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Wir waren nicht die Einzigen

Seit etwa 25000 Jahren wird die Erde von einer einzigen Menschenart bevölkert. Das ist um so erstaunlicher, als in den letzten Jahrmillionen zumeist mehrere Hominidenarten gleichzeitig lebten. Warum all diese "Konkurrenten", wie zuletzt der Neandertaler, schließlich ausstarben, ist nicht geklärt. Vermutlich war es unsere geistige Überlegenheit – vor allem eine komplexe Sprache –, die uns zum Alleinherrscher machte.


Wir bewohnen heute die Erde als einzige Menschenart – und halten das für völlig normal. Dabei lebten in den letzten vier Millionen Jahren unserer Evolution wahrscheinlich meistens mehrere Hominidenarten zugleich. Erst seit ungefähr 25000 Jahren sind wir allein, ohne jede Konkurrenz.

Viele Wissenschaftler erkannten lange nicht, daß die Alleinexistenz von Homo sapiens in der Evolutionsgeschichte des Menschen die Ausnahme darstellt. In den fünfziger und sechziger Jahren formierte sich sogar eine anthropologische Richtung, die behauptete, unser Planet könne zu jedem Zeitpunkt höchstens einer kulturschaffenden Art Platz bieten.

Diese Ansicht (die "eine-Art-Hypothese") überzeugte schon damals nicht recht, obwohl vor 35 Jahren noch wesentlich weniger Hominidenfossilien vorlagen als heute. Doch offenbar entspricht eine geradlinige, "lineare" Evolution hin zum modernen Homo sapiens zu sehr dem Wunschdenken: die langsame Verwandlung eines gebeugt gehenden, dumpfen Affenmenschen zu dem graziösen, hochintelligenten Herrscher der Welt.

Erst in den späten siebziger Jahren gaben die Paläontologen diese Hypothese auf. Inzwischen hatten sie Fossilien entdeckt, die eindeutig bewiesen, daß in der Region des heutigen nördlichen Kenia vor etwa 1,8 Millionen Jahren mehrere Hominidenarten gleichzeitig lebten. Immer noch aber versuchten manche Wissenschaftler, die Zahl der Arten möglichst niedrig anzusetzen. Unterschiede zwischen fossilen Knochen spielten sie möglichst herunter. So kam auch die eher nichtssagende Sammelbezeichnung "archaischer Homo sapiens" zustande.

Bis heute glauben viele Anthropologen an eine eher geringe Zahl von Hominidenarten. Dabei ist völlig klar: In der Evolution der Hominiden war es ganz normal, daß sich verschiedene Vor- oder Frühmenschenarten nebeneinander behaupteten. Diese Primatengruppe ähnelt darin durchaus vielen anderen erfolgreichen systematischen Familien des Tierreichs. Auch unsere eigene Entwicklungsgeschichte zeichnet sich durch Vielfalt aus und nicht durch geradlinige Weiterentwicklung.

Immer wieder entstanden neue Hominidenarten, sie mußten mit anderen konkurrieren, hatten mal mehr, mal weniger Erfolg, breiteten sich mal aus, mal verschwanden sie wieder. Wieso schließlich allein der moderne Mensch übrigblieb, werden wir wohl nie ganz herausfinden. Immerhin liefert uns der Homo sapiens selbst einige interessante Hinweise: In zwei Regionen begegnete er dem Neandertaler, zunächst im Nahen Osten, wo beide Arten lange nebeneinander lebten, und später auch in Europa, wo der Neandertaler bald darauf verschwand.

Die bisher entdeckten Arten von Früh- und Vormenschen füllen eine recht lange Liste. Und die uns bekannte Vielfalt reicht beinahe bis zu den Anfängen zurück, als der erste aufrecht gehende Hominide – der erste "Australopithecine" – sich allmählich in offene Savannen vorwagte.

Vielverzweigter Stammbaum


Als ältester mutmaßlicher Hominide gilt derzeit Ardipithecus ramidus. Er lebte vor rund 4,4 Millionen Jahren. Paläontologen entdeckten Knochenfragmente bei Aramis in Äthiopien (siehe "Frühe Hominiden" in Spektrum der Wissenschaft, 8/97, S. 50).

Nur wenig jünger ist der besser bekannte Australopithecus anamensis. Dessen Fossilien fanden Wissenschaftler im nördlichen Kenia in 4,2 Millionen Jahre alten geologischen Schichten.

