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Wissenschaft im Alltag: Der Testbrief



Wie lang ein Brief unterwegs ist, messen Postdienste mit elektronischen Testbriefen. Auf den ersten Blick unterscheiden sie sich nicht von normalen Sendungen und werden deshalb von den bei der Beförderung involvierten Personen nicht besonders behandelt. Ein solches "Messgerät" hat gewöhnliches Geschäftsbrief-Format, wiegt nur 30 Gramm und enthält doch einen Miniaturrechner mit 128 Kilobyte Speicher und zwei Knopfzellen. Flexibles Kunststoffmaterial, das sich bis zu 90 Grad biegen lässt, umgibt und schützt das System gegen die hohen mechanischen Beanspruchungen in den Sortierzentren, wo 40000 Briefe pro Stunde durchgeschleust werden.

Auf einer nur wenige Zentimeter großen Leiterplatte befinden sich ein Mikrochip für die Datenverarbeitung und -speicherung sowie ein Beschleunigungssensor. Bewegungen seines Siliziumplättchens erzeugen über den piezoelektrischen Effekt elektrische Signale: Wird der Brief transportiert, ob per Auto, Flugzeug oder Fahrrad, so reagiert der Sensor; liegt er still im Briefkasten, so gibt er keine Signale von sich. Um die Datenfülle zu verringern, komprimiert der Mikrochip die Messdaten auf acht relevante Werte pro Minute und speichert sie zur späteren Auswertung.

Beim Empfänger werden die Daten ausgelesen und in Intensitäts-Zeit-Diagrammen dargestellt. Ein geübter Auswerter kann dann nicht nur rekonstruieren, wann der Messbrief wie lange in einem Postamt oder am Flughafen liegen blieb und dies mit den Soll-Werten vergleichen: Er kann aus den Diagrammen auch herauslesen, ob der Testbrief in einer Turbopropmaschine durchgeschüttelt wurde oder im Laderaum eines Großraumjets ruhte, ja er kann sogar erkennen, ob der Postbote ein Fahrrad benutzte oder zu Fuß ging. Und einen ausgiebigen Plausch mit den Kunden sollte sich ein Briefträger genau überlegen, denn er könnte ja einen Testbrief bei sich tragen. So hat der United States Postal Service beispielsweise durch Testbriefe festgestellt, dass sich manche Briefträger eine dreistündige Mittagspause genehmigten. Die Deutsche Post AG ermittelte, dass 95 Prozent aller Briefe innerhalb von 24 Stunden nach der Leerung des Briefkastens ihren Empfänger erreichen, fast zehn Prozent mehr als noch vor sechs Jahren.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 5 / 2001, Seite 116
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
5 / 2001

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 5 / 2001

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