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Wissenschaft im Alltag: Der Raumanzug



Wenn in diesem Monat die ersten Astronauten in die Internationale Raumstation (ISS) einziehen, werden sie häufig die wohl teuerste Ausgehkleidung unseres Planeten tragen. Zwölf Millionen Dollar kostet ein Raumanzug für Außenarbeiten, denn er simuliert ein Stück "Erde" in fast 500 Kilometern Höhe. Der Anzug bewahrt seinen Träger vor extremen Temperaturen, Mikrometeoriten, kosmischer und ultravioletter Strahlung, liefert den lebensnotwendigen Sauerstoff und stellt Kommunikations- und Fortbewegungsmittel bereit.

Wie ein Rucksack wird das "primäre Lebenserhaltungssystem" auf dem Rücken getragen. Es regeneriert die ausgeatmete Luft: Kohlendioxid wird entfernt, Sauerstoff hinzugegeben. Der Druck im Anzug beträgt nur 0,29 bar reinen Sauerstoff. Das hat zwei Gründe. Der geringere Luftdruck erleichtert Bewegungen im Beinahe-Vakuum des Weltraums und der Anzug selbst muss nicht so widerstandsfähig gebaut sein. Allerdings müssen die Astronauten vor dem Anziehen reinen Sauerstoff voratmen, um die Konzentration des im Gewebe gelösten Stickstoffs zu reduzieren. Andernfalls könnte die Umstellung auf die niedrigen Druckverhältnisse im Anzug eine Art Taucherkrankheit auslösen.

Ein 80-Milliliter-Trinkbeutel im "oberen Torso" ermöglicht das Trinken während der Arbeit im All; eine Art Windel für Erwachsene mit 900 Milliliter Fassungsvermögen nimmt im "unteren" Torso den Urin auf.

Die offiziell "extravehikuläre Mobilitätseinheiten" genannten Anzüge der amerikanischen Raumfahrtbehörde Nasa werden unter Aufsicht des Generalunternehmers Hamilton Sundstran mit Beteiligung von 52 weiteren Unternehmen angefertigt. Die Europäische Weltraumagentur Esa entwickelt gemeinsam mit russischen Kooperationspartnern, insbesondere der Firma Swesdo, eigene Außenbordanzüge für die ISS.

Die Redaktion dankt dem deutschen "Raumfahrt Service International" für seine Unterstützung.


Wussten Sie schon, dass …





… die festgelegte Höchstdauer eines Raumspaziergangs sieben Stunden beträgt, großzügig ausgelegte Grenzwerte aber noch längere Ausflüge erlauben? Den längsten Außenbord-Aufenthalt amerikanischer Astronauten absolvierten Pierre Thuot, Rick Hieb und Tom Akers, die am 13. Mai 1992 bei Arbeiten an dem Kommunikationssatelliten Intelsat insgesamt 8 Stunden und 29 Minuten im All verbrachten.

… vor dem ersten geplanten Weltraumspaziergang auf dem fünften Flug des Spaceshuttles 1982 das Gebläse im Lebenserhaltungssystem eines Raumanzugs ausfiel und deshalb die Exkursion abgesagt wurde? Es war das erste und bislang einzige größere Problem mit einem Raumanzug im All.

… die Astronauten der internationalen Raumstation (ISS) über einen so genannten Safer verfügen werden, der sie im Notfall zum Fahrzeug zurückbringen kann? Während des Baus wird das Spaceshuttle an die Raumstation andocken, es kann also kaum rasche Rettungsflüge unternehmen. Der 1994 erfolgreich getestete Safer (Simplified Aid for Extravehicular Activity Rescue) verwendet Stickstoff-Druckpatronen als Antrieb und wird unten amLebenserhaltungssystem befestigt. Er wird über ein Handkontrollgerät gesteuert.

… Shuttle-Orbiter nur drei vollständige Außen-Bordanzüge mitführen, aber bis zu sieben Besatzungsmitglieder haben? Für den Notfall gibt es aber Rettungskapseln aus dem Material der Raumanzüge mit eigener Sauerstoffversorgung, die von einem Shuttle geborgen werden können.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 11 / 2000, Seite 120
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
11 / 2000

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 11 / 2000

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