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Frühkindliche Entwicklung: Was geht da drinnen vor?

Die Gehirnentwicklung in den ersten fünf Lebensjahren
Aus dem Amerikanischen von Barbara Schaden. Berlin Verlag, Berlin 2001. 800 Seiten, € 29,–


Wenn ein Kind gezeugt wird, geboren wird und heranwächst, entsteht in seinem Kopf das komplexeste Gebilde der Welt. In präzise abgestimmtem Ablauf entstehen Nervenzellen, wandern, entsenden Neuriten, werden myelinisiert oder sterben ab, bis mit erstaunlicher Zuverlässigkeit ein gesundes Gehirn seinen Träger durchs Leben führt. Dieser Vorgang ist für Eltern wie Wissenschaftler gleichermaßen faszinierend. Deswegen wendet sich Lise Eliots Buch an beide Gruppen – denen sie selbst angehört.

Von Anfang an wird klar, dass sie sich sehr bewusst, und folglich sehr behutsam, auf das umkämpfte Gebiet zwischen Genen und Umwelt begibt. Inwieweit ist der Mensch Ergebnis seiner Vererbung oder seiner Erziehung? Um kein anderes Organ tobt die Debatte so heftig wie um das Gehirn. Eliot versucht gar nicht erst, hier einer Stellungnahme auszuweichen, aber sie verfasst auch keine Kampfschrift. Die grandiose Choreografie der Neurone, die Pünktlichkeit, mit der Babys auf der ganzen Welt zu lächeln, zu laufen, zu sprechen beginnen, machen klar, dass hier Abläufe programmiert sind, in die eine wechselhafte Umwelt nicht hineinpfuschen darf. Und doch kann schon die Erfahrung im Mutterleib manche genetische Prädisposition über den Haufen werfen, sind viele Vorgänge enorm zu beschleunigen, wenn sie gefördert werden, und ist ein Kind überhaupt so vielen psychischen, sozialen, kulturellen Einflüssen ausgesetzt, dass einfache Formeln sich von selbst verbieten.

Besonders deutlich wird das Wechselspiel zwischen Genen und Umwelt an den sensiblen Phasen, kurzen Zeiträumen, in denen bestimmte Strukturen des Gehirns besonders labil und damit offen für Umwelteinflüsse sind. Manche, wie der Wachstumssprint im zweiten Schwangerschaftsdrittel, sind unvermeidliche Risikozeiten, viele andere aber werden gezielt bereitgestellt, damit eine Form von "Prägung" stattfinden kann, so etwa die sen-sible Phase für das Sprachlernen.

Die erste Art sensibler Phasen hat gerade in den letzten Jahren erhöhte Aufmerksamkeit gefunden, geht es doch um die Gefahren, die Kindern vor oder nach der Geburt durch teratogene (Missbildungen befördernde) Substanzen drohen. Für die Erforschung der Gehirnentwicklung dagegen ist besonders die zweite Art spannend, denn noch ist kaum geklärt, weshalb und wodurch Teile des Nervensystems plötzlich vorübergehend äußerst plastisch werden. Es sind Gelegenheiten, bei denen die Gene gleichsam einen großen Tusch spielen, dann den Vorhang heben und der Umwelt weit das Fenster aufreißen. Die Gene sagen "Wann und wo", die Umwelt sagt "Was" – etwa mit dieser Formel versöhnt Lise Eliot meistens die Positionen.

Für den Neurobiologen ist es schade, dass sie alle Arten kritischer Phasen in einen Topf wirft und weder zu den organischen Grundlagen noch zum theoretischen Überbau etwas zu bieten hat. Zum Ausgleich entgeht ihr kaum eines dieser kritischen Entwicklungsfenster, vom Neuralrohrverschluss bis zum Sprechenlernen, und stets prüft sie, wie Eltern sie durch Förderung nutzen können.

Es ist überhaupt erstaunlich, wie wenig der Autorin entgeht: Den vorgeburtlichen Einflüssen, der Geburt, der nachgeburtlichen Entwicklung jedes Sinnessystems, der Emotionen, des Gedächtnisses, der Bewegungen, der Intelligenz, der Sprache, der Sozialfähigkeit sind jeweils eigene umfangreiche Kapitel gewidmet. Eine so umfassende Darstellung der Kindesentwicklung erfordert Kenntnisse nicht nur in der Neurobiologie, sondern auch in Psychologie, Pädagogik, Soziologie und Linguistik. In jedem dieser Fächer ist Eliot hinreichend sattelfest, um die Fakten kundig, im Zusammenhang und mit vielen Beispielen darzustellen. Das reicht hin bis zu den Tücken der Grammatik im Kapitel über Sprachentwicklung – das in der Übersetzung übrigens durchweg deutschen Verhältnissen angepasst wurde; hierfür der Übersetzerin großes Lob. Möglich ist diese Breite allerdings nur durch einen Verzicht auf Tiefe: Die verschiedenen Theorien und Erklärungsmodelle der jeweiligen Wissenschaften nicht nur anzureißen, sondern auch zu erläutern und gegeneinander abzuwägen, das versucht die Autorin nicht, nicht einmal in der Neurobiologie.

Das Buch ist in die Breite (650 Seiten plus Anmerkungen!) und für die Breite geschrieben. Eltern ohne biologische Vorbildung können es verstehen und werden es spannend finden. Lise Eliot schreibt angenehm flüssig und fesselnd, ohne jemals reißerisch zu werden. Das Buch profitiert davon, dass sie selbst dreifache Mutter ist. Eliot lässt ihre Erfahrungen reichlich in die Darstellung einfließen, und zwar nicht nur in Anekdoten, sondern vor allem in Form eines leichten, ansprechenden Stils, der das ganze Buch durchzieht. Die Darstellungsweise verrät einerseits Einfühlungsgabe gegenüber Kindern und andererseits eine gehörige Portion gesunden Menschenverstandes – beides keine typischen Wissenschaftlertugenden. Eliot behält stets eine sichere Distanz zu den Tatsachen und Erklärungsansätzen, die sie referiert. So vermag sie nach einem langen, ausführlichen Kapitel über teratogene Substanzen tröstlich festzustellen, dass "Schwangerschaft ein ganz normaler Zustand ist", für den eine Jahrmillionen dauernde Evolution Frauen bestens ausgestattet habe. Und nur ironisch in den Raum stellt sie die aufschlussreichen Differenzen zwischen Untersuchungen zur Schädlichkeit von Alkohol in der Schwangerschaft, je nachdem, ob diese in den rigiden USA oder in Frankreich durchgeführt wurden.

Abgesehen von dem allgemeinen Tenor – "Gene und Umwelt sind wichtig" – hat das Buch keine Botschaft. Eliot versucht nicht, die Tatsachen zu einer organischen Theorie zusammenzufügen, sondern begnügt sich mit einer Beschreibung des Geschehens, Kapitel für Kapitel nebeneinander. So widerspricht sie gelegentlich sich selbst oder einer Theorie, die sie eben erst kritiklos referiert hat. Aber sie häuft auch einen reichen Schatz an Wissen auf dem neuesten Stand an, von dem jeder profitiert, der sich für die Gehirnentwicklung interessiert. Das mag für ein wissenschaftliches Werk zu wenig sein; für Eltern, die unterhaltsam und kundig lernen wollen, was in ihrem Kind vorgeht, ist es genau richtig.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 5 / 2002, Seite 106
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
5 / 2002

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 5 / 2002

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