Zwar ging Ardipithecus wahrscheinlich bereits aufrecht. Doch ähnelte er in vielen Merkmalen noch stark den Menschenaffen. Ganz anders der A. anamensis: Dieser frühe Hominide hatte bereits deutliche Ähnlichkeit mit dem Australopithecus afarensis. Der A. afarensis ist durch viele Fossilien wohlbekannt. Zu ihm gehört auch die berühmte "Lucy", ein fragmentarisch erhaltenes weibliches Skelett. A. afarensis lebte in verschiedenen Gegenden Ostafrikas vor 3,8 bis 3 Millionen Jahren. Die 3,18 Millionen Jahre alte "Lucy" stammt aus der Hadar-Region in Äthiopien.

Die Art A. afarensis ging aufrecht, besaß noch ein recht kleines Gehirn und hatte ein im Verhältnis dazu großes Gesicht. Manche Forscher vermuten, daß es sich in Wirklichkeit um mehr als eine Art handelte. Aber auch wenn zukünftige Forschungen anderes erweisen sollten, waren diese Wesen zu ihrer Zeit nicht die einzigen Hominiden. Im Tschad nämlich kam kürzlich ein Unterkiefer zutage, den die Forscher für das Fossil einer neuen Art halten. Sie tauften sie Australopithecus bahrelghazali. Das Alter des Fossils schätzen sie auf 3,5 bis 3,0 Millionen Jahre.

Kürzlich entdeckten südafrikanische Wissenschaftler bei Johannesburg Fossilien, die wahrscheinlich für eine weitere Hominidenart aus der Frühzeit sprechen. Sie hat noch keinen Namen. Der Fund ist 3,3 Millionen Jahre alt. Auch diese Art ging aufrecht.

In Südafrika lebte später die Art Australopithecus africanus – vor drei bis vor wahrscheinlich knapp zwei Millionen Jahren. Dort fanden Paläontologen 1924 den ersten Australopithecus ("Südaffen") überhaupt.

Eine 2,5 Millionen Jahre alte Art aus Äthiopien wiederum erhielt kürzlich den Namen Australopithecus garhi. Diese Art nimmt nach Ansicht von Anthropologen eine Zwischenstellung zwischen A. afarensis und mehreren jüngeren Arten ein, die zwei Fraktionen angehören: Einerseits handelt es sich dabei um weitere Australopithecinen, in diesem Fall als "robust" bezeichnet und der Gattung Paranthropus zugerechnet; andere gehörten bereits zur Gattung Homo, waren also frühe "Menschen".

Etwa gleich alt wie A. garhi ist der älteste Australopithecine der "robusten" Gruppe, Paranthropus aethiopicus, am besten bekannt durch den 2,5 Millionen Jahre alten "Black Skull", einen schwarzen Schädel aus Nordkenia. Zur "robusten" Gruppe gehört auch Paranthropus boisei, der im östlichen Afrika vor 2,0 bis 1,4 Millionen Jahren überall verbreitet war. "Robuste" Arten lebten auch in Südafrika: vor rund 1,6 Millionen Jahren der im Artnamen direkt so benannte P. robustus und vielleicht noch eine nah mit ihm verwandte zweite Art, P. crassidens.

Mit dieser Aufzählung habe ich Ihnen viel zugemutet. In Wahrheit gehörten zu den Australopithecinen aber eher noch mehr Arten. Und leider wissen wir auch noch nicht, wie lange jede von ihnen wirklich lebte. Doch selbst wenn die einzelnen Arten sich durchschnittlich vielleicht nur ein paar hunderttausend Jahre behaupteten – fest steht, daß Afrika von Beginn der Menschenevolution an zu vielen Zeiten, wahrscheinlich sogar immer, mehrere Hominidenarten zugleich beherbergte.

