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Hirschhausens Hirnschmalz: Wenn Beziehungen wackeln

Eckart von HirschhausenLaden...

Wie stabil ist eine Beziehung? Eine wichtige Frage. Sowohl für die Partner als auch für Außenstehende, die sich für einen der beiden interessieren. In einem klassischen Experiment testeten Sozialpsychologen 1974, ob sich Menschen eher füreinander interessieren, wenn sie sich auf einer wackeligen Hängebrücke begegnen statt auf dem Parkplatz daneben.

Siehe da: Ein schaukelnder Untergrund hilft, die Gefühle in Wallung zu bringen. Aber wie geht es dann weiter? Seit einigen Jahren untersucht die Embodiment-Forschung, wie die physische Umgebung unsere Gedanken beeinflusst. Psychologen aus den USA und Kanada gingen nun der Frage nach, wie sich körperliche Instabilität auf die gefühlte Stabilität der Beziehung auswirkt. Alle Probanden waren in festen Händen, im Schnitt bereits seit mehr als zwei Jahren. Mal wackelten beim Ausfüllen der Fragebogen Tisch und Stuhl ein wenig, mal mussten die Teilnehmer auf einem Bein stehen oder saßen auf einem federnden Kissen.

Wenn Beziehungen aus dem Gleichgewicht geraten, liegt es meistens …?

  1. A) … an dem anderen.
  2. B) … an einer anderen.
  3. C) … an der Verschiebung der Erdplatten.
  4. D) … am fehlenden Fundament.

Gefragt wurde allerlei, aber entscheidend ­waren Punkte wie "Wie zufrieden bist du mit deiner aktuellen Beziehung?" und "Glaubst du, ihr seid in zehn Jahren noch zusammen?". Fragen also, bei denen man auch ohne wackeligen Stand ins Schwanken kommen kann. Zusätzlich sollten manche Teilnehmer noch eine nette Nachricht an ihren Partner formulieren. Das Ergebnis: Probanden, die unsicher saßen oder standen, übertrugen diese körperliche Erfahrung auf die Einschätzung ihrer Beziehung – sie hielten diese für weniger stabil als Probanden, die stets festen Boden unter sich hatten. Für mich der lustigste Teil der Studie: die romantischen Botschaften an die Partner. Da schwankt das Niveau stärker, als jeder kippelnde Stuhl erklären kann. Ja, Gefühle auszudrücken fällt manchen Menschen nicht leicht. Aber diesen Spruch kann wohl nur ein Mann geschrieben haben: "Hey, ich schreib dir, weil es Teil einer Studie ist und ich dafür nachher noch Bonbons für lau ­bekomme. Ok, bye!" Er fand es sicher witzig.

Weitere Schmankerl: "Ich bin sauer darüber, dass du denkst, ich sollte das ganze Kochen und Putzen erledigen. Wir arbeiten beide. Du solltest helfen." Oder: "Ich bin sehr glücklich darüber, dass du mit mir zusammen bist. Mittlerweile ­respektiere ich deine Ansichten und Überzeugungen." Na gut, es waren wie immer viele Psychologiestudenten unter den Probanden.

Wichtig ist diese Studie für Paartherapeuten – und sind wir das nicht alle ab und zu? Wenn zwei sich streiten, dass die Wände wackeln, muss es nicht an inhaltlichen Differenzen liegen. Vielleicht wackelt auch nur der gemeinsame ­Esstisch. (Oder das Bett wackelt zu wenig, aber das ist ein anderes Thema.) Statt einen Psychoanalytiker zu fragen, wer von beiden eine Schraube locker hat, könnten sie vielleicht auch den Handwerker rufen. Oder einen Inbusschlüssel bei Ikea nachkaufen. Zahlt aber nicht die Kasse.

Zu Studienzeiten war ich mal mit einer ­Krankengymnastin liiert. Sie verbannte meinen Schreibtischstuhl und schenkte mir einen großen Gummiball, gegen meine Rückenschmerzen. Nun verstehe ich besser, warum diese Beziehung nicht halten konnte. Immerhin blieb mir der ­Rückenschmerz vertraut und beständig.

9/2015

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 9/2015

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