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Screening-Programme: Was leisten Tests zur Früherkennung?

Je eher Krebs entdeckt wird, desto besser sind gewöhnlich die Heilungschancen. Nicht jedes Nachweisverfahren ist aber aussagekräftig und robust genug, um den er­hofften Nutzen auch wirklich zu erzielen.


"Früh erkannt ist Krebs heilbar": Kaum ein Motto in der Medizin hat eine so unwiderstehliche Logik wie das Leitmotiv der Krebs-Früherkennung. Selbst der größte Tumor fängt einmal klein und harmlos als eine einzelne Zelle an. Doch während diese Zelle und ihre Nachkommen sich jahre-, vielleicht sogar jahrzehntelang vermehren, steigt die Gefahr, dass einige der Nachkommen sich aus dem Gewebe lösen und anderswo im Körper als Metastase ansiedeln. Solche Tochtergeschwülste sind es meist, die Krebs zu einer tödlichen Erkrankung machen. Wird ein Tumor entdeckt, bevor er Metastasen gebildet hat, gelingt es meist, ihn operativ zu entfernen oder durch – eventuell zusätzliche – Bestrahlung abzutöten. Hat er aber metastasiert, sinken die Heilungschancen rapide.

Tatsächlich ist die daraus folgende Idee, Tumoren so früh wie möglich aufzuspüren, bereits mehr als hundert Jahre alt. Anfang des 20. Jahrhunderts appellierten deutsche Ärzte erstmals an die Bevölkerung, bei verdächtigen Symptomen nicht lange zu warten. Auch wenn die politischen Systeme wechselten, gab es in allen Jahrzehnten Kampagnen, die zur Krebs-Früherkennung aufforderten.

Das gipfelte im Jahr 1971 in der Entscheidung, in Westdeutschland die "Krebsvorsorge" als kostenlose Leistung der gesetzlichen Kassenleistung anzubieten. Gestuft nach Altersgruppen können sich Frauen seitdem jährlich auf Brust-, Gebärmutterhals-, Haut- und Darmkrebs untersuchen lassen, Männer auf Haut-, Darm- und Prostatakrebs. Doch die Akzeptanz des Angebots blieb eher niedrig: 1999 nahmen nur etwa jede dritte Frau und jeder sechste Mann das Angebot wahr. Seit Oktober 2002 können Männer und Frauen ab 55 auch per Endoskop – Stichwort "Darmspiegelung" – nach Darmkrebs suchen lassen, im Laufe der nächsten Jahre soll bei Frauen ab 50 flächendeckend die Mammografie – die Röntgenuntersuchung der Brüste – zur Früherkennung eingeführt werden. Gleichzeitig starteten Organisationen wie die Deutsche Krebshilfe und die Deutsche Krebsgesellschaft Offensiven, um die Beteiligung zu erhöhen.

Zweischneidige Angelegenheit

Der Ausbau der deutschen Krebs-Früherkennung fällt in eine Zeit, in der die Suche nach bösartigen Wucherungen deutlich kritischer hinterfragt wird, als es noch 1971 der Fall war. "Die in der Theorie bestechende Idee der Früherkennung kann in der Realität nur funktionieren, wenn eine Reihe von Voraussetzungen erfüllt ist", sagt Ingrid Mühlhauser, Professorin für Gesundheitswissenschaften an der Universität Hamburg: "Fehlen diese Voraussetzungen, kann die Suche nach Krebs mehr Menschen schaden als nutzen." Pauschale Urteile sind allerdings nicht möglich: Je nach Krebsart, Verfahren, mit dem nach einem Tumor gesucht wird, und persönlichem Risiko desjenigen, der sich untersuchen lässt, hat die Früherkennung ein unterschiedliches Potenzial.

