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Wirtschaftswachstum und Umweltschutz

Der bisherige wirtschaftliche Strukturwandel in den Industrieländern hat trotz aller Bemühungen die Umwelt nicht nennenswert entlastet. Die Beispiele Japan und Bundesrepublik zeigen, wie schwierig eine ökologische Strukturpolitik ist.

Der durch das wachstumorientierte Wirtschaftssystem in den Industrieländern zunehmend ausgebeuteten und belasteten Natur ist auf Dauer mit herkömmlichen Umweltschutzmaßnahmen nicht zu helfen – Entlastungen, in einem bestimmten Bereich erzielt, werden alsbald schon durch höhere Produktionsraten und durch neue Industriezweige wieder zunichte gemacht. Die Umweltpolitik ist deshalb gefordert, ökologisch negative Wachstumsfolgen unablässig und durch immer weitergehende Gegenmaßnahmen zu kompensieren.

Die Möglichkeiten des bisher überwiegend praktizierten End-of-pipe-Umweltschutzes, bei dem man den Produktionsprozeß außer acht läßt und lediglich die Emission von Schadstoffen – beispielsweise durch Anlagen zur Klärung von Abwässern und zur Rauchgasentschwefelung oder durch Katalysatoren in Kraftfahrzeugen – vermindert, sind jedoch weitgehend ausgeschöpft. Eine Umweltentlastung ist darum langfristig nur durch einen neuartigen Strukturwandel zu erreichen, bei dem zwei Strategien verfolgt werden:

- sowohl eine intersektorale, indem Produktionen mit hohem Umwelt- und Ressourcenverbrauch an Bedeutung verlieren, als auch

- eine intrasektorale, indem innerhalb der Industriezweige eine Modernisierung hin zu ökologisch angepaßten Verfahren stattfindet; dabei muß ein eher noch beschleunigter technischer Fortschritt darauf hinwirken, den spezifischen Verbrauch an nicht erneuerbaren Rohstoffen und Energien, an Wasser und Boden ebenso zu verringern wie die Abfall-, Transport- und Risikointensität der Produktion.

Was hat sich in dieser Hinsicht seit 1970 in den Industrieländern getan? Eine Studie unserer Forschungsstelle für Umweltpolitik (FFU) an der Freien Universität Berlin kam zu dem enttäuschenden Ergebnis, daß es in keinem der untersuchten 32 Staaten zu wirklichen Umweltentlastungen als Folge eines Bedeutungsverlustes umweltbelastender Industrien kam (Spektrum der Wissenschaft, Februar 1992, Seite 127). Allerdings: Ohne die eingetretenen Änderungen wäre in den entwickelten Industrieländern eine erhebliche Zusatzbelastung zu verzeichnen gewesen.

Nach dem jetzt vorliegenden Gesamtergebnis der Untersuchung ("Umweltentlastung durch industriellen Strukturwandel? Eine explorative Studie über 32 Industrieländer (1970 – 1990)" von Martin Jänicke, Harald Mönch und Manfred Binder, Berlin 1992) gilt dies noch stärker für den Wandel innerhalb der Branchen. Das Beispiel Japans und der Bundesrepublik soll dies verdeutlichen.


Die Bedeutung des brancheninternen Wandels

Hinsichtlich der Auswirkungen auf die Umwelt hat von den großen Industrieländern Japan seit der Ölkrise von 1972 den weitestgehenden Strukturwandel vollzogen (hierzu liegt innerhalb der erwähnten Untersuchung eine Fallstudie von Gesine Foljanty-Jost vor). Dabei haben Modernisierungen große ökologische Vorteile gebracht. Die erzielten Umweltentlastungen wurden aber im weiteren Wachstumsprozeß rasch wieder kompensiert, so daß weitergehende Maßnahmen hin zu einer Langzeitökonomie erforderlich werden.

