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Wie kann deutsche Forschung in Europa bestehen?

Die Europäischen Gemeinschaften (EG) wollen künftig stärker als bisher die Grundlagenforschung fördern. Das ist nicht unproblematisch. Kann die Autonomie der Wissenschaft auch im europäischen Rahmen erhalten werden|? Gerät erkenntnisorientierte Forschung in den Strudel industrieller Anwendung?

In diesem Jahr wird sich zeigen, ob die Wissenschaft in Deutschland über die Kraft verfügt, ihr Selbstverständnis von Autonomie, föderaler Gliederung und nur subsidiärer öffentlicher Förderung in Europa zu behalten. Es spricht sich so leicht hin, die anderen EG-Staaten sollten sich deutschen Normen anpassen; aber der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Prof. Wolfgang Frühwald, warnt vor solchem Optimismus – Kompromisse müßten geschlossen werden.

Dabei sei und bleibe für Deutschland, so Frühwald, besonders wichtig:

– Selbstverwaltung der Wissenschaft im Evaluations- und im Entscheidungsverfahren;

– starke einzelstaatliche Förderung, zu der eine Förderung über die EG nur subsidiär dort hinzutreten solle, wo Ressourcenbündelung angezeigt ist und ein übergreifend europäisches Ziel angestrebt wird;

– grundsätzliche Förderung der erkenntnis- und anwendungsbezogenen Grundlagenforschung durch die Einzelstaaten, um die Verbindung zum kulturellen Kontext, zum Bildungssystem und zur Nachwuchsförderung zu erhalten.

Die meisten Partner, konstatiert Frühwald, seien jedoch nicht fähig, diese Axiome zu übernehmen – entweder aus wirtschaftlichen Gründen oder weil sie, wie Großbritannien und Frankreich, anderes in den Vordergrund stellten. Er forderte daher bei einer Diskussionsveranstaltung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft zu „Wissenschaft und Politik in Wechselwirkung“ Mitte November in Bonn einen solchen Kompromiß, daß das deutsche Forschungssystem nicht geschwächt und den Partnern gleichwohl ihr Recht gegeben werde; schließlich solle eine europäische Wissenschaftsgemeinschaft entstehen, die mit einer Stimme sprechen könne.

Auch im Inland muß sich die Wissenschaft neue Argumente einfallen lassen, um gegenüber anderen gesellschaftlichen Bereichen im Wettbewerb um Finanzen bestehen zu können. Eine völlig anwendungsfreie Grundlagenforschung kann sich nicht behaupten. Für die DFG ist Hochschulforschung daher sowohl erkenntnis- als auch anwendungsorientiert, wird jedoch nicht von wirtschaftlichen Interessen geleitet. Neue Prioritäten müßten gesetzt werden, und zwar nicht mit ministerialen Angleichungen (Plafondierungen) wie bei den Großforschungseinrichtungen, sondern mittels Selbst-Evaluation. Dabei müßte wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Nutzen eng mit Zielen der Forschung verbunden werden. Frühwald stellte mit dem Vorsitzenden des amerikanischen Kongreßausschusses für Forschung, George D. Brown, die Frage: „Welche Art von Forschung bietet die größte Wahrscheinlichkeit, die Qualität des menschlichen Lebens in der Welt zu verbessern?“ Manchen deutschen Verfechtern der gern „rein“ genannten Grundlagenforschung mag dieses Anwendungsargument unangenehm sein; einen anderen Weg aber sieht Frühwald nicht.

Im Blick auf die EG wird dieses Problem jetzt akut. Zum einen wird der vierte Rahmenplan für Forschung und Entwicklung, für den im September 1992 ein Arbeitspapier verabschiedet wurde und der für die Zeit von 1994 bis 1998 gelten soll, finanziell kräftig aufgestockt: von 5,7 Milliarden Ecu (rund 11 Milliarden DM) im dritten, von 1990 bis 1994 geltenden Rahmenplan auf 14,7 Milliarden Ecu (rund 29 Milliarden DM) – vorausgesetzt, der Maastricht-Vertrag wird von allen EG-Mitgliedstaaten angenommen. Die gewaltige Zunahme der Mittel rührt daher, daß der vierte Rahmenplan nunmehr innerhalb des EG-Haushalts alle Maßnahmen für Forschung, technologische Entwicklung und Demonstration aufgrund des EWG-Vertrages bündelt, also auch solche, die bisher in anderen Bereichen etatisiert waren. Zweitens geht er inhaltlich über das bisherige Ziel der Förderung hinaus, vor allem die industrielle Wettbewerbsfähigkeit zu stärken: Künftig will die EG nicht nur die basic sciences – also auch geistes- und sozialwissenschaftliche Vorhaben – unterstützen, sondern die akademische Forschung in das Gefüge industrieller Forschung und Entwicklung integrieren.

