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Wissenschaft im Alltag: Einwegwindeln

Superabsorber halten Babys trocken


Wenn eine Mutter ihrem Baby zum ersten Mal eine volle Windel abnimmt, dürfte sie überrascht sein – nicht über den Inhalt, sondern über das enorme Gewicht. Heutige Einwegwindeln fassen rund 1,5 Liter Flüssigkeit und fühlen sich dabei immer noch trocken an. Weil Hautreizungen damit leichter zu vermeiden sind und Mütter schlicht Zeit sparen, fristen auswaschbare Stoffwindeln nur noch ein Nischendasein.

Für die erstaunlich hohe Absorptionsfähigkeit sorgen Polyacrylate, eine Familie hydrophiler, also Wasser anziehender Polymere. Der einfachste Vertreter ist Natriumacrylat, es kann das 800fache seines Gewichts an destilliertem Wasser aufnehmen. Freilich besteht Urin nicht nur aus Wasser. Darin gelöste Salze und Ionen vermindern das Fassungsvermögen um mehr als den Faktor zehn. Die Branchenführer der Windelhersteller verwenden deshalb eine Kombination von Polyacrylaten. Ein solches Rezept wird aber streng geheim gehalten – der Windelmarkt ist heiß umkämpft.

Einwegwindeln halten die Haut trockener als solche aus Stoff. Vermutlich sind sie deshalb für das Baby gesünder, doch die Situation ist unklar: Stoffwindeln werden öfter gewechselt, und ihre Träger scheinen nicht häufiger als andere einen Hautausschlag zu bekommen. Marktführer in Sachen Wegwerfprodukt Procter & Gamble verweist aber darauf, dass Häufigkeit und Schweregrad von Hautreizungen in den letzten 15 Jahren deutlich abgenommen hätten, und das sei eine Folge der immer besseren Einwegwindeln.

Stoffwindel-Advokaten verweisen im Gegenzug auf die Umweltkosten: Die Wegwerf-Produkte erfordern nicht nur einen höheren Chemikalieneinsatz, sondern stellen allein in Deutschland mit 570 000 Tonnen pro Jahr etwa drei bis fünf Prozent des Hausmülls. Sie sind dann mechanisch-biologisch, auf Deponien oder in Verbrennungsanlagen zu entsorgen (ab dem Jahr 2005 ist die Deponierung ausgeschlossen). Doch Studien zur ökologischen Gesamtbilanz von Stoffwindeln im Vergleich zu Einwegwindeln kamen in den neunziger Jahren überwiegend zu dem Schluss, beide