In dem ostasiatischen Land haben einige umweltbelastende Industriezweige wie die Metallerzeugung, der Sektor Steine/Erden und die Papierindustrie gegenüber anderen stark an Bedeutung verloren (Bild 1 oben). Wachstumsbedingt wirkte sich dies aber nur als relative Umweltentlastung aus; freilich wäre die Natur noch stärker beansprucht worden, wenn die Produktion dieser Branchen im Tempo der Gesamtindustrie angestiegen wäre. Rückläufig entwickelten sich nach 1973 die Düngemittel-, die Stahl- und die Aluminiumindustrie.

Wirklich dramatische Veränderungen vollzogen sich aber innerhalb bestimmter Sparten: Die Chemieindustrie beispielsweise steigerte ihre Produktion von 1971 bis 1987 noch schneller als die Industrie insgesamt; dennoch ging ihr Endenergieverbrauch zurück. Selbst Strom wurde kaum mehr verbraucht – ganz im Gegensatz zur deutschen Chemieindustrie (Bild 1 unten).

Das Wachstum der japanischen Industrieproduktion ist beträchtlich (Bild 2 oben). Dennoch haben Energie-, Wasser- und Flächenverbrauch kaum zugenommen. (In Tokio ging zwischen 1975 und 1985 die Industriefläche sogar um 23 Prozent zurück.) Selbst die Transportleistung des Güterverkehrs auf Schiene und Straße war 1985 nur unwesentlich höher als 1972. Auch der Rohstoffverbrauch stieg nach 1975 für zehn Jahre kaum an. Nimmt man einen weiteren Faktor – das industrielle Abfallaufkommen – hinzu, so zeigt sich zwar ein Anstieg, der aber wesentlich geringer ist als derjenige der Industrieproduktion. Der Abfall ist auch weiterhin ein akutes Problem in dem asiatischen Land.

Insgesamt ging aber die Rohstoff-, Energie-, Wasser-, Flächen-, Transport- und Abfallintensität der japanischen Industrieproduktion (bezogen auf die industrielle Wertschöpfung) beträchtlich zurück; pro hergestellter Einheit wurden also erheblich weniger Ressourcen verbraucht. Auch die hier nicht näher diskutierte Emissionsintensität bei Luftschadstoffen und Abwässern nahm ab. Dabei kam es häufig sogar zu absoluten Entlastungen, an denen aber wiederum der Struktur- und der Technikwandel wesentlichen Anteil hatten.

In der Bundesrepublik Deutschland fiel das industrielle Wachstum geringer aus (Bild 2 unten). Darum war der leichte Rückgang des Endenergieverbrauchs im verarbeitenden Gewerbe einfacher zu erreichen als in Japan. Die gleiche absolute Entlastung dort ist auf eine drastische Einsparpolitik zurückzuführen. Der industrielle Endenergieverbrauch des verarbeitenden Gewerbes war in Japan 1989 immerhin um fast 60 Prozent niedriger, als er es ohne brancheninternen – vor allem technischen – Wandel gewesen wäre. In der Bundesrepublik erbrachte dieser intrasektorale Wandlungseffekt bis 1989 eine Einsparung von 30,4 Prozent. Die Schrumpfung energieintensiver Wirtschaftszweige hingegen reduzierte den Energieverbrauch in beiden Ländern weit weniger, nämlich nur um 13 Prozent.

Bei der Einsparung von Wasser konnte die deutsche Industrie ebensolche Erfolge erzielen wie die japanische; in absoluten Zahlen war der Rückgang – bedingt durch das geringere Wachstum – sogar noch stärker. Auch beim Wasserverbrauch steht im übrigen der Wandel innerhalb der Branchen deutlich im Vordergrund. Es wurden 1987 in Japan 29,5 Prozent, in der Bundesrepublik 36,9 Prozent weniger Wasser verbraucht als ohne intrasektoralen Wandel seit 1971. Die Schrumpfung wasserintensiver Industrien erbrachte in Japan nur eine Verbrauchsminderung von 8,2 Prozent; und in Deutschland war diese Komponente gänzlich ohne Bedeutung.

