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Wissenschaftsgeschichte: Was uns die Klassiker heute sagen

Einige der berühmtesten Experimente der Psychologie offenbarten im Nachhinein Mängel: dürftige Methoden, zweifelhafte Daten, übertriebene Deutungen. Warum die Meilensteine von einst dennoch wichtig bleiben.

Wie viel ist zwei plus drei? So stand die Aufgabe an eine Kreidetafel geschrieben. Und Hans löste sie mit Bravour, indem er mit dem linken Vorderhuf fünfmal an ein Brett stieß. Das war der Beweis: Pferde können lesen und rechnen!

Anfang des 20. Jahrhunderts machte das Wunderpferd Hans in Berlin Furore und trat mit seinem Besitzer, dem Mathematiklehrer Wilhelm von Osten (1838–1909), öffentlich auf. Konnte ein Gaul wirklich so intelligent sein, wie von Osten dem staunenden Publikum versicherte? Der Psychologe Oskar Pfungst (1874–1932) lüftete wenig später das Geheimnis. Hans’ Besitzer signalisierte dem Vierbeiner auf subtile Weise das Rechenergebnis, indem er seine Körperhaltung leicht veränderte, sobald die richtige Zahl an Klopfern erreicht war.

Gleichgültig, ob der Pferdeflüsterer ein Scharlatan war oder selbst an das erstaunliche Talent des Tiers glaubte, der »kluge Hans« wurde zum Symbol für ein Problem, das Psychologen bis heute beschäftigt: Die Wünsche und Überzeugungen von Forschern beeinflussen ihre Resultate, mitunter sogar, ohne dass sie sich dessen bewusst wären. Einfacher ausgedrückt: Wer sucht, der findet – zum Beispiel Bestätigungen für die eigene, lieb gewonnene Theorie.

11/2020

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 11/2020

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Quellen

Cahalan, S.: The great pretender. The undercover mission that changed our understanding of madness. Cannongate, 2020

Crivelli, C. et al.: Reading emotions from faces in two indigenous societies. Journal of Experimental Psychology: General 145, 2016

Griggs, R. A.: The disappearance of independence in textbook coverage of Asch’s social pressure experiments. Teaching in Psychology 42, 2016

Haslam, S. A., Reicher, S.: Social psychology: Revisiting the classic studies. Sage Publications, 2012

Perry, G. et al.: Credibility and incredulity in Milgram’s obedience experiments: A reanalysis of an unpublished test. Social Psychology Quarterly 10.1177/0190272519861952, 2019

Literaturtipp

Chambers, C.: The 7 deadly sins of psychology. Princeton University Press, 2019. Der britische Psychologe Chris Chambers über die »Todsünden« seines Fachs. Eine erhellende Lektüre!