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Mundgeruch: Wenn der Atem nach Verwesung riecht

Seit Urzeiten haben Menschen schlechten Atem und versuchen, dem Übel mit allerlei wohlriechenden Kräutern beizukommen. Jetzt bringen Forscher frischen Wind in das anrüchige Gebiet.


IN KÜRZE


- Mundgeruch oder Halitose ist ein häufiges, vom Betroffenen meist unerkanntes medizinisches Problem, das sich sozial höchst nachteilig auswirkt. Außer echter Halitose kann gelegentlich auch die ständige Furcht, schlecht aus dem Mund zu riechen – die Halitophobie –, die Lebensqualität ernsthaft mindern.

- Seit kurzem analysieren Forscher die Halitose qualitativ und quantitativ. Sie entdeckten in der Mundhöhle zahlreiche Bakterienarten, die übel riechende Stoffwechselprodukte aus-scheiden.

- Der Handel mit Mitteln für frischen Atem ist ein lukratives Geschäft. Für Mundwasser und Minzbonbons werden Unsummen ausgegeben – meist ohne dauerhafte Besserung.


Übertriebene Furcht vor Mundgeruch


Ruby – eine fiktive, aus mehreren realen Fällen zusammengesetzte Patientin – kleidet sich stets tadellos und wirkt besonders gepflegt. Als erfolgreiche Geschäftsfrau hat sie scheinbar alles unter Kontrolle – wenn da nicht dieses eine Problem wäre. Vor dreißig Jahren sagte ihr eine Schulfreundin, sie rieche schlecht aus dem Mund. Seitdem lebt Ruby in ständiger Furcht vor ihrem Atem. Zu Kunden hält sie stets Abstand und kaut unentwegt Kaugummi. Sie geht regelmäßig zum Zahnarzt, putzt mindes-tens viermal täglich die Zähne, reinigt die Zunge, benutzt Zahnseide und gurgelt mit antiseptischem Mundwasser. Sie vermeidet es, ihren Ehemann auf den Mund zu küssen, und achtet da-rauf, anderen Menschen nicht zu nahe zu kommen. Im Freien bemüht Ruby sich, bei Gesprächen gegen den Wind zu stehen. Der vermeintliche Mundgeruch ist ihr so peinlich, dass sie mit niemandem darüber spricht.

Schließlich kam Ruby in unsere Klinik. "Ich habe das Gefühl, ein erfolgreiches Leben zu führen – mit Ausnahme dieses fürchterlichen Problems", erzählte sie uns unter Tränen. Als wir jedoch ihren Atem testeten, konnten wir beim besten Willen keinen Mundgeruch feststellen. Auch bei Rubys späteren Terminen war kein übler Geruch wahrzunehmen: Ihr Atem war einfach unauffällig.
Ruby leidet wie Millionen andere an Halitophobie, der krankhaften Angst, schlecht aus dem Mund zu riechen. Der Experte für Sozialpho-bien Murray B. Stein von der Universität von Kalifornien in San Diego hat im Jahr 1997 in einer Studie im kanadischen Alberta he-rausgefunden, dass von 1206 Teilnehmern 15,8 Prozent "sehr besorgt" wegen ihres Atems waren. 2,8 Prozent hatten deshalb schon einen Experten aufgesucht, und 2,7 Prozent gaben an, ihre Sorge wirke sich einigermaßen oder stark auf ihr Leben aus. Ein Prozent der Teilnehmer räumte ein, aus Angst wegen ihres Mundgeruchs nicht zu einer Party gegangen zu sein. Offensichtlich schränkt Halitophobie die sozialen Aktivitäten ein und führt in einen Zustand selbstauferlegter Einsamkeit.

Zu den Betroffenen, die ich befragt habe, zählen Anwälte, Lehrer, Richter, Schauspieler, ein Arzt, ein hochrangiger Politiker und sogar jemand, der Zahnarzt wurde, weil er hoffte, dadurch eine Lösung für sein "Problem" zu finden.

