Direkt zum Inhalt

Forschungsprioritäten: Wissenschaft für das Leben

Die grundlegende Bedeutung wissenschaftlicher Forschung für das Wohlergehen der Bürger ist zwar bekannt. Doch spiegelt sich diese Einsicht auch in der Forschungsförderung wider?


Zugegeben: Die komplexen Zusammenhänge, mit denen sich die einzelnen Forschungsdisziplinen befassen, können Außenstehende ohne Vorkenntnisse in den meisten Fällen nicht verstehen. Dadurch entsteht oftmals der Eindruck, Wissenschaft werde nur im inner circle betrieben und diene ausschließlich dem Selbstzweck. Doch entgegen diesem Anschein haben Wissenschaft und Forschung wichtige gesellschaftliche Aufgaben.

An einem weiteren Aspekt, der in der Diskussion um die Bedeutung von Forschung häufig zu Problemen führt, sind die Wissenschaftler selbst schuld. Für manche von ihnen scheint es zum guten Ton zu gehören, die Zweckfreiheit der Forschung – sprich: einen nicht erkennbaren Nutzen für die Gesellschaft – hervorzuheben und jeglicher Art von Anwendung der gewonnenen Erkenntnisse skeptisch bis feindselig gegenüberzustehen. In anderen Bereichen der Gesellschaft, die ebenfalls durch Steuergelder finanziert werden, ist eine solch vornehme Zurückhaltung hingegen nicht zu verspüren. Oft muss eine angebliche Wichtigkeit für die Gesellschaft herhalten, um ansonsten kaum zu rechtfertigende Geldausgaben zu begründen.

So werden etwa mit dem Argument, Arbeitsplätze zu schaffen und die Menschen vor äußeren Gefahren zu schützen, Ausgaben in schier wahnwitziger Höhe durchgesetzt (beispielsweise 17 Milliarden Euro für den Eurofighter). Viele Bereiche der Wissenschaft hingegen, die diese Aufgaben wirkungsvoller oder zumindest weit kosteneffizienter erfüllen, werden als Privatvergnügen abgetan.

Die Wissenschaft muss – ebenso wie andere vom Geld des Steuerzahlers finanzierte Bereiche – ihre Kosten durch den erwarteten Nutzen rechtfertigen. Da dieser aber nur in den seltensten Fällen von Anfang an zu erkennen ist, müssen wir oft den wahrscheinlichen Nutzen abschätzen, indem wir den Wert des erwarteten Gewinns mit der Wahrscheinlichkeit des Erfolges multiplizieren. Mit diesem Ansatz kann sich in gewissen Bereichen durchaus ergeben, dass der Nutzen der Grundlagenforschung denjenigen der anwendungsorientierten Forschung übersteigt. Denn die geringere Wahrscheinlichkeit eines Durchbruchs wird durch die potenziell enormen Auswirkungen eines solchen Durchbruchs kompensiert. So hat zum Beispiel die grundlagenorientierte Festkörperphysik durch die Schaffung der Computerindustrie unser Dasein revolutioniert und enorme Werte geschaffen.

Was können, was müssen wir Wissenschaftler tun? Wir müssen einerseits viel stärker die tragende Rolle hervor-heben, die Investitionen in die Wissenschaft für die Gesellschaft spielen können, und auch bereit sein, die Kosten-Nutzen-Relation wissenschaftlicher Förderung derjenigen anderer staatlich finanzierter Bereiche gegenüberzustellen und uns daran messen zu lassen. Andererseits ist es auch innerhalb der Wissenschaft wichtig, das Vertrauen, das die Steuerzahler in unsere Arbeit setzen, zu rechtfertigen und uns diesem Gegen-wert verpflichtet zu fühlen. Wir sind keine Priesterkaste, die ein gottgegebenes Recht auf Steuergelder hat. Wir müssen bereit sein, jederzeit unsere Finanzierung zu rechtfertigen. Wir dürfen nicht aus falsch verstandener Solidarität – nach dem Motto: "Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus" – die Mittel, die wir für bestimmte Aufgaben erhalten, auf Grund von vermeintlicher political correctness anderweitig einsetzen. Es stellt sich die Frage, ob die derzeitige Gleichstellung bei der Forschungsförderung, beispielsweise mit Bereichen aus den Ingenieurswissenschaften oder der medizinischen Forschung, nicht eher an der ökonomischen Realität vorbeigeht.