Der westdeutsche Rohstoffverbrauch ging – in konstanten Preisen gemessen – von 1978 bis 1991 leicht zurück. Die gleiche Tendenz weist der Energie- und Wasserverbrauch seit 1973 auf. Im Vergleich zu Japan sind in der Bundesrepublik allerdings einige gegenläufige Entwicklungen festzustellen: So nahm die Gütertransportleistung auf Schiene und Straße überproportional zu. Auch das Abfallaufkommen des westdeutschen verarbeitenden Gewerbes wuchs stärker als die Industrieproduktion. Der Stromverbrauch stieg ebenfalls überproportional. In der Bundesrepublik wird demnach ein Teil der industriellen Energieeinsparungen durch erhöhte Stromabnahme zunichte gemacht. Die damit verbundenen hohen Energieumwandlungsverluste werden nicht mehr der Industrie zugerechnet; das Bild bleibt also insgesamt recht widersprüchlich.


Die geringe Bedeutung staatlicher Politik

In der hier referierten Studie wurde für vier Länder auch die Rolle der Industriepolitik untersucht: Waren eingetretene ökologische Strukturverbesserungen das Resultat politischer Entscheidungen, oder folgten sie autonomen Impulsen der Wirtschaft?

Offenbar spielte der Staat strukturpolitisch eine geringe Rolle; von einer Industriepolitik mit ökologischem Akzent kann praktisch keine Rede sein. Bislang wurde der (intersektorale) Strukturwandel lediglich von der japanischen Regierung gezielt und zumindest mit ökologischer Nebenabsicht beeinflußt. Zwar hat auch in anderen Industrieländern infolge energiepolitischer Entscheidungen nach 1973 die Mineralölindustrie faktisch an Bedeutung verloren; ökologische Erwägungen spielten dabei aber in der Regel allenfalls eine untergeordnete Rolle. In einer ganzen Reihe von Ländern wie den USA, Großbritannien und Kanada ist im übrigen jede Art von Industriepolitik kein Thema für die Regierung.

In Japan, dem Land mit dem weitestgehenden Strukturwandel, wurde hingegen nicht nur Industriestrukturpolitik, sondern auch deren ökologische Akzentuierung betrieben. Das Ministerium für internationalen Handel und Industrie (MITI) forderte 1971 in einem Entwurf über eine "wissensintensive Produktionsstruktur" eine Abkehr von material- und energieintensiven Produktionen. Es verfolgte dabei zwar primär wirtschaftspolitische Ziele; die eindeutigen ökologischen Implikationen wurden dabei aber nicht übersehen. Nach der Ölkrise forderte das MITI 1974 explizit die Beschränkung der herkömmlichen Wachstumsbranchen mit hohem Ressourcenverbrauch. Bereits ein Jahr zuvor hatte eine private Industriellen-Vereinigung diese Forderung erhoben. Die Umweltfrage wurde nun zunehmend wirtschaftspolitisch thematisiert. Umgekehrt erhob das Umweltamt in der Folge gezielt Daten über die Emissionsentlastung durch den Strukturwandel.

Ein 1978 erlassenes Branchengesetz sah konkrete Maßnahmen für verschiedene Wirtschaftszweige vor. Die Produktion von Hüttenaluminium wurde anschließend drastisch zurückgefahren (dieses Leichtmetall wird nun allerdings zum großen Teil – bei hoher Recycling-Quote – importiert). Die Herstellung von Düngemitteln ging nach und nach zurück. Weitere Regelungen betrafen andere Branchen mit hohem Material-, Energie- und Umweltverbrauch: Chemiefasern, Petrochemie, Elektrostahl und Schiffbau sowie Papier und Textilien. Wenngleich man bei alledem hauptsächlich die Abhängigkeit von Importen verringern wollte, berücksichtigte man dabei durchaus auch umweltpolitische Aspekte.

