung ein, betäubte Sie, sägte Ihren Schädel auf und entnahm Ihr Gehirn. Nun schwimmt ebendieses in einem Tank mit Nährlösung, damit die grauen Zellen nicht absterben. Ein Supercomputer, der mit den Enden der Nerven verbunden ist, stimuliert das Organ so, als empfange es Reize aus der Umwelt, und gaukelt Ihnen vor, noch zu leben...

Beginnend in den 1970er Jahren kursierten zunehmend mehr Versionen dieses philosophischen Gedankenexperiments (hier angelehnt an "Brains in a Vat" in "Reason, Truth and History" von Hilary Putnam, 1981). Denn das Gehirn, so die zu jener Zeit propagierte Sichtweise der Kognitionswissenschaftler, arbeite letztlich genau wie ein Computer. Das rund 1300 Gramm schwere Organ bringe auf diese Weise auch das Bewusstsein hervor, wobei all unsere Wünsche, Gefühle oder Gedanken symbolische Repräsentationen darstellten, im Prinzip also so etwas seien wie die Algorithmen einer aberwitzig komplizierten Software. Manche Denker argumentieren, wir könnten schlichtweg nicht wissen, ob wir als Menschen in der Wirklichkeit oder lediglich als Gehirne in einem Tank existieren ...

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  • Literaturtipp und Quellen

Literaturtipp

Noë, A.: Du bist nicht dein Gehirn. Piper, München 2010

Der Philosoph Alva Noë argumentiert anschaulich, warum Forscher das Bewusstsein nicht im Gehirn finden können.

Quellen

Babo-Rebelo, M. et al.: Neural Responses to Heartbeats in the Default Network Encode the Self in Spontaneous Thoughts. In: Journal of Neuroscience 36, 5200e5216, 2016

Fuchs, T.: Das Gehirn – ein Beziehungsorgan. Eine phänomenologisch-ökologische Konzeption. Kohlhammer, Stuttgart, 5. Auflage 2016

Havas, D. A. et al.: Cosmetic Use of Botulinum Toxin­-A Affects Processing of Emotional Language. In: Psychological Science 21, S. 895-900, 2010

Held, R., Hein, A.: Movement-Produced Stimulation in the Development of Visually Guided Behavior. In: Journal of Comparative and Physiological Psychology 56, S. 872-876, 1963

Holzer, P.: Interoception and Gut Feelings: Unconscious Body Signals’ Impact on Brain Function, Behavior and Belief Processes. In: Angel, H. F. et al. (Hg.): Processes of Believing: The Acquisition, Maintenance, and Change in Creditions. Springer, Heidelberg 2017, S. 435-442

Kärcher, S. M. et al.: Sensory Augmentation for the Blind. In: Frontiers in Human Neuroscience 01 March 2012

Koenig, S. U. et al.: Learning New Sensorimotor Contingencies: Effects of Long-Term Use of Sensory Augmentation on the Brain and Conscious Perception. In: PLoS One 11, e0166647, 2016

Park, H. D. et al.: Spontaneous Fluctuations in Neural Responses to Heartbeats Predict Visual Detection. In: Nature Neuroscience 17, S. 612-618, 2014

Putnam, H.: Brains in a Vat. In: Reason, Truth and History, Cambridge University Press, 1981

Pruszynski, J. A., Johansson, R. S.: Edge-Orientation Processing in First-Order Tactile Neurons. In: Nature Neuroscience 17, S. 1404–1409, 2014

Tallon-Baudry, C. et al: The Neural Monitoring of Visceral Inputs, rather than Attention, Accounts for First-Person Perspective in Conscious Vision. In: Cortex 102, S. 139–149, 2018