Dass die Früherkennung eine zweischneidige Angelegenheit sein kann, zeigte sich im Jahr 2002 am Beispiel des Neuroblastoms. Die Geschichte beginnt acht Jahre zuvor mit einem ehrgeizigen Modellprojekt, das mehrere deutsche Unikliniken, Krankenkassen und die Deutsche Krebshilfe starteten: Die Eltern von rund 1,5 Millionen Kindern aus sechs Bundesländern sollten zum ersten Geburtstag des Sprösslings zur Früherkennung des Neuroblastoms, eines seltenen Nerventumors, eingeladen werden. Deutschlandweit erkranken pro Jahr etwa 150 Kinder daran, die meisten vor dem zweiten Geburtstag, etwa jedes dritte betroffene Kind stirbt. Oft wird der Tumor erst entdeckt, wenn es zu spät ist. Früh erkannt, sind dagegen mindestens acht von zehn Kindern zu heilen. Ziel des Projekts war es, den Krebs zu finden, bevor er Tochtergeschwülste entwickelt.

Eine Krankheit, die sonst bedeutungslos bliebe

Der Neuroblastom-Test schien ein Musterbeispiel für einen Früherkennungstest zu sein, der alle Anforderungen an einfache Handhabung und ein zuverlässiges Ergebnis erfüllt. Mit ihm können im Urin der Kinder zwei adrenalinähnliche Stoffe nachgewiesen werden, welche die meisten dieser Tumoren abgeben. Zwischen 1994 und 1999 haben die Eltern von 1,5 Millionen Kindern ein kleine Karte in die feuchte Windel ihres Sprösslings gelegt und getrocknet an die Studienzentren geschickt. 2,1 Millionen Kinder aus anderen Bundesländern, bei denen nicht gezielt nach dem Tumor gesucht wurde, dienten als Vergleichsgruppe.

Doch obwohl alle Voraussetzungen optimal schienen, gab es nach fünf Jahren eine böse Überraschung. Wider Erwarten reduzierte die Früherkennung nicht die Zahl der Opfer: Es blieb bei einer Rate von 12 bis 13 Neuroblastom-Todesfällen pro eine Million Kinder allgemein. Damit hatte der Früherkennungstest sein entscheidendes Ziel verfehlt – die Zahl der Todesopfer zu verringern.

Doch es sollte noch ärger kommen: Die Forscher stellten fest, dass sie bei der Gruppe, die an der Früherkennung teilgenommen hatte, etwa dreimal mehr Krebs nachgewiesen hatten, als nach der Häufigkeit in der Vergleichsgruppe zu erwarten war. Die "überschüssigen" Tumoren gab es auch dort – aber weil niemand danach gesucht hatte, waren sie nicht aufgefallen. Und das war auch gut so, scheint es doch der aktuellen Forschungslage nach mindestens zwei Typen von Neuroblastomen zu geben. Die eine Variante ist nur schwer heilbar – ausgerechnet diese gefährliche Form wird vom Urintest offenbar oft nicht erkannt. Der zweite, häufigere Typ ist harmlos; er bildet sich von selbst wieder zurück. Wie sich herausstellte, hat der Urintest vor allem diese unproblematischen Tumoren aufgespürt. Damit war eingetreten, was Mediziner als "Überdiagnose" bezeichnen: Eine Krankheit wird entdeckt, die für die Betroffenen sonst bedeutungslos bliebe.

Stattdessen hatte die "Überdiagnose" für etwa hundert Kinder und ihre Eltern böse Folgen. Während sie ohne Test ein berechtigt unbeschwertes Leben hätten führen können, haftete ihnen nun die Diagnose Krebs an – mit allen psychologischen Konsequenzen. Außerdem mussten die Kinder Operationen und einige zudem Chemotherapien ertragen. Auch das wäre ihnen ohne Früherkennung erspart geblieben. "Das ist ein klarer Schaden", sagt Freimut Schilling vom Olgahospital in Stuttgart, einer der an der Neuroblastom-Studie beteiligten Ärzte: "Derzeit kann ein Massen-Früherkennungsprogramm des Neuroblastoms nicht empfohlen werden."