In der Bundesrepublik befaßte man sich immerhin schon vor der Ölkrise mit dem Zusammenhang von Industriestruktur und Umweltbelastung. Im Jahreswirtschaftsbericht der Bundesregierung von 1971 beispielsweise hieß es: "In ihrer Strukturpolitik wird die Bundesregierung künftig in stärkerem Maße als bisher auf eine Verbesserung der Umweltbedingungen hinwirken." Aber spätestens nach 1975 kam es zu einer Kehrtwende – die tatsächliche Wirtschaftspolitik konterkarierte mit ihren Subventionen im Zeichen der Strukturkrise die frühere Aussage: Es überwogen in auffälliger Weise die Erhaltungssubventionen, die in nicht geringem Umfang umweltbelastenden Branchen zuflossen. Der Anteil strukturerhaltender Fördermittel nahm sogar immer mehr zu; im Jahre 1992 machte er mehr als 40 Prozent aller Bundessubventionen aus.


Das Dilemma hoher Wachstumsraten

Daß die politischen und wirtschaftlichen Anstrengungen zur Umweltentlastung deutlich erhöht werden müssen, ist nach den vorliegenden Untersuchungsergebnissen offenkundig. Gerade das Paradebeispiel Japan zeigt, wie schwierig und mühselig es ist, bei hohem Wachstum auch nur den ökologischen Status quo zu sichern.

In Schweden beispielsweise, das ein geringeres Wirtschaftswachstum aufweist als das fernöstliche Industrieland, hat ein insgesamt weniger eindrucksvoller Strukturwandel stärkere absolute Umweltentlastungen zur Folge gehabt. Das geringere Wachstum war also in diesem Land durch industriellen Wandel ökologisch eher kompensierbar. Umweltpolitisch ist somit auch die Differenz von Wachstumsraten von großer Bedeutung. Dies wirft ein kritisches Licht auf die Rolle des Staates als industriellen Wachstumsmotors. Nicht Nullwachstum gilt es zu fordern, sondern ein ökologisch kompensierbares Wachstum.

Überhaupt belegt das Beispiel Japans, wie schwer umweltentlastende Entkopplungseffekte im langfristigen Wachstumsprozeß durchzuhalten sind. Wichtige ökologische Indikatoren steigen wieder an – so die Gütertransportleistung, der Rohstoff- und der industrielle Energieverbrauch, speziell in der Variante Elektrizität (Bild 2 oben). Der ökologisch vorteilhafte Umbau der japanischen Industriegesellschaft nach 1973 war offenbar nur für 12 bis 14 Jahre wirksam. Auch die reduzierte Aluminiumproduktion steigt wieder an, desgleichen die Stahl- und die Zementerzeugung.

Selbst die Möglichkeiten des herkömmlich entsorgenden Umweltschutzes sind dort offenbar weitgehend ausgeschöpft. Jedenfalls nahmen nach 1985 auch die Stickoxid-Emissionen wieder zu. Somit zeigt sich, daß im Wachstumsprozeß der ökologische Umbau der Industriegesellschaft permanent vonnöten ist. Es ist eine Illusion, in einer wachsenden Industrie auf Dauer Umweltentlastungen zu erwarten, ohne sich neu anzustrengen. Diese erneuten Bemühungen sind im übrigen kein geringes Pensum, wenn man an die bislang getätigten Umweltschutzausgaben und die bereits ausgeschöpften technischen Einsparpotentiale denkt.

Die Formeln des qualitativen Wachstums und der nachhaltigen oder zukunftsfähigen Entwicklung (sustainable development) waren bisher nur wenig mit dem Imperativ verbunden, daß die Umwelt im Wachstumsprozeß immer erneut und immer weitergehend zu entlasten sei. Dies ist jedoch unumgänglich, wenn ökologisch auch nur der Status quo gewahrt werden soll. Daß diese Notwendigkeit in allen Industrieländern in dramatischer Weise besteht, ist die empirische Botschaft unserer Studie.




Aus: Spektrum der Wissenschaft 4 / 1994, Seite 110
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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