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Wie das Denken im Kopf entsteht.

Aus dem Amerikanischen von Martina Wiese und Sebastian Vogel. Kindler, München 1998. 768 Seiten, DM 78,–.

Steven Pinker, Professor für Kognitionswissenschaft am Massachusetts Institute of Technology, ist ein weit über die Grenzen seines Faches hinaus belesener Mann. In diesem Buch stellt er eine umfassende, wenn auch teilweise nicht hinreichend spezifizierte neurophilosophische Theorie der Kognition vor, wobei er zusätzlich auf Sozial- und Entwicklungspsychologie, Paläoanthropologie sowie den genetischen und Sozialdarwinismus amerikanischer Prägung zurückgreift. Auch in der Art der Darstellung handelt es sich um ein für den amerikanischen Markt geschriebenes Buch: Gut gewählte Zitate aus Pop- und Folksongs von Woody Guthrie bis Simon & Garfunkel und John Lennon, Filmen sowie der Welt- und amerikanischen Literatur sorgen für eine kurzweilige Lektüre.

Pinker behandelt eine Vielzahl von Themen: die Computermetapher des Denkens und neuronale Netze, die Neurophysiologie des visuellen Systems, Wahrnehmungspsychologie und neuropsychologische Defizite bei Hirnverletzten, Evolutions-, Entwicklungs- und Sozialpsychologie, Selektionsgenetik, Semantik und Sprachentwicklung. Neodarwinistischen Theorien („Egoismus der Gene“) wird breiter Raum gegeben.

In Kognitionswissenschaft, Semantik und Sprachentwicklung, wo Pinker eigene Forschungsleistungen vorzuweisen hat, orientiert er sich merklich an Vorbildern wie dem Philosophen Jerry Fodor, Noam Chomsky, dem Schöpfer der modernen Linguistik, und dem Künstliche-Intelligenz-Forscher David Marr. Andere wichtige, aber zur Argumentation nicht passende Theorien wie die des britischen Physikers Roger Penrose werden ohne stichhaltige Begründung verworfen; selbst in einem populärwissenschaftlichen Buch hätte ich mehr erwartet.

Eine schlüssige Erklärung des Phänomens „Bewußtsein“ kann auch Pinker nicht geben, er folgt dem Linguisten Ray Jackendoff und dem Philosophen Ned Block, indem er einzelne Eigenschaften definiert und zu erklären versucht: Wissen von sich selbst, Zugang zu Informationen, Empfindungsfähigkeit, Willen.

Die ausführliche Auseinandersetzung mit dem Darwinismus und der Evolution zielt auf den Leser in den USA, wo die Behandlung dieses Themas im Schulunterricht immer noch umstritten ist. Manche Formulierungen sind reißerisch und unwissenschaftlich: Aussagen wie, daß die durchschnittliche Forelle einen Intelligenzquotienten von 4 habe und der Mutter-Kind-Konflikt im Mutterleib beginne, sind bestenfalls als Metaphern akzeptabel. Das Werk endet mit der Frage nach dem Sinn des Lebens: Kunst, Lachen, Religion sind die wichtigen Elemente in Pinkers Antwort.

Das Buch ist unterhaltsam und – bis auf einige semantische Inkongruenzen zwischen dem Amerikanischen und dem Deutschen – gut übersetzt. Aber es erinnert mich in seiner etwas zu bunten Mischung an die Schriften von Herbert Spencer (1820 bis 1903), dem Ingenieur, Erfinder des Überdruckventils, Autodidakten und Modephilosophen des 19. Jahrhunderts, der mit den Theorien der Evolution und Assoziation sowie dem psychologischen Wissen seiner Zeit versuchte, eine Theorie des menschlichen Geistes zu entwickeln. Spencer fand viele Leser, was vermutlich auch Pinker beschieden sein wird.

Dem Nichtspezialisten seien Bücher empfohlen, die näher an der aktuellen Forschung und in ihrem Anspruch bescheidener sind: zum Korrelat von Gefühlen und Gedanken im Gehirn „Descartes’ Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn“ von Antonio R. Damasio (München 1995); zu neuronalen Netzen und der Computermetapher im Hinblick auf Denken, Bewußtsein und menschliches Verhalten „Die Seelenmaschine“ von Paul M. Churchland (Heidelberg 1997); und zur Neurophilosophie „Philosophie des menschlichen Bewußtseins“ von Daniel C. Dennett (Hamburg 1994).


Aus: Spektrum der Wissenschaft 5 / 1999, Seite 150
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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