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Wissenschaft: Was wir wirklich wissen müssen, um die Welt zu verstehen

Wissenschaft für Nichtwissenschaftler
Aus dem Französischen von Michael Hein. Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins, Hamburg 2002. 240 Seiten, € 14,95


Alles, was man wissen muss, um die Welt zu verstehen, und das auf nur 240 Seiten? Das kann doch nur eine Mogelpackung sein? Ist es auch.

Der Franzose Albert Jacquard, Jahrgang 1925, von Hause aus Genetiker, befasst sich zunächst mit der Definition einiger Begriffe wie "Universum" oder "Zeit" und schildert dann Grundlegendes aus seinem Forschungsschwerpunkt im Schnittfeld von Genetik und Bevölkerungsstatistik. Hier bietet er durchaus hilfreiche Einsichten, etwa indem er die leichtfertige Annahme, die intellektuelle Entwicklung des Kindes sei genetisch völlig vorherbestimmt, kritisch zerpflückt.

Doch wie im ganzen Buch schweift Jacquard immer wieder vom behandelten Thema in gut gemeinte, aber nebulöse Plädoyers für einen besseren Schulunterricht ab – oder in sehr holzschnittartige Ausführungen über Wissenschaft: "Eine wissenschaftliche Haltung einzunehmen bedeutet letztlich, Sinneseindrücke durch Begriffe zu ersetzen und diese Begriffe in Worte zu fassen." Das ist etwas vage für ein Buch, das "Wissenschaft für Nichtwissenschaftler" bieten möchte, zumal Aspekte wie Experimentieren, Messen, Beobachten oder mathematische Beweise so gut wie gar nicht angesprochen werden.

Der Teil, der sich der Mathematik widmet, ist besonders ärgerlich. Große Teile der Ausführungen über Logarithmen, imaginäre Zahlen und anderes sind trockene Herleitungen, erschwert durch schlampig oder falsch gesetzte Formeln und kleinere Übersetzungsfehler. Ähnliches gilt für die Abschnitte über Einsteins Relativitätstheorie am Anfang des Buches. Hier ist obendrein die Zielgruppe kaum auszumachen: Welcher Laie ist schon im Umgang mit Differenzialen und trigonometrischen Funktionen geübt?

Das letzte Kapitel "Einige Fragen" ist schließlich so mit guten Absichten überfrachtet, dass es kaum noch etwas Konkretes zu den dort angesprochenen Themen wie "atomare Bedrohung" oder "Menschenwürde angesichts der Gentechnik" bieten kann.

Anscheinend hat der Autor nicht ein Buch geschrieben, sondern mehrere Manuskripte ungeschickt ineinander verschränkt. Dass in dem Buch alles "für den modernen Menschen unerlässliche Wissen … zusammengefasst ist", wie der Umschlagtext verkündet, davon kann jedenfalls keine Rede sein.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 6 / 2003, Seite 99
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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