So blieb es auch, als die Gattung Homo auftauchte. In diese Gattung stellen Anthropologen Hominiden mit einem bereits deutlich größeren Gehirn. Die frühesten Vertreter von Homo kennen wir durch ein merkwürdiges Sammelsurium 2,5 bis 1,8 Millionen Jahre alter süd- und ostafrikanischer Fossilien. Üblicherweise rechnen Paläanthropologen diese Fossilien zwei Arten zu: H. habilis und H. rudolfensis. Wahrscheinlich waren es aber deutlich mehr. Außerdem leistete den Homo-Arten vor 1,9 bis 1,8 Millionen Jahren nicht nur der erwähnte allgegenwärtige P. boisei Gesellschaft, sondern auch der Homo ergaster, eine Kreatur mit schon sichtlich "modernem" Körperbau. (Früher nannten die Fachleute diese afrikanische wie auch bestimmte asiatische Linien H. erectus; der Name gilt heute allein für frühe asiatische Hominiden. (Siehe auch: "Ein neues Modell der Homo-Evolution". Von Ian Tattersall, Spektrum der Wissenschaft, 6/97, S. 64). Somit teilten sich damals wenigstens vier Hominidenarten denselben ostafrikanischen Lebensraum.

Als erstmals Menschen ihren Ursprungskontinent verließen, fanden sie reichlich neuen Raum vor, in dem sie sich entfalten konnten. Wahrscheinlich machte sich damals H. ergaster oder ein enger Verwandter von ihm auf den Weg fort aus Afrika. Leider wissen wir von dieser Wanderbewegung fast nichts, auch nicht über die Zeiträume. Immerhin haben wir Anzeichen dafür, daß Menschen bereits vor rund 1,8 Millionen Jahren China und Java erreicht hatten. Mindestens ebenso alt scheinen ein 1991 im georgischen Dmanisi gefundener Unterkiefer und zwei 1999 entdeckte Schädel zu sein, die einem frühen Homo erectus und Homo ergaster ähneln.

In Asien evolvierten die Menschen weiter. Vor einer Million Jahren hatte sich in Java und China die neue Art H. erectus etabliert. Möglicherweise lebte in Java neben ihr noch eine weitere, kräftiger gebaute Art.

Deutlich anders als diese ostasiatische Linie sahen die mutmaßlichen ersten Menschen ganz im Westen Eurasiens aus. Spanische Forscher entdeckten vor ein paar Jahren Fossilien der frühesten Europäer im Norden ihres Landes. Dieser Homo antecessor, wie sie ihn nannten, trat dort vor rund 800000 Jahren auf.

Die Evolution des Neandertalers erfolgte in Europa und in Regionen Ostasiens (siehe auch "Die Sonderevolution der Neandertaler", Spektrum der Wissenschaft, 7/1998, S. 56). Als dessen früher Vorfahre gilt der Homo heidelbergensis, benannt nach einem Unterkiefer von Mauer bei Heidelberg. Die ältesten Fossilien dieser Menschenart stammen aus Nordafrika und sind rund 600000 Jahre alt. Europäische Fundstätten ergaben ein Alter von 500000 bis 200000 Jahren; das Fossil von Mauer gehört zu den ältesten. Und möglicherweise lebte diese Menschenform auch in China. Allerdings wäre ich nicht überrascht, wenn weitere Forschungen im "Ureuropäer" mehrere Arten erkennen würden.

In jedem Fall war der H. heidelbergensis – oder vielleicht ein Verwandter – in Europa Urahn des Neandertalers, Homo neanderthalensis, und ihm nahestehender Menschenformen. Die Evolution dieses Kreises beschränkte sich auf Europa und den Westen Asiens. Ihre Blütezeit erlebten die Neandertaler, die nach dem ersten Skelettfund im Neandertal bei Düsseldorf 1856 genannt sind, vor 200000 bis 30000 Jahren. In Afrika scheinen die Menschen damals eine eigene Evolution durchgemacht zu haben. Auch wenn die Funde bisher ziemlich dürftig sind, so spricht doch vieles dafür, daß dieser Kontinent, neben anderen Entwicklungen, den Homo sapiens hervorbrachte, den "modernen" Menschen. Hierauf gehe ich später noch näher ein.

Auch Ostasien hatte offenbar eine lange gesonderte Geschichte. Gerade erst wurden Fossilien von Ngandong auf Java, die möglicherweise vom Homo erectus stammen, neu auf ein Alter von nur 40000 Jahren datiert.

