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Wieviel Umwelt braucht der Mensch? MIPS - das Maß für ökologisches Wirtschaften


In der Umweltdiskussion gewinnt die ökologische Bilanzierung von Produkten, Dienstleistungen oder Verfahren mit Hilfe umfangreicher Stoff- und Energiestromanalysen an Bedeutung. Längst ist das Thema "Ökobilanz" zu einem hochkomplexen Teilgebiet der Umweltwissenschaften geworden, das auf zahlreiche andere Bereiche wie Öko-Labelling, Öko-Audit und die Diskussion über eine ökologische Steuerreform ausstrahlt.

Um so wichtiger ist eine populäre und seriöse Vermittlung der methodischen Ansätze, aber auch der Probleme bei der Erstellung von Ökobilanzen. Der Physikochemiker Friedrich Schmidt-Bleek, Leiter der Abteilung "Stoffströme und Strukturwandel" am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie GmbH, hat sich in seinem neuem Buch dieses Themas angenommen, und er verblüfft durch eine ungewöhnlich griffige und populäre Beschreibung schwieriger Sachverhalte.

Schmidt-Bleek beschreibt die Bedeutung der Ökobilanzierung – genauer: der Stoff- und Energiestromanalysen – für die heutige Umweltpolitik. In der Vergangenheit war man auf schädliche Einzelsubstanzen in Luft, Wasser oder Boden konzentriert, also auf den Eintrag beziehungsweise die Verringerung der Emissionen relativ geringer Schadstoffmengen. Schmidt-Bleek nennt dies die "Sorge um die Nanogramme". Nun lenkt er den Blick auf die großen Stoffmengen, die bei der Herstellung von Produkten oder der Inanspruchnahme von Dienstleistungen verarbeitet werden. Wer berücksichtigt schon, daß zum Bau von Straßen, Kraftwerken oder Schiffskanälen riesige Mengen an Erdaushub anfallen, daß zur Gewinnung eines Gramms Platin für einen Pkw-Katalysator 300000 Gramm Gestein bewegt und bearbeitet werden müssen oder daß beim Braunkohleabbau sechsmal mehr Grundwasser als Kohle gefördert werden muß?

Jedes Produkt, jede Dienstleistung trägt also nach Schmidt-Bleek einen "ökologischen Rucksack" mit sich: mehr oder weniger große Materialaufwendungen zur Herstellung, Distribution, Nutzung und Entsorgung. Diese Aufwendungen können als Indikatoren für die Eingriffe des Menschen in die Ökosphäre angesehen werden; sie sind mit Energieverbrauch, Schadstoffemissionen und der Vernichtung natürlicher Lebensräume verbunden.

Nach Schmidt-Bleek verursacht der Mensch längst mehr Materialverschiebungen als die geologischen Prozesse auf der Erde. Deshalb komme der "Dematerialisierung" – ebenso wie der "De-Energisierung" – unserer Wirtschaft um mindestens einen Faktor 10 große Bedeutung zu, wenn diese zukunftsfähig werden soll.

Gleichzeitig beschreibt der Autor die praktischen Grenzen der Ökobilanzierung. Kosten in sechsstelliger Höhe veranschlagt er für eine solide Produktbilanz "von der Wiege bis zur Bahre" – bei Millionen Waren ein hoffnungsloses Unterfangen. Deshalb sei ein wissenschaftlich vertretbares Grobmaß vonnöten, mit dem man die ökologische Relevanz vieler Produkte mit vertretbarem Aufwand in einer Art Screening-Verfahren einschätzen könne.

Sein eigener Vorschlag für ein solches Grobmaß ist die Materialintensität pro Service-Einheit, abgekürzt "MIPS". Alle erforderlichen Stoff-Input-Ströme werden gewichtsmäßig über einen "Produktlebensweg" aufaddiert. Abfallströme werden dabei vernachlässigt. Dann werden diese Stoffströme auf eine Dienstleistung bezogen. Bei der Bewertung einer Waschmaschine beispielsweise wird die Gesamtmasse an Material, die für Herstellung, Transport, Nutzung und Entsorgung dieses Geräts bearbeitet wird, anteilig jedem Kilogramm Wäsche zugerechnet, das die Maschine voraussichtlich waschen wird.

Die treffenden Analysen und Problembeschreibungen im ersten Teil des Buches können allerdings nicht über die Mängel des MIPS-Ansatzes hinwegtäuschen, der schließlich die wesentliche Botschaft des Autors ist. Dieses Konzept ist nämlich weit davon entfernt, in der Fachwelt als sinnvolle Methode akzeptiert zu werden.

Um wirklich als Screening- oder Vorauswahlverfahren zu taugen, müßte es nachweisbar die tatsächlich ökologisch kritischen Fälle identifizieren und in seinen Abschätzungen hinreichend konservativ sein. Das ist kaum möglich, denn durch das Aufsummieren aller Massen werden harmlose und gefährliche Stoffe gleich bewertet, so daß wesentliche Information verlorengeht.

Für die Industrie ist der MIPS-Ansatz zwar verlockend, weil einfach. Reduzierung der Mengen ist eine griffige Formel für den betrieblichen Umweltschutz, die man beispielsweise in der Waschmittelwerbung auch noch gut vermarkten kann. Was aber in dem hochkonzentrierten Waschmittel enthalten ist, wird bei einer MIPS-Abschätzung nicht berücksichtigt. Das Konzept ist also eine spezielle – und tatsächlich sehr grobe – Bewertung für herkömmliche Ökobilanzen, ohne daß man sich über seine Konsequenzen im klaren wäre.

Dabei ist sogar zweifelhaft, ob der Aufwand einer solchen Grobbilanz geringer ist. Die Bilanzierung von der Gewinnung der Rohstoffe bis zur Entsorgung erfordert eine Vielzahl von Daten, zumal auch die Aufwendungen für benutzte Investitionsgüter (Produktionsmaschinen) und Infrastrukturen (Gebäude und Verkehrswege) einbezogen werden sollen. Das Konzept macht nur dann Sinn, wenn weltweit bilanziert wird, also etwa auch die Abraumhalden in südafrikanischen Bergwerken berücksichtigt werden; sonst lieferten die MIPS-Bilanzen falsche Ergebnisse und begünstigten womöglich eine Verlagerung umweltbelastender Produktionen in das Ausland. Damit steht das MIPS-Konzept aber vor den gleichen Datenproblemen wie jede andere Ökobilanz auch.

Es kommen komplexe Allokationsprobleme dazu. Wie rechnet man den Materialaufwand für den Straßenbau einem Gut an, das mit dem Lastwagen transportiert wird? Ist das Wasser, das durch einen Stausee fließt, dem Strom aus Wasserkraft genauso anzurechnen wie das gepumpte Grundwasser bei einer Großfabrik? Und wenn nicht, wie nimmt man dann die Gewichtung vor?

Es ist bedauerlich, daß dieser durchaus interessante Ansatz mit dem vorliegenden Buch so massiv den Politikern und der allgemeinen Öffentlichkeit als Problemlösung präsentiert wird, Kritik und Diskussion in der Fachöffentlichkeit aber ausgeblendet bleiben. Denn die Politiker suchen händeringend nach einfachen Rezepten zur Bewertung ihrer Umweltpolitik. Der MIPS-Ansatz ist ein zu einfaches Rezept.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 6 / 1995, Seite 116
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
6 / 1995

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 6 / 1995

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