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Porträt: Angela Friederici: Wie das Gehirn zur Sprache kommt

Die Neuropsychologin Angela Friederici erforscht die spezifisch menschliche Fähigkeit, Sprache zu verwenden. Ihr interdisziplinärer Ansatz überwindet die notorische Kluft zwischen Geistes- und Naturwissenschaft.
Angela FriedericiLaden...
Erst ganz am Ende seines monumentalen Romans "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" lässt Marcel Proust sein Alter Ego den Entschluss fassen, eben dieses Werk der Erinnerung in Angriff zu nehmen. Der Autor im Buch wird also beginnen, just das Buch zu schreiben, das wir Leser einige Seiten weiter bedauernd zuklappen werden – eine schöne selbstbezügliche Schleife. Auf diesen allerletzten Seiten überlegt Proust, was den Autor daran hindern könnte, seine Recherche zu vollenden. Er könnte zu früh sterben, oder ein Schlaganfall könnte ihn der Sprache berauben. Vielleicht endet er "genauso wie diejenigen, die am stärksten überzeugt sind, dass ihre Zeit abgelaufen ist, sich dennoch leicht überreden lassen, ihre Unfähigkeit, gewisse Wörter auszusprechen, habe nichts mit einem Schlaganfall, mit Aphasie zu tun, sondern müsse von einer Ermüdung der Zunge, einem dem Stottern ähnlichen Nervenzustand oder der auf eine Verdauungsstörung folgenden Erschöpfung herrühren."

Das Wissen um den Zusammenhang zwischen Hirnläsionen und Sprachstörungen war um 1900 noch relativ neu, doch Marcel Proust war darüber durch seinen Vater, einen prominenten Nervenarzt, bestens informiert. Damals boten die unterschiedlichen Störungsbilder der Aphasie, hervorgerufen durch Hirnschlag oder Kopfverletzung, die einzige Chance, den Zusammenhang von Sprache und Gehirn zu erforschen. Erst mit der Elektroenzephalografie (EEG) und modernen bildgebenden Verfahren lässt sich der Zusammenhang zwischen Hirntätigkeit und Sprache detailliert untersuchen. Ein Star der Forschung auf diesem Gebiet ist Angela Friederici. Sie personifiziert durch ihren Werdegang – von Germanistik über Psychologie zu Neurologie – den Brückenschlag zwischen Geistes- und Naturwissenschaft, ohne den heute kein tieferes Verständnis von Sprache möglich ist. Das Medium, in dem wir sprechen und lesen, denken und dichten, mailen und twittern, ist ein spezifisch menschliches Natur- und Kulturprodukt komplex verschalteter Neuronenbündel. Es bereitete mir großes Vergnügen, zu sehen, wie in den Augen von Frau Friederici, während wir uns mit der Sprache über die Sprache unterhielten, immer dann, wenn von der Aussicht auf neue Erkenntnisse die Rede war, die pure Forscherlust aufblitzte.

Spektrum der Wissenschaft: Frau Professor Friederici, wie kamen Sie zur Wissenschaft? Hatten Sie früh Interesse an empirischer Naturforschung, oder interessierte Sie mehr die Erforschung von Geist und Sprache?

Prof. Dr. Angela Friederici: Ganz am Anfang stand sicherlich mein Vater, der selbst Wissenschaftler war – Hämatologe – und mit dem ich einige Male ins Labor durfte. Beim Entschluss, was ich studieren wollte, stand aber eher die Sprache im Vordergrund. Deshalb habe ich zunächst Germanistik studiert. Ich merkte aber bald, dass das, was in den Grammatikbüchern steht, nicht unbedingt das ist, was der Mensch spricht. Mich faszinierte ein Gastdozent an der Universität Bonn, der ein Seminar über Sprachstörungen leitete. Von dem lernte ich, dass...
Januar 2010

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft Januar 2010

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