Die Forschungsförderung des Bundes im Bereich der Geistes-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften beträgt im laufenden Jahr 439 Millionen Euro. Für die Förderung der Biotechnologie werden 328 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Es ist zu vermuten, dass sich in Deutschland in der Biotechnologie eine ähnliche Entwicklung wie in den USA vollziehen wird. Das bedeutet, dass in den nächsten sieben Jahren in diesem Bereich ein Beschäftigungszuwachs auf das Fünffache zu erwarten ist. Im gleichen Zeitraum wird die Anzahl der indirekt abhängigen Arbeitsplätze durch eine verstärkte Diffusion der Biotechnologie in andere Branchen von heute etwa 220000 auf über 500000 anwachsen.

Folgt die Forschungsförderung den richtigen Prioritäten?

Wir können deshalb erwarten, dass die Investitionen in die Biotechnologie durch die Schaffung von Arbeitsplätzen und auf längere Sicht gesehen durch die Erwirtschaftung von Gewinnen die Steuereinnahmen erhöhen. Im Sinne des Steuer-zahlers ist es sicherlich legitim zu fragen, ob die Verteilung von Forschungsmitteln nicht besser an die wirtschaftliche Relevanz, die im Bereich der Biotechnologie erwiesenermaßen vorliegt, zu koppeln wäre.

Meines Erachtens sind es vor allem vier große Bereiche, mit denen die Wissenschaft ihre staatliche Finanzierung rechtfertigen kann:

- Wissenschaft als kulturelle Aktivität,

- ihre Bedeutung für die universitäre Ausbildung,

- der Schutz der Menschen vor äußeren Gefahren wie Krankheiten und Hungersnöten, und

- die wirtschaftliche Bedeutung (Arbeitsplatzschaffung, Erhöhung der Wirtschaftskraft und damit der Steuerein-nahmen).

Kulturelle Aktivitäten haben seit langer Zeit Anspruch auf staatliche Finanzierung. So liegt zum Beispiel das Budget der Berliner Opern weit über dem Betrag, den Deutschland insgesamt für Genomforschung und damit für die Erkenntnis unserer eigenen biologischen Grundlagen ausgibt. Es müsste aber viel stärker ins öffentliche Bewusstsein dringen, dass nicht nur Schopenhauer, Beethoven und Bach unsere Kultur geprägt haben, sondern auch Johannes Kepler, Robert Koch und Sigmund Freud.

Die Ausbildung ist untrennbar mit der Forschung verbunden. Denn ohne selbst an der Schaffung neuen Wissens beteiligt zu sein, ist ein Hinterfragen und kritisches Beurteilen von Lehrbuchwissen schwierig. Nur, wer selbst dauernd gezwungen ist, auf Grund neuer Daten Meinungen zu revidieren, versteht wirklich, dass alles Wissen immer nur Arbeitshypothese sein kann, die sich für einen bestimmten Zeitraum als nützlich erwiesen hat und gegebenenfalls durch ein neues experimentelles Resultat widerlegt werden kann.

Viele Bereiche der Wissenschaft tragen auch massiv zu unserem Schutz und zu unserer Wirtschaftskraft bei. Die Funktion des Schutzes liegt vor allem in der Prävention von Krankheiten. Die Ausgaben des Bundes für Forschung und Entwicklung im "Dienste der Gesundheit" werden im laufenden Jahr 667 Millionen Euro betragen. Im gleichen Zeitraum betragen jedoch die Ausgaben für die "Wehrforschung und -technik" fast 1,14 Milliarden Euro, also nahezu das Doppelte. Wohlgemerkt: Bei dieser Zahl handelt es nicht etwa um den Wehretat, sondern um den Anteil der Wehrforschung im Bereich Forschung und Entwicklung aus dem Haushalt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

Zurzeit stirbt ungefähr jeder Dritte an einer Erkrankung des Herz-Kreislaufsystems und jeder Vierte an Krebs. Und noch immer wird die Entwicklung neuer Waffen zur Bekämpfung von imaginären Feinden mit oberster Priorität vorangetrieben. Das ist etwa so, als suche man sein Haus in den Alpen gegen alle erdenklichen äußeren Gefahren einschließlich Wirbelstürmen, Wanderdünen und Hochwasser zu schützen, vergäße aber, etwas gegen den Holzschädling zu unternehmen, der das Gebälk zerfrisst. Diese Vorstellung erscheint auf den ersten Blick abwegig und absurd, und doch entspricht sie der bisherigen Strategie, mit der man das Wohlergehen der Bürger sichern möchte.

