Direkt zum Inhalt
Login erforderlich
Dieser Artikel ist Abonnenten von Spektrum der Wissenschaft frei zugänglich.
Psychologie

Wie die Sprache das Denken formt

Menschen leben in unterschiedlichen Kulturen und sprechen die verschiedensten Sprachen. Deren Strukturen prägen in ungeahntem Ausmaß die Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen.
Sprache und Denken

Pormpuraaw ist eine kleine Siedlung der Aborigines am Westrand der Halbinsel Cape York in Nordaustralien. Ich bitte ein fünf Jahre altes Mädchen, nach Norden zu zeigen. Ohne zu zögern, deutet sie in eine bestimmte Richtung. Mein Kompass bestätigt: Sie hat Recht. Nach meiner Rückkehr in die USA stelle ich dieselbe Frage in einem Hörsaal der Stanford University. Vor mir sitzen angesehene, mehrfach ausgezeichnete Gelehrte; manche besuchen seit 40 Jahren Vorträge in diesem Saal. Ich bitte sie, die Augen zu schließen und nach Norden zu zeigen. Viele weigern sich, weil sie keine Ahnung haben, wo Norden liegt. Die Übrigen denken eine Weile nach und deuten dann in alle möglichen Richtungen. Ich habe diesen Versuch nicht nur in Harvard und Princeton wiederholt, sondern auch in Moskau, London und Peking – stets mit demselben Resultat.

Eine Fünfjährige aus einer bestimmten Kultur bringt ohne Weiteres etwas fertig, was angesehene Forscher einer anderen Kultur überfordert. Was ist der Grund für die höchst unterschiedliche kognitive Fähigkeit? Die überraschende Antwort lautet: die Sprache.

Die Idee, dass Sprachunterschiede die Kognition beeinflussen, ist an sich jahrhundertealt; in Deutschland vertraten sie vor allem Johann Gottfried Herder (1744 – 1803) und Wilhelm von Humboldt (1767 – 1835). Seit den 1930er Jahren wird sie oft den amerikanischen Linguisten Edward Sapir (1884 – 1939) und Benjamin Lee Whorf (1897 – 1941) zugeschrieben. Die beiden untersuchten die Grammatik nordamerikanischer Indianer und mutmaßten: Wenn Menschen grundverschieden sprechen, dann denken sie auch unterschiedlich. Zwar fand die Idee zunächst großen Anklang, doch empirische Belege fehlten fast völlig…

April 2012

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft April 2012

Kennen Sie schon …

Dossier 1/2018

Gehirn&Geist – Dossier 1/2018: Die großen Fragen

Was ist Bewusstsein? • Macht Mitgefühl moralisch? • Existiert die Seele? • Wird Psychologie überschätzt? • Gibt es Wahrheit? • Kann man Resilienz lernen? • Bewirkt Nichts etwas?

Sprache - Von fremden Worten und vertrauten Klängen

Spektrum Kompakt – Sprache - Von fremden Worten und vertrauten Klängen

Unsere Sprache verrät vieles: Kommunizieren wir in unserer Mutter- oder einer Fremdsprache, klingt ein Dialekt oder ein Akzent durch, reden wir mit einem Kind oder einem Erwachsenen? All das ist zu hören. Aber gibt es wirklich eine Universalgrammatik, und wie funktionieren eigentlich Pfeifsprachen?

Dossier 4/2017

Gehirn&Geist – Dossier 4/2017: Lernen und Gedächtnis

Besser lernen: Die fünf effektivsten Strategien • Persönlichkeit: Wie Erinnerungen uns prägen • Amnesie: Blackout im Gehirn

Lesermeinung

13 Beiträge anzeigen

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Leserzuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Leserzuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmer sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Vielen Dank!

  • Quellen

Boroditsky, L., Gaby, A.: Remembrances of Times East: Absolute Spatial Representations of Time in an Australian Aboriginal Community. In: Psychological Science 21, S. 1635 – 1639, 2010

Danziger, S., Ward, R.: Language Changes Implicit Associations between Ethnic Groups and Evaluation in Bilinguals. In: Psychological Science 21, S. 799 – 800, 2010

Fausey, C. M. et al.: Constructing Agency: The Role of Language. In: Frontiers in Cultural Psychology 1, Artikel 162 (online), 2010