Halitophobiker verbergen ihre Sorge. Ein Kollege versuchte mir einmal einzureden, eigentlich gebe es gar keine Halitophobie. "Was redest du da", platzte seine langjährige Ehefrau heraus: "Ich selbst bin so ein Fall!"

Halitophobiker glauben, für ihre Furcht gute Gründe zu haben. So halten sie zum Beispiel einen unangenehmen Geschmack im Mund für ein Anzeichen von Mundgeruch, obwohl Geschmack und Atem nichts mit-einander zu tun haben müssen. Manche meinen, sie hätten den üblen Geruch eines Familienmitglieds geerbt. Und einige interpretieren das Verhalten anderer Menschen – wenn diese beispielsweise zufällig ein Fenster öffnen oder sich die Nase reiben – als Reaktion auf ihren Mundgeruch.

Nur wenige Halitophobiker sind bereit, einen psychologischen Grund für ihre Furcht in Betracht zu ziehen; doch erst damit steigt die Erfolgschance einer Psychotherapie. Tatsächlich haben wir zusammen mit Ilana Eli von der Universität Tel Aviv festgestellt, dass Halitophobiker im Umgang mit anderen Menschen zu Überempfindlichkeit und Zwanghaftigkeit neigen. In den meisten Fällen halten sie leider daran fest, eine Lösung für ein Problem zu suchen, das gar nicht existiert.


Quellen schlechten Atems


Mundgeruch entsteht tat-sächlich größtenteils im Mund. Äußerst selten ist die Ursache jenseits der Mandeln zu finden. Nur in Ausnahmefällen ist – entgegen einer weit ver-breiteten Meinung – der Magen eine Quelle für Mundgeruch.

Relativ häufig geht hingegen der üble Atem von der eigenen Nase aus, inklusive ihrer diversen Höhlen und Nebenhöhlen. Manchmal sind Fremdkörper die Ursache; wenn ein Kind plötzlich seltsam riecht, sollte man die Nasenlöcher daraufhin untersuchen.


Die Steine aus den Mandelmulden


In den Mulden der Mandeln bilden sich Steinchen, so genannte Tonsillolithen, aus teilweise verkalkten Bakterien und allerlei Rückständen. Die Tonsillolithen selbst riechen faulig, verursachen aber nicht unbedingt Mundgeruch. Sie sind relativ selten: Wohl nur zwei bis drei Prozent der Bevölkerung tragen diese Steinchen mit sich herum. Da sie normalerweise keine medizinischen Probleme verursachen, haben viele Mediziner und Zahnärzte noch nie von ihnen gehört. Die abgebildeten Proben stammen von einem einzigen Menschen.

Tipps für frischen Atem


- Reinigen Sie den hinteren Zungenrücken sanft mit einem Zungenreiniger aus Kunststoff. Achten Sie darauf, die Zunge dabei nicht zu verletzen, wischen Sie nur die Schleimschicht ab. Der Würgereiz verschwindet durch Gewöhnung.

- Frühstücken Sie ausgiebig. Ein gutes Frühstück reinigt den Mund und regt den Speichelfluss an.

- Achten Sie darauf, dass Ihr Mund nicht austrocknet. Das Kauen eines Kaugummis für wenige Minuten kann Mundgeruch mindern. Trinken Sie ausreichend.

- Benutzen Sie ein Mundwasser – am besten kurz vor dem Zubettgehen. Das verhindert das Wachstum von Mikroorganismen und das Entstehen von Mundgeruch über Nacht.

- Reinigen Sie den Mund, nachdem Sie stark riechende Mahlzeiten mit Knoblauch, Zwiebeln, Curry oder ein Getränk wie Kaffee zu sich genommen haben. Vergessen Sie dabei nicht die Zahnzwischenräume, besonders nach proteinreicher Kost.

- Reinigen Sie Ihre Zähne und Zahnzwischenräume nach Anleitung Ihres Zahnarztes.

- Fragen Sie ein erwachsenes Familienmitglied oder einen guten Freund, wie Ihr Atem riecht. Das ist die verlässlichste – und billigste – Methode, um herauszufinden, ob Sie Halitose haben.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 6 / 2002, Seite 70
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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