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Westrom: Stilicho, der Kaiserhof und die Reichseinheit

Mit dem Tod des Kaisers Theodosius des Großen 395 nahm die Karriere seines Protegés, des Heermeisters Flavius Stilicho Fahrt auf. Er war der starke Mann Westroms und machte immer wieder seinen Einfluss in Konstantinopel geltend. Im Ringen der beiden Reichshälften um die Vormachtstellung und bei der Abwehr von Invasoren setzte er wiederholt auf germanische Bundesgenossen. Sein Aufstieg und Fall illustriert die Verwerfungen seiner Zeit, die letztlich zum endgültigen Auseinanderdriften des Imperiums führten. Der Althistoriker Henning Börm hat dem Heermeister wie seinen Kaisern und Gegnern ein Kapitel in seiner Darstellung der Geschichte Westroms gewidmet.

Stellt das Jahr 395 eine Zäsur innerhalb der römischen Geschichte dar? Überwiegen im Rückblick die Diskontinuitäten die Kontinuitäten? Es gibt gute Gründe, der "Reichsteilung" zwischen Honorius und Arcadius den Charakter einer Epochengrenze abzusprechen, nicht zuletzt deshalb, weil es sich im Grunde ja um eine Herrschaft zweier Brüder in einem ungeteilten Imperium handelte. Ungefähr 20 Jahre später sollte Orosius betonen, die Kaiser hätten gemeinsam geherrscht und seien nur räumlich getrennt gewesen. Er gab damit zweifellos die offizielle Sichtweise wieder: Es gab nur ein einziges Imperium Romanum. Die zunehmende Trennung zwischen den einzelnen "Regierungsbezirken" hatte lange zuvor eingesetzt und war letztlich eine unausweichliche Konsequenz des Mehrkaisertums mit seiner regionalen Aufgabenteilung. Der letzte "Augustus", der kurzzeitig allein das Gesamtreich beherrscht hatte, war gut 30 Jahre zuvor Jovian gewesen. Die weit gehende administrative Teilung war darum längst Normalität, als der Vater der beiden, Theodosius I., 395 starb.

Auf den ersten Blick hätte man sogar darauf hoffen können, dass die Reichsteile wieder enger zusammenrücken würden: Seit dem Tod des Valens 378 waren niemals alle "Augusti" blutsverwandt gewesen, und zweimal hatte diese Konstellation seither zu Bürgerkriegen geführt. Das neue Kaiserkollegium dagegen bestand aus zwei Brüdern. Es sollte sich allerdings sehr bald zeigen, dass gerade dies nicht zur Harmonie zwischen den beiden Reichshälften beitrug.

Ausschlaggebend für die unübersehbaren, teils sogar gewaltsamen Konflikte zwischen Ost und West war paradoxerweise gerade das beharrliche Festhalten an der Einheit. Denn in einem geeinten Imperium Romanum unter mehr als einem Kaiser stellte sich genauso wie in den Jahrzehnten zuvor unausweichlich die Frage nach dem Vorrang. Auch in Zeiten eines Mehrkaisertums blieb das spätrömische Reich grundsätzlich eine Monarchie. Zumindest theoretisch musste daher immer einer der "Augusti" den Vorrang haben, denn in einer Ordnung, in der nach wie vor die Herrschaft des Besten, des "optimus", propagiert wurde, konnte es auch in der Spätantike grundsätzlich nur einen "princeps" geben, also nur einen, der die größte Autorität besaß. Dass auch das Mehrkaisertum durchaus als Monarchie aufgefasst wurde, belegt etwa Porphyrius, der feststellte, eine Alleinherrschaft sei nicht etwa dadurch definiert, dass es nur einen einzigen Herrscher gebe, sondern dadurch, dass nur ein Einziger wirklich herrsche. Dies war unter Diokletian, Konstantin I. (ab 324), Valentinian I. und zuletzt auch unter Theodosius I. der Fall gewesen. Nun aber nicht mehr. ...

Spezial Archäologie - Geschichte - Kultur 1/2015

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