Diese Probleme und Nachteile durch Früherkennung beschränken sich keineswegs nur auf das Neuroblastom und können den Nutzen der Krebs-Früherkennung generell einschränken. Entscheidend ist die Biologie des Tumors: Nicht bei jeder Form von Krebs ist die Metastasierung ein spätes Ereignis. Beispiel Brustkrebs: Forscher des Niederländischen Krebsinstituts in Amsterdam arbeiten derzeit an einer Methode, mit der bei Frauen, die an einem Mammakarzinom leiden, präziser als bislang vorausgesagt werden kann, wie gut die Heilungschancen stehen. Die Wissenschaftler haben in den letzten Jahren an den Krebsgewebeproben von etwa 300 Frauen herausgefunden, dass sich die Tumoren anhand der Aktivität von siebzig Genen in zwei Gruppen einteilen lassen. Eine Gruppe hat eine "gute" Prognose: Von hundert dieser Patientinnen waren nach zehn Jahren etwa fünf gestorben, bei 15 waren Metastasen aufgetreten. Ganz anders verhielt es sich bei dem Genprofil mit "schlechter" Prognose: Nach zehn Jahren waren 45 Frauen gestorben, fünfzig hatten Metastasen. Weitere Untersuchungen zeigten, dass auch kleine Tumoren bereits metastasieren können. "Unsere Daten sprechen gegen die weitläufig akzeptierte Idee, dass die Metastasierung ein relativ spätes Ereignis der Tumorentwicklung ist", schreiben die niederländischen Forscher in der Fachzeitschrift "New England Journal of Medicine". Zumindest nicht generell.

Für die Früherkennung ist diese Erkenntnis keine gute Nachricht. Wenn sie nämlich Tumoren entdeckt, die dann doch nicht heilbar sind, ist das Ergebnis nicht, die tödliche Gefahr zu bannen, sondern die Diagnose nur eher zu stellen. Das bedeutet, dass Krebspatienten zwar früher von ihrer Krankheit erfahren, davon aber keinen großen Vorteil haben. Womöglich wird nicht einmal die Überlebenszeit, sondern nur die Leidenszeit verlängert.

Vor diesem Hintergrund spielt sich derzeit ein internationaler Wissenschaftlerstreit darüber ab, wie zuverlässig der Nutzen von Röntgenuntersuchungen zur Früherkennung von Brustkrebs belegt ist. Bis Anfang des Jahres 2000 galt es als akzeptiert, dass Frauen zwischen fünfzig und siebzig Jahren durch eine alle zwei Jahre auszuführende Mammografie ihr Risiko, an Brustkrebs zu sterben, um etwa dreißig Prozent verringern können. Doch dann erschien in der Fachzeitschrift "The Lancet" der Artikel zweier dänischer Forscher, die just jene Studien infrage stellten, die eben diese Verringerung belegt hatten.

Seither ist die Fachwelt in zwei Lager gespalten: Kritiker halten den Nutzen der Mammografie für unbewiesen. Befürworter der Früherkennung halten hingegen die Einwände für überzogen. Wer Recht hat, ist offen. Weltweit wurde bislang allerdings kein einziges Früherkennungsprogramm für Brustkrebs gestoppt. In Deutschland entschieden sich Ärzte und Krankenkassen, die Röntgenuntersuchung als kostenlose Früherkennungsmaßnahme für Frauen zwischen fünfzig und siebzig ab dem Jahr 2003 einzuführen. Die Bilanz der Brustkrebs-Früherkennung bestätigt allerdings schon jetzt, dass nicht jeder einzelne Tumor, der früh entdeckt wird, auch geheilt werden kann. Es gibt eben auch kleine, aber doch schon tückische Geschwulste.

Besonderes Kopfzerbrechen bereitet den Fachleuten, dass die Früherkennung immer wieder umgekehrt auch Tumoren entdeckt, die so langsam wachsen, dass sie für die Betroffenen zu Lebzeiten
nie zu einem Problem geworden wären.
Derartige Überdiagnosen sind bei der Früherkennung des ebenfalls sehr variablen Prostatakarzinoms möglich. Es
gibt aggressiv wachsende Karzinome, die früh tödlich sind. Doch daneben existieren auch eine Vielzahl relativ harmloser Tumoren, die so langsam größer werden, dass der Betroffene sie selbst nie bemerkt – oder selbst wenn, dennoch viel eher an anderen Krankheiten als daran stirbt. Gewebeuntersuchungen bei Männern, die an anderen Ursachen verstorben sind, zeigen, dass bereits bei jedem dritten Mann ab fünfzig und bei jedem zweiten ab achtzig ein kleiner Tumor in der Prostata wächst. Nur für wenige der Betroffenen ist der Tumor tödlich. Insgesamt sterben nur etwa drei von hundert Männern an diesem Karzinom.

