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Wie die Zeit in die Welt kam. Die Entstehung einer Illusion aus Ordnung und Chaos.

Hanser, München 1996.
344 Seiten, DM 54,-.

Zeit ist ein zeitloses Thema, und zahllos sind die Abhandlungen über sie. Wer sich da als Autor einreihen will, muß entweder etwas wirklich Neues zu sagen haben oder eine besonders originelle Darstellung wählen. Es ist so wie mit der Aufführung allzu bekannter Musikstücke: Nur sehr gute Orchester sollten sich daranwagen.

Henning Genz, Physik-Professor an der Universität Karlsruhe, hat es gewagt – und das selbst nach dem Erscheinen eines Bestsellers wie Stephen Hawkings "Eine kurze Geschichte der Zeit". Zwei Jahre zuvor schon hatte er ein Buch zum Thema "Raum" veröffentlicht. Beide zusammen sollten ursprünglich ein Werk bilden; des übermäßigen Umfangs wegen sind zwei Bände daraus geworden.

Das Neue an dem neuen Werk zum alten Thema ist wohl vor allem die didaktische Methode. Genz ist darin erfahren, wie ein Blick in die Literaturliste verrät. Wenn es in der Physik ein Analogon zur künstlerischen Freiheit gibt, so hat er es entdeckt. So ersetzt er schwierig zu verstehende Experimente der Elementarteilchenpysik durch hypothetische, die technisch so zwar nicht durchführbar sind oder den gewünschten Effekt gar nicht zeigen würden, aber den springenden Punkt genau erfassen.

In die Quantenmechanik steigt Genz mit nichts Geringerem als dem Einstein-Podolsky-Rosen-Experiment ein (vergleiche Spektrum der Wissenschaft, September 1992, Seite 82). Einem erfahrenen Physiker bleibt bei einem derartigen Sprung ins kalte Wasser die Luft weg: der Versuch Albert Einsteins (1879 bis 1955), ein Kausalitätsproblem in der Deutung der Quantenmechanik aufzuzeigen, als Anfänger-Anekdote?

Aber nein, es geht gut. Denn ohne sich lange mit Spins (den Eigendrehimpulsen von Elementarteilchen) unterschiedlicher Orientierung aufzuhalten, führt Genz ein Paar Handschuhe in die Geschichte ein. Jeweils einen bekommen die Experimentatoren Hänsel und Gretel in einem Sack versteckt – und wissen beim Öffnen, welchen Handschuh der andere hat, selbst wenn dessen Sack noch gar nicht geöffnet und damit der Zustand seines Handschuhs nicht bestimmt ist. Das Kausalitätsproblem dabei ist, daß nach der Quantentheorie der Zustand eines Elementarteilchens (Hänsels Handschuh) überhaupt erst durch das Eingreifen des Experimentators (Hänsel) festgelegt wird. Andererseits weiß Gretel schon, was in Hänsels Sack ist, wenn sie ihren als erste öffnet. Es wird auch keine Zeit benötigt, um ihr Meßergebnis auf Hänsels Sack zu übertragen.

Nicht gerade sanft geht Genz mit den Griechen der Antike um, und mit messianischem Eifer bekämpft er religiös geprägte Einstellungen. Daß diese Welt erforschbar ist, macht er zur Überschrift eines Abschnittes. Dagegen wäre die Aussage, daß man, wenn man diese Welt erforschen will, erstaunlich viel (und immer auch neue Fragen) entdecken kann, zutreffender und weniger arrogant.

Nach Meinung des Autors muß die Philosophie immer der Physik folgen. Das ist umstritten. Denn hervorragende Physiker kannten sich häufig sehr gut in philosophischen Werken aus und ließen sich in ihrem Weltbild, in ihrem Fragen und Denken durch sie anregen, so zum Beispiel Werner Heisenberg (1901 bis 1976) von Platon (427 bis 348 vor Christus) und Einstein von dem niederländischen Philosophen Baruch Spinoza (1632 bis 1677).

Die Beiträge des Universalgelehrten Aristoteles (384 bis 322 vor Christus) zum Thema Zeit werden als unwesentlich abgehakt mit der Begründung, daß den antiken Griechen der Begriff des Grenzwertes fehlte. Aber sollte man, wenn man bei Aristoteles liest, daß das Jetzt eine Art Mitte sei, die Anfang und Ende zugleich in sich schließe, nicht eher würdigen, daß Aristoteles in seiner Zeit solches dachte? Wer würde heutzutage dem englischen Erfinder Charles Babbage (1792 bis 1871) vorwerfen, eine Rechenmaschine entworfen, aber nicht gebaut zu haben?

Was sich in den Kapiteln zur Symmetrie und zur Quantenmechanik als didaktische Kunstfertigkeit erweist, macht die einleitenden Kapitel etwas zäh. Dem, der nicht zum ersten Mal etwas über die Zeit liest, wird sie bei endlosen Exkursionen in die statistische Physik zu lang werden. Unermüdlich werden hier Billardkugeln umsortiert, und man fragt sich unwillkürlich, ob dem Autor ebenso wie dem Aristoteles ein zentraler Begriff fehlt, wenn er ihn dem Leser mit solch didaktischer Sturheit vorenthält. Endlich, auf Seite 51, fällt das erlösende Wort: Entropie als Maß für die Unordnung.

Im Laufe des Buches wird nach und nach alles in Frage gestellt, was der Zeit im allgemeinen Bewußtsein anhaftet: zunächst mit der Relativitätstheorie ihre Absolutheit, dann ihre Richtung. Am Ende bleibt nur Einsteins Erkenntnis, die Zeit sei eine – wenn auch hartnäckige – Illusion. Man sollte sie sich gönnen, um wenigstens die letzten Kapitel zu lesen.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 2 / 1997, Seite 106
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
2 / 1997

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 2 / 1997

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