Somit stellt sich die Evolution des Menschen keineswegs als relativ geradlinige, zielstrebige Entwicklung dar: vom Australopithecus africanus über den Homo erectus zum Homo sapiens, wie die Forscher sie sich vor vierzig Jahren meist dachten. Daß wir heute viel mehr Fossilien kennen als damals, macht die Diskussion unter den Experten allerdings nicht leichter. Nach wie vor wirft die Vorstellung von einer linearen Entwicklung ihren Schatten: Viele meiner Kollegen sind heute noch der Ansicht, daß Wissenschaftler übertreiben, wenn sie die Existenz dermaßen vieler Hominidenarten postulieren. Die meisten Gegenmodelle mit weniger Arten reduzieren auch die Zahl der Homo-Formen. Manche Paläontologen halten alle Menschen, die in den vergangenen 500000 Jahren lebten, für eine einzige Art: Homo sapiens, andere sogar alle Homo-Angehörigen aus den letzten zwei Millionen Jahren.

Ich bin entschieden anderer Meinung. Meiner Ansicht nach liegen wir mit den angenommenen rund 20 Hominidenarten – die noch nicht alle benannt sind – eher zu niedrig als zu hoch. Die uns vorliegenden Fossilien stecken noch voller Hinweise auf Vielfalt in morphologischer Hinsicht, nur blieb das meiste davon bisher weitgehend unbeachtet. Außerdem wäre es voreilig zu behaupten, daß wir von jeder Hominidenart, die jemals existierte, Fossilien kennen. Aber selbst wenn nur die zweite Aussage stimmt, bleibt es auf jeden Fall dabei: Die Evolution des Menschen war nicht eine Geschichte vom Existenzkampf einer einzigen, einsamen Hominidenlinie, die ihren geraden Weg verfolgte.

Sondern diese Geschichte erzählt von wiederholten Experimenten, davon, wie die Natur herumgebastelt hat. Unsere biologische Entwicklung schritt nicht gleichmäßig, immer in derselben Richtung, voran, sondern verlief eher sporadisch mal hierhin, mal dorthin. Während der vergangenen fünf Millionen Jahre traten regelmäßig neue Hominidenarten auf und verschwanden wieder. Wie sie miteinander umgingen, sich behaupteten oder scheiterten, manchmal auch neue Lebensräume eroberten, dies bleibt uns fast völlig verborgen. Nur eines scheint sicher: Der Menschenstammbaum entfaltete sich in einer höchst wechselvollen Zeit voller Neuerungen, geprägt von gegenseitigen Kontakten. Und Homo sapiens steht auf keinen Fall an der Spitze dieses Baumes. Unsere Art repräsentiert schlicht einen von vielen Zweigen.

Und doch: Homo sapiens verkörpert zweifellos etwas Einzigartiges. Dies zeigt sich deutlich darin, daß wir heute die einzige Menschenart sind. Was immer Besonderes uns auszeichnen mag – es hat damit zu tun, wie wir uns mit der Außenwelt auseinandersetzen. Dieses Einzigartige betrifft also unser Verhalten, und das bedeutet, daß hier vor allem archäologische Funde weiterhelfen müssen. Die Archäologie blickt ungefähr zweieinhalb Millionen Jahre zurück. Damals fertigten Menschen die ersten erkennbaren Steinwerkzeuge: einfache scharfkantige Abschläge, die sie mit anderen Steinen von Rohlingen absplitterten. Welche Hominiden diese Technik erfanden, wissen wir nicht genau. Manches spricht dafür, daß sie zu den Australopithecinen gehörten.

Auf jeden Fall bedeutete diese Erfindung einen beträchtlichen geistigen Sprung. Den Benutzern brachten die einfachen Klingen und Schaber zukünftig viele Vorteile im täglichen Leben. Die Archäologen sprechen bereits von einer wenn auch einfachen regelrechten Steinwerkzeug-Industrie. Eine Million Jahre lang stagnierten die Artefakte mehr oder weniger auf dieser Stufe. Dann erfanden Menschen – vermutlich der H. ergaster – vor eineinhalb Millionen Jahren den Faustkeil. Diese technologische Neuerung erforderte erstmals, daß der Hersteller sich die symmetrische Form vorstellte, ehe er begann, sie aus dem großen Kiesel herauszuschlagen. Bis zur nächsten bahnbrechenden Werkzeugerfindung verstrichen wiederum eine Million Jahre, oder sogar mehr. Der H. heidelbergensis oder ein verwandter Hominide kam auf die Idee, einen Steinkern so geschickt vorzuformen, daß ein gezielter Schlag plötzlich das fertige Werkzeug zum Schneiden oder Schaben hervorbrachte.