Hohe Messlatte

Wenn die Früherkennung des Prostatakarzinoms sinnvoll sein soll, dann muss sie vor allem die Minderheit der besonders aggressiven Tumoren entdecken. Nur selten darf sie hingegen eine Diagnose bei der Mehrheit der Männer liefern, die nicht an, sondern mit ihrem Prostatatumor in hohem Alter sterben.

Derzeit versuchen Studien in Europa und den Vereinigten Staaten bei 220000 Männern herauszufinden, ob der so genannte PSA-Test eine Unterscheidungshilfe geben kann. Das Kürzel steht für das prostataspezifische Antigen; das Protein taucht bei Krebs der Vorsteherdrüse meist in hohen Mengen im Blut auf, teils aber auch bei harmlosen Entzündungen. Erste Ergebnisse der Studien werden ab 2005 erwartet.

Die biologische Variabilität von Tumoren ist einer der Gründe, warum die Weltgesundheitsorganisation WHO Früherkennungsprogramme mit strengen Maßstäben misst. Die WHO sieht nur dann einen Sinn in der Früherkennung, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind.
-Der infrage stehende Tumor muss tödlich sein.
-Er muss sich langsam entwickeln, also eine heilbare Phase haben.
-Er muss in dieser frühen Phase erkennbar sein.
-Es sollten keine anderen Vorbeugungsmaßnahmen existieren (beispielsweise "nicht Rauchen" gegen Lungenkrebs).
-Der Nutzen sollte den Schaden überwiegen (Röntgenstrahlen beispielsweise können selbst Krebs hervorrufen).

Dieses Anforderungsprofil an Früherkennungsprogramme erklärt auch, warum es in Deutschland derzeit nur fünf von den gesetzlichen Kassen erstattete Früherkennungsuntersuchungen gibt – bei über hundert verschiedenen Krebsarten. Ein weiterer Grund ist freilich auch, dass es nicht für jeden Tumor eine geeignete Diagnosemethode gibt. Alle Methoden zur Früherkennung – sei es Abtasten, Röntgen, der Nachweis des prostataspezifischen Antigens im Blut oder die Endoskopie des Dickdarms – haben zwei Probleme: Zum einen übersehen sie immer wieder bösartige Tumoren, die später – oft zu spät – vom Patienten selbst bemerkt werden. Solche "falsch-negativen" Diagnosen werden von Patienten oft als Versagen des Arztes interpretiert und sind mittlerweile zu einem der wichtigsten Gründe für Schadenersatzklagen geworden.

Zum anderen kommt es immer wieder zu "falsch positiven" Diagnosen: Es wird ein verdächtiger Befund entdeckt, der sich nach Wochen und Monaten des nervenaufreibenden Abwartens und weiteren Untersuchungen als Fehlalarm herausstellt.

Insgesamt betrachtet gibt die Früherkennung mehr falsch- als richtig-positive Diagnosen. Das liegt daran, dass die Krebsarten, nach denen gefahndet wird, einzeln genommen keine sehr häufigen Todesursachen sind. Von tausend Männern im Alter von 65 müssen beispielsweise etwa acht damit rechnen, in den nächsten zehn Jahren an Prostatakrebs zu sterben; von tausend gleich alten Frauen werden etwa neun in zehn Jahren an Brustkrebs sterben. Ein Test könnte im Idealfall diesen acht Männern und neun Frauen das Leben verlängern. Doch bei etwa 990 Männern und Frauen besteht die Möglichkeit einer Fehldiagnose. Im Falle der Mammografie erhalten je nach Qualität des Früherkennungsprogramms zwischen 250 und 500 dieser Frauen einen unberechtigten verdächtigen Befund.