Es mag zwar wie eine Plattitüde klingen: Die in der naturwissenschaftlichen Grundlagenforschung gewonnenen Erkenntnisse, insbesondere der medizinische Fortschritt, stellen die unverzichtbare Basis für die Lösung fast aller dringenden gesellschaftlichen Probleme dar und liefern die Grundlage für eine bessere Lebensqualität für alle Bürger in der Zukunft. Aber warum wird allein im Jahr 2002 fast ein Drittel des Gesamtforschungsbudgets von rund sechs Milliarden Euro in die Wehrforschung und den Aufbau der Internationalen Raumstation gesteckt? Eine solche Prioritätensetzung für die Forschungsförderung ist unbegreiflich.

Genomforschung

Trotz solcher Schieflagen bei der öffentlichen Forschungsförderung insgesamt hat die Genomforschung in Deutschland in den letzten beiden Jahren breite Unterstützung erhalten. Ein Großteil der Mittel stammt aus den Einnahmen, die durch die Versteigerung der Lizenzen für den UMTS-Mobilfunk erzielt wurden, und flossen in das neue Programm "Gesundheitsforschung: Forschung für den Menschen". Mit diesen Geldern soll die Funktion von Genen wesentlich besser aufgeklärt werden. In dem Zusammenhang wurden für das Nationale Genomforschungsnetz 175 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Da die Entzifferung des Genoms aber erst den Anfang der Genomforschung darstellt, bleibt zu hoffen, dass die Förderung nicht dann nachlässt, wenn die Genomforschung sich nicht mehr in den täglichen Schlagzeilen wiederfindet.

Mit der Bestimmung der Genom-sequenz und der jetzt in großem Maßstab ablaufenden Erforschung der Genfunktion haben wir erstmals die Möglichkeit, die komplexen Netzwerke biologischer Prozesse, die über Milliarden von Jahren entstanden sind, global zu analysieren und damit auch wichtige Beiträge zum Verständnis von Krankheiten zu liefern.

Die Genomforschung wird sich in den nächsten Jahren vor allem mit der Analyse der Expressionsprodukte beschäftigen. Weil die Umwandlung der genetischen Information in Proteine zeitlich und räumlich auf vielen Ebenen und mit vielen Modifikationen abläuft, wird der nächste wichtige Schritt darin bestehen, eine Bestandsaufnahme aller dieser Eiweiße einschließlich ihrer dazugehörigen Koordinaten zu erstellen. Mit Hilfe bereits vorhandener Verfahren, den so genannten Hochdurchsatztechnologien, können die gewaltigen Datenmengen erzeugt werden, die zum Simulieren der Lebensvorgänge am Rechner erforderlich sind. Durch die Verarbeitung aller zur Verfügung stehenden Daten und die interdisziplinäre Zusammenarbeit der verschiedenen Forschungsrichtungen wie etwa der Informatik, der Biologie, der Physik und der Chemie wird die Systembiologie das Forschungsgebiet der nächsten Jahre darstellen.

In den Vereinigten Staaten wurden mit der Gründung des ersten Zentrums für Systembiologie in Seattle bereits die Weichen dafür gestellt. Dort arbeiten Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen erfolgreich zusammen unter einem Dach an gemeinsamen Projekten und greifen auf gemeinsame Ressourcen zu. Auch in Deutschland sollte man den Weg, der durch die Förderung der Genomforschung bereits eingeschlagen wurde, weiter ebnen und mit der Schaffung solcher Zentren Wissen effektiv bündeln.

Die ersten Schritte in die richtige Richtung sind gemacht. Aber da niemand vorherzusagen vermag, wie lange der Weg noch sein wird, bleibt nur zu hoffen, dass der Förderung nicht auf halber Strecke die Luft ausgeht.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 8 / 2002, Seite 94
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
8 / 2002

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 8 / 2002

Kennen Sie schon …

09/2020

Spektrum - Die Woche – 09/2020

Schon mal überlegt, einen Insektenburger zu essen? In dieser Ausgabe erfahren Sie mehr über Lebensmittel aus Krabbeltieren, Strandaufbau auf Nordseeinseln und die Mars-Mission InSight.

30/2018

Spektrum - Die Woche – 30/2018

24/2018

Spektrum - Die Woche – 24/2018

In dieser Ausgabe widmen wir uns dem All, der Politik und der Erde.

Lesermeinung

Beitrag schreiben

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Leserzuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Leserzuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmer sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Lesermeinungen können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!