In dieser Technologie erwiesen sich die Neandertaler als besonders geschickt. Von diesen Menschen mit ihrem großen Gehirn, flachen Schädel und großen Gesicht, die Europa und Westasien bis vor rund 30000 Jahren bewohnten und dann plötzlich von modernen Menschen verdrängt wurden, kennen wir unzählige hervorragende Dokumente. An ihnen können wir recht gut ermessen, was denn H. sapiens im Vergleich mit dem Neandertaler wohl anders machte. Mit seinen Steinwerkzeugen beeindruckt H. neanderthalensis durchaus, auch wenn sie etwas stereotyp erscheinen. Aus anderen haltbaren Materialien fertigte er allerdings selten, wenn überhaupt, Werkzeuge. Viele Archäologen halten ihn überdies für keinen besonders geschickten Jäger.

Daß die Neandertaler Riten vollzogen, etwa "Bärenkulte", haben Wissenschaftler zwar früher vermutet, doch fanden sich nie wirklich Beweise. Auch symbolische Gegenstände stellten sie vermutlich nicht her – mit Sicherheit nicht, bevor sie zu modernen Menschen Kontakt bekamen. Wohl begruben sie manchmal ihre Toten, aber vielleicht nur, damit ihnen Hyänen nicht lästig wurden. Auch andere profane Erklärungen für diese Praktik sind denkbar. Zumindest gaben sie den Verstorbenen keine Gaben mit ins Grab, die davon gezeugt hätten, daß sie Beerdigungszeremonien ausübten oder an ein Weiterleben nach dem Tode glaubten. So bewundernswert die Neandertaler in vielerlei Hinsicht waren – immerhin kamen sie mit den harten, wechselvollen klimatischen Bedingungen der späten Eiszeit lange sehr gut zurecht, – so fehlte ihnen doch jenes Fünkchen Kreativität des Homo sapiens, die dieser nach Europa mitbrachte.

Wann und wo der Homo sapiens entstand, wissen wir aufgrund von Fossilien nicht völlig sicher. Am meisten spricht für einen afrikanischen Ursprung vor vielleicht 150000 bis 200000 Jahren. Moderne Verhaltensmuster traten allerdings erst viel später auf. Hiervon stammen die besten Belege aus Israel und Umgebung. In dieser Region lebten Neandertaler schon vor mindestens 200000 Jahren. Vor rund 100000 Jahren dann gelangte auch der anatomisch moderne Homo sapiens in dieses Gebiet.

Bemerkenswerterweise verwendeten beide Arten die gleichen Werkzeuge, und auch die hinterlassenen Plätze wirken völlig identisch. Soweit wir dies beurteilen können, verhielten sich beide Menschenarten also trotz aller anatomischen Verschiedenheit offenbar gleich. Und solange beide dabei blieben, gelang es ihnen auch, diesen Lebensraum im Nahen Osten miteinander zu teilen.

Die Situation in Europa könnte keinen schärferen Kontrast dazu abgeben. Der H. sapiens drang erst vor rund 40000 Jahren dorthin vor. Und nur 10000 Jahre später waren die vorher überall gegenwärtigen Neandertaler verschwunden. Das Entscheidende, worin die neuen Einwanderer sich auszeichneten, war ihr "modernes" seelisch-geistiges Empfinden. Zahlreichen Zeugnissen zufolge hatte der H. sapiens diesen nie dagewesenen Wesenszug voll ausgebildet, als er nach Europa kam. Zum einen fertigten diese Menschen Steinwerkzeuge, die wir bereits dem Jungpaläolithikum zurechnen: Sie wußten aus einem zylindrisch zugehauenen Steinkern sehr effektiv viele lange schlanke Klingen zu gewinnen. Auch stellten sie Werkzeuge aus Knochen und Geweihen her, mit einem ausgezeichneten Gespür für die Materialeigenschaften.