Kleine Chance, spürbare Wirkung

Diese Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Früherkennung haben zur Folge, dass sich selbst eine noch so bestechend klingende Methode erst dann beurteilen lässt, wenn sie in Studien an Zehntausenden von Teilnehmern ausführlich erprobt wurde. In Deutschland wurden bislang drei der empfohlenen Früherkennungsuntersuchungen in solchen Studien getestet. Positiv fiel das Ergebnis für die Früherkennung von Darmkrebs durch einen Stuhltest und für die von Brustkrebs durch Mammografie aus. Beide Verfahren wurden in den 1970er und 1980er Jahren mit mehreren hunderttausend Freiwilligen geprüft. Das Selbstabtasten der Brust verbessert nach einer im Jahr 2002 veröffentlichten Studien mit 260000 Chinesinnen die Heilungsaussichten nicht. Weitere Studien zur Nutzen- und Risikobilanz der Früherkennungsmaßnahmen bei Tumoren des Darms, der Prostata, Lunge, Eierstöcke und der Haut haben mittlerweile begonnen.

Der Streit um die Mammografie zeigt jedoch, dass auch solche Studien keine Garantie für ein einstimmiges Urteil der Wissenschaftlern ist. Denn letztlich verbergen sich hinter den Kontroversen um die Früherkennung unterschiedliche Philosophien: Auf der einen Seite bietet Früherkennung eine Hoffnung, dem Tod durch Krebs zu entgehen oder ihn einige Jahre hinauszuzögern. Wenn Früherkennung – wie beispielweise beim Darmkrebs – Vorstufen zu entdecken vermag, kann sie sogar dem Entstehen von Krebs vorbeugen.

Auch wenn von tausend Teilnehmern nur eine Hand voll profitieren – die Früherkennung beinhaltet stets auch die Möglichkeit, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Auf eine komplette Nation hochgerechnet kann sich die aus Sicht des Einzelnen kleine Chance spürbar auf die Gesamtzahl der Krebstoten auswirken. Klaus Höffken, Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft, hofft, dass sich durch konsequente Früherkennung pro Jahr mehr als 30000 Todesfälle durch Brust-, Darm- und Prostatakrebs vermeiden lassen. Gerade aus der Perspektive eines Arztes, der täglich Krebspatienten sterben sieht, ist es nachvollziehbar, dass Früherkennung als empfehlenswerte Alternative erscheint. Dieser Hoffnung stehen aus der Sicht des Einzelnen erhebliche Unsicherheiten gegenüber. Mit der Entscheidung für oder gegen einen Früherkennungstest bleibt man letztlich allein. "Das ist keine Frage, die Wissenschaftler und Ärzte beantworten können", sagt Mühlhauser. "Das muss jeder mit sich alleine ausmachen."

Literaturhinweise

Mythos Krebsvorsorge. Schaden und Nutzen der Früherkennung. Von: Christian Weymayr und Klaus Koch. Eichborn Verlag, Frankfurt 2003.


Krebsvorsorge in Deutschland


Die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen für Männer und Frauen eine Reihe so genannter Vorsorgeuntersuchungen, um Krebs möglichst frühzeitig zu entdecken. Bei einem erhöhten Krebsrisiko, etwa wenn der Vater an Prostatakrebs litt, kann der Arzt bei einem Mann auch zusätzlich einen PSA-Test durchführen. Dieser erfasst einen Eiweißstoff, der bei vielen Prostata­tumoren verstärkt im Blut auftritt, allerdings auch bei harmlosen Entzündungen.