Universitäre Forschung lag für die EG bisher eher am Rande. Freilich gehören in Deutschland nicht nur zwei Hochschulen, sondern auch die auf Grundlagenforschung besonders fixierte Max-Planck-Gesellschaft schon jetzt zur Spitzenklasse der EG-Forschungsförderung (siehe Graphik). Es dürfte hierzulande allerdings bedenklich stimmen, daß im neuen vierten Aktionsbereich „Humankapital und Mobilität“ des vierten Rahmenplans unter anderem eine Förderung der Finanzierung und ein Monitoring von Hochschulforschung durch industrielle Konsortien gefordert wird.

Auf diese Politik ist die Bundesrepublik kaum vorbereitet. In Großbritannien zum Beispiel erhalten Wissenschaftler nur dann staatliche Förderung, wenn sie zuerst EG-Mittel vorweisen können. Die Koordinierungsstelle EG der deutschen Wissenschaftsorganisationen in Bonn und Brüssel weist denn auch auf eine zentrale Strategiegruppe des britischen Cabinet Office hin, die „nationale und europäische Programme nach Maßgabe des optimalen Synergieeffekts“ definiert. In Deutschland, so merken die Experten an, scheine „ein ähnlich effizientes Vorgehen nicht realistisch, da eine komplementäre Schwerpunktsetzung in den Bundesländern schwer zu verwirklichen ist“.

Der nationalen Wissenschaftspolitik als Gemeinschaftsaufgabe von Bund und Ländern schreibt die Koordinierungsstelle die Aufgabe zu, die Grundausstattung der Institute und die Förderung hervorragender wissenschaftlicher Leistungen in nationalen Projekten so zu verbessern, daß deutsche Wissenschaftler in den Wettbewerb um EG-Mittel eintreten können. Sie stellt dazu außerdem fest: „Daher sollte es zunächst wesentliches nationales Bestreben sein, die Motivation von Wissenschaftlern, die aufgrund ihrer Forschungsgebiete in das europäische Förderschema passen, zu erhöhen und so zu einer Steigerung der (teilweise nicht überzeugenden) Qualität der deutschen Teile der gemeinsamen Projektanträge zu kommen.“

Besorgnis wegen der zunehmenden Förderung von Grundlagenforschung durch die EG äußerte allerdings Anfang November der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Großforschungseinrichtungen, Prof. Walter Kröll. Auf deren Jahresversammlung in Hamburg warnte er: „Eine stärkere EG-Finanzierung von Forschung und Technologie darf... das nationale Engagement nicht substituieren.“ Die Einbeziehung der Grundlagenforschung lasse befürchten, daß die nationale Forschungsförderung zurückgefahren werde. Die EG müsse sich in der Grundlagenforschung auf solche Bereiche beschränken, die einen besonderen internationalen Charakter haben.

Als Instrument für die Abwicklung der EG-Forschungsprogramme wird häufig die European Science Foundation ins Gespräch gebracht. Zuvor müßten aber, so Kröll, die Strukturen dieser unabhängigen Selbstverwaltungseinrichtung „dem zu erwartenden Aufgabenbereich angepaßt, ihre angemessene Finanzierung sichergestellt und der Erhalt ihrer Autonomie gegenüber Politik und EG-Verwaltung gewährleistet werden“. Mit ihrer Hilfe könnten dann die deutschen Grundsätze der Selbstverwaltung und der Selbstregulation der Wissenschaft in die europäische Wissenschaftslandschaft eingebracht werden.

Das liegt offensichtlich auch im Interesse der Politiker. Bundesforschungsminister Dr. Heinz Riesenhuber forderte die Stiftung auf der Veranstaltung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft auf, „ihr Maul aufzumachen“ und deutlicher zu Strukturen der Wissenschaft in Europa Stellung zu nehmen.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 1993, Seite 120
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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