Noch bezeichnender: Diese Menschen kannten Kunst. Sie schnitzten kleine Skulpturen, ritzten Bilder und bemalten Höhlenwände, manchmal mit lebhaften Szenen. Auf Knochen und Steinplättchen verzeichneten sie Wichtiges. Auch schnitzten sie sich kleine Flöten und bastelten wunderschöne persönliche Schmuckstücke. Offenbar unterschieden sie zwischen sozialen Schichten, denn manche Toten erhielten besonders reiche Grabbeigaben. Demnach glaubten sie an ein Leben nach dem Tode. Sie strukturierten ihre Wohnstätten hochgradig, und sie müssen geschickte Jäger und Fischfänger gewesen sein. Zum ersten Mal in der Geschichte der Hominiden bedeuteten technologische Neuerungen für die Menschen einen Anreiz, das Können immer mehr zu verfeinern. Der lange Abschnitt diskontinuierlicher, über lange Phasen stagnierender kultureller Weiterentwicklung war nun vorbei. Von jetzt an wuchsen die Fertigkeiten stetig. Kurz: Diese Menschen waren wie wir!

Die Macht der Sprache


Von den Neandertalern unterschieden sich die frühen Jungpaläolithiker in all diesen Aspekten kraß. Zwar scheinen einige der europäischen "Ureinwohner" manche Verhaltensweisen von den Neuankömmlingen abgeschaut zu haben. Über konkrete Hinweise dazu, wie die beiden Arten miteinander umgingen, verfügen wir allerdings nicht. Wenn wir trotzdem vermuten, daß die Neandertaler oft den kürzeren zogen, dann deswegen, weil sie so schnell verschwanden und weil H. sapiens nun überall seine Spuren hinterließ. Die archäologischen Zeugnisse sagen deutlich immer wieder das gleiche: Der moderne Mensch machte sich an Orten breit, wo noch vor kurzem der Neandertaler gelebt hatte. Dieser aber war von dort verschwunden. Daß die beiden Menschenarten sich in Europa jemals biologisch vermischt hätten, können Anthropologen nicht überzeugend belegen.

Im Nahen Osten hatten Neandertaler und H. sapiens rund 60000 Jahre lang nebeneinander existieren können. Doch damit war ziemlich genau vor 40000 Jahren Schluß, als dort die ersten jungpaläolithischen Werkzeuge aufkamen. Jetzt plötzlich mußte der H. neanderthalensis – wie dann in Europa auch – einem modernen Menschen weichen, der nun vermutlich zu einer hochwertigen Kultur gefunden hatte.

Wieso hielten es die beiden Menschenarten im Vorderen Orient zunächst lange nebeneinander aus und wieso in Europa von vornherein nicht? Den entscheidenden Unterschied machte höchstwahrscheinlich aus, daß der H. sapiens in Vorderasien vor 100000 Jahren noch nicht auf dem gleichen geistig-kulturellen Niveau stand wie die Eroberer Europas 60000 Jahre später. Anatomisch gesehen repräsentierten diese Menschen zwar längst den modernen Typ, doch im Verhalten blieben sie noch lange eher den alten Mustern verhaftet. Die "modernen" Denk- und damit auch Verhaltensmuster erwarben sie erst viel später. Sinnvollerweise darf man wohl das Erscheinen dieser neuen – modernen – Kognition mit dem Auftreten symbolischen Denkens gleichsetzen. Und da plötzlich duldete Homo sapiens den Nebenbuhler nicht mehr neben sich, der ihm vielleicht schon immer verhaßt gewesen war.

Wie kam diese geistige Revolution zustande? Ein Evolutionsprozeß erfolgt nach bestimmten Regeln. Vor allem kann Neues nur innerhalb einer vorhandenen Art auftreten – wo sonst? Außerdem entstehen Neuheiten nicht selten dadurch, daß bereits (oft lange) Vorhandenes in einen anderen Zusammenhang gestellt wird. Zum Beispiel besaßen die Hominiden schon seit einigen hunderttausend Jahren einen grundsätzlich modernen Stimmapparat. Sie scheinen ihn aber noch lange nicht zum vollartikulierten Sprechen benutzt zu haben, denn dafür liefert ihr Verhalten keinerlei Anzeichen.

Wichtig ist aber auch das Phänomen Emergenz: Aus mehreren Komponenten, die zufällig zusammenkommen, kann etwas grundsätzlich Neues, mitunter völlig Unerwartetes, entstehen. Das klassische Beispiel dafür ist Wasser, dessen Eigenschaften aus denen von Wasserstoff und Sauerstoff nicht vorhersagbar sind.