Früherkennungsuntersuchungen der gesetzlichen Krankenkassen für Frauen

Organ
Methode
Alter
Intervall
in randomisierten Studien erprobt
Gebärmutterhals, Geschlechtsorgane
Pap-Abstrich von Zellen,
Begutachten
ab 20
jährlich
nein
Brust
Abtasten
Mammografie
ab 30
50 bis 69
jährlich
zweijährlich
bedingt
ja
Haut
Begutachten
ab 30
jährlich
haben begonnen
Darm
Abtasten
Test auf Blut im
Stuhl

Test auf Blut im
Stuhl oder
Darmspiegelung
ab 50
50 bis 55
ab 55
ab 55, ab 65
jährlich
jährlich

zweijährlich

zweimal: einmal ab 55, einmal ab 65
nein
ja

ja
haben begonnen


Die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen für Männer und Frauen eine Reihe so genannter Vorsorgeuntersuchungen, um Krebs möglichst frühzeitig zu entdecken. Bei einem erhöhten Krebsrisiko, etwa wenn der Vater an Prostatakrebs litt, kann der Arzt bei einem Mann auch zusätzlich einen PSA-Test durchführen. Dieser erfasst einen Eiweißstoff, der bei vielen Prostata­tumoren verstärkt im Blut auftritt, allerdings auch bei harmlosen Entzündungen.



Früherkennungsuntersuchungen der gesetzlichen Krankenkassen für Männer

Organ
Methode
Alter
Intervall
in randomisierten Studien erprobt
GeschlechtsorganeBegutachtenab 45
jährlich
nein
ProstataAbtastenab 45jährlich
nein
Haut
Begutachten
ab 45
jährlich
haben begonnen
Darm
Abtasten

Test auf Blut im
Stuhl

Test auf Blut im
Stuhl oder
Darmspiegelung
ab 50
50 bis 55
ab 55
ab 55, ab 65
jährlich

jährlich

zweijährlich

zweimal: einmal ab 55, einmal ab 65
nein

ja

ja

haben begonnen



Was ein Früherkennungstest leistet


Früherkennung kann zwei Ergebnisse bringen: Wenn der Test "negativ" ausgeht, dann heißt das, er hat nichts Auffälliges entdeckt, ein "positiver" Befund bedeutet dagegen einen Verdacht. Nichts davon ist jedoch hundertprozentig sicher. Alle Früherkennungsuntersuchungen machen zwei folgenreiche Fehler: Zum einen übersehen sie einen Teil der bösartigen Veränderungen, zum anderen halten sie immer wieder gutartige Veränderungen für bösartig oder sprechen auf Belangloses an. Wie häufig diese Fehler sind, verraten zwei Kenngrößen:
- Die Sensitivität bezeichnet den Anteil der bösartigen Tumoren, die ein Test zutreffend entdeckt. Wenn ein Test beispielsweise von zehn Menschen mit Krebs acht als "positiv" identifiziert, was in der Praxis ein durchaus ordentlicher Wert ist, dann besitzt er eine Sensitivität von achtzig Prozent. Das bedeutet aber gleichzeitig, dass dieser Test bei zwei von zehn Krebskranken den Tumor übersieht. Das Ergebnis dieses Fehlers sind "falsch-negative" Diagnosen.
- Die Spezifität bezeichnet, wie oft ein Test Gesunde zutreffend als gesund kennzeichnet. Eine Spezifität von 95 Prozent bedeutet also, dass ein Test von tausend Gesunden 950 tatsächlich als gesund identifiziert. Aber fälschlicherweise heftet er auch fünfzig Gesunden das Etikett "krank" an – diese Diagnosen heißen dann "falsch-positiv". Die klein wirkende Fehlerrate von fünf Prozent führt auf Grund der großen Überzahl krebsfreier Teilnehmer dazu, dass Früherkennung wesentlich häufiger Fehlalarme als richtige Befunde liefert. Die Relation von richtigen zu falschen Diagnosen hängt auch vom individuellen Krebsrisiko ab.

Betrachten wir einen Früherkennungstest mit einer Sensitivität von achtzig Prozent und einer Spezifität von 95 Prozent. Wie verändert sich seine Bilanz, wenn man einer Risikogruppe angehört, in der ein, zehn oder hundert von tausend Probanden tatsächlich einen Tumor haben?


Früherkennung kann zwei Ergebnisse bringen: Wenn der Test "negativ" ausgeht, dann heißt das, er hat nichts Auffälliges entdeckt, ein "positiver" Befund bedeutet dagegen einen Verdacht. Nichts davon ist jedoch hundertprozentig sicher. Alle Früherkennungsuntersuchungen machen zwei folgenreiche Fehler: Zum einen übersehen sie einen Teil der bösartigen Veränderungen, zum anderen halten sie immer wieder gutartige Veränderungen für bösartig oder sprechen auf Belangloses an. Wie häufig diese Fehler sind, verraten zwei Kenngrößen:
- Die Sensitivität bezeichnet den Anteil der bösartigen Tumoren, die ein Test zutreffend entdeckt. Wenn ein Test beispielsweise von zehn Menschen mit Krebs acht als "positiv" identifiziert, was in der Praxis ein durchaus ordentlicher Wert ist, dann besitzt er eine Sensitivität von achtzig Prozent. Das bedeutet aber gleichzeitig, dass dieser Test bei zwei von zehn Krebskranken den Tumor übersieht. Das Ergebnis dieses Fehlers sind "falsch-negative" Diagnosen.
- Die Spezifität bezeichnet, wie oft ein Test Gesunde zutreffend als gesund kennzeichnet. Eine Spezifität von 95 Prozent bedeutet also, dass ein Test von tausend Gesunden 950 tatsächlich als gesund identifiziert. Aber fälschlicherweise heftet er auch fünfzig Gesunden das Etikett "krank" an – diese Diagnosen heißen dann "falsch-positiv". Die klein wirkende Fehlerrate von fünf Prozent führt auf Grund der großen Überzahl krebsfreier Teilnehmer dazu, dass Früherkennung wesentlich häufiger Fehlalarme als richtige Befunde liefert. Die Relation von richtigen zu falschen Diagnosen hängt auch vom individuellen Krebsrisiko ab.

Betrachten wir einen Früherkennungstest mit einer Sensitivität von achtzig Prozent und einer Spezifität von 95 Prozent. Wie verändert sich seine Bilanz, wenn man einer Risikogruppe angehört, in der ein, zehn oder hundert von tausend Probanden tatsächlich einen Tumor haben?

Höhe des RisikosSo oft lautet der Befund "Alles in Ordnung"Davon haben … doch KrebsSo oft lautet der Befund "Es gibt einen Verdacht"in randomisierten Studien erprobt
niedriges Risiko
1 Person von 1000 hat Krebs
949–9500–150–5150
durchschnittliches Risiko
10 Personen von 1000 haben Krebs
94225850
Risikogruppe
100 Personen von 1000 haben Krebs

875

20


125

45



Was dreißig Prozent weniger bedeuten


Früherkennung kann das Risiko, an Krebs zu sterben, um dreißig Prozent verringern. So oder ähnlich wird üblicherweise der Wert der Maßnahme rechnerisch beschrieben. Doch die beeindruckende Zahl wirkt anders, wenn man den Nutzen aus Sicht einer einzelnen Person betrachtet. Für Frauen zwischen fünfzig und siebzig fällt die Bilanz nach Zahlen aus dem gut dokumentierten holländischen Screening-Programm folgendermaßen aus. Von tausend Frauen im Alter zwischen fünfzig und siebzig Jahren erkranken innerhalb von zehn Jahren 23 an Brustkrebs, zehn Frauen sterben an dem Tumor. Wenn alle tausend Frauen jedes zweite Jahr am Screening teilnehmen, könnte sich die Zahl der Brustkrebstoten bei ihnen um drei verringern. Das entspricht tatsächlich einer Verringerung des Risikos um dreißig "Relativ-Prozent". Aus Sicht der einzelnen Frau heißt es aber, dass von tausend Frauen innerhalb von zehn Jahren drei auf Rettung hoffen können, die sonst an diesem Tumor gestorben wären. Auf die weibliche Bevölkerung für Deutschland hochgerechnet, hofft man, in einigen Jahren jährlich bis zu 3500 Todesfälle durch Brustkrebs zu vermeiden.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 8 / 2003, Seite 1
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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