Dies alles zusammengenommen, war der Vorgang gar nicht so ungewöhnlich, durch den symbolisches Denken entstand – auch wenn die Folgen davon unser Verhalten revolutionierten. Bisher haben die Neurowissenschaftler zwar keine Ahnung, wie unser Gehirn mit elektrischen und chemischen Prozessen das Erleben von Bewußtsein hervorbringt. Doch irgendwie muß bei unseren Ahnen der Übergang aus einem Vorstadium zum symbolischen Denken stattgefunden haben. Plausibel erscheint einzig, daß schon vorhandene Merkmale zufällig mit einer eher geringen genetischen Neuerung verknüpft wurden und daß daraus ein nie dagewesenes Potential erwuchs. Dies muß geschehen sein, als der anatomisch moderne Homo sapiens erschien.

Doch reicht diese Erklärung längst nicht aus, denn schließlich verhielt sich der anatomisch moderne Mensch noch sehr lange Zeit archaisch. Nun wäre zwar denkbar, daß später eine weitere genetische Veränderung erfolgte, die Gehirnprozesse betraf und an den fossilen Knochen nicht ablesbar ist. Allerdings müßten Menschen mit dieser Neuerwerbung sozusagen blitzschnell alle bisherigen Homo-sapiens-Populationen der Alten Welt verdrängt haben, und dafür gibt es keine Anzeichen.

Für sehr viel wahrscheinlicher halte ich, daß die neue Fähigkeit des H. sapiens lange brach lag. Der moderne Mensch besaß sie zwar von Anfang an – oder entwickelte sie sehr früh –, doch erst ein wie auch immer gearteter kultureller Anstoß aktivierte diese Kapazität schließlich. Von da an verbreiteten sich die neuen Verhaltensmuster schnell, sofern sie den Menschen Vorteile brachten. Alle Populationen, die das entsprechende Potential besaßen, konnten die Verhaltensweisen übernehmen. Dazu genügte der kulturelle Kontakt. Eine Bevölkerungsverdrängung war nicht notwendig.

Welches die entscheidende Neuerung war, können wir nicht mit Sicherheit feststellen. Gegenwärtig spricht am meisten für die Sprache. Sprache dient ja nicht nur als Medium, um Gedanken und Erfahrungen auszutauschen. Sie bildet die Basis des Denkens. Dazu gehört, Objekte und Empfindungen der Innen- und Außenwelt zu kategorisieren und zu benennen und zwischen den resultierenden mentalen Symbolen zu assoziieren. Denken, so wie wir es kennen, können wir uns ohne Sprache nicht vorstellen. Unsere Kreativität beruht darauf, daß wir mentale Symbole zu schaffen vermögen. Erst die Kombination symbolischer Inhalte nämlich ermöglicht Fragen wie: "Was ist, wenn ...?"

Wie einst in einer Homo-sapiens-Population eine differenzierte Sprache entstand, bleibt uns verborgen, unbenommen vieler linguistischer Überlegungen hierzu. Doch gewiß half die neue Errungenschaft den Besitzern im Überlebenskampf. Daß diese Menschen ihre symbolischen Fähigkeiten nicht immer weise einsetzten – die bittere Erfahrung blieb dem Rest der Welt nicht erspart, auch nicht den Neandertalern.

Literaturhinweise

Neandertaler. Der Streit um unsere Ahnen. Von Ian Tattersall, Birkhäuser, Basel 1999.

Puzzle Menschwerdung. Auf den Spuren der menschlichen Evolution. Von Ian Tattersall. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, Berlin 1997.

Lucy und ihre Kinder. Von Donald Johanson und Blake Edgar. Mit Photographien von David Brill, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 1998.

Die Frühzeit des Menschen. Der Weg zum Homo sapiens. Von Friedemann Schrenk, C. H. Beck, München 19982.

Die phylogenetische Stellung des Neandertalers. Von Winfried Henke und Hartmund Rothe in: Biologie in unserer Zeit, Bd. 29, Heft 6, S. 220–329 (1999).

The Origin and Diversification of Language. Von Nina G. Jablonski und Leslie C. Aiello (Hg.), University of California Press, 1998.

The Human Career: Human Biological and Cultural Origins. Von R. G. Klein, University of Chicago Press, 19992.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 2000, Seite 46
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
3 / 2000

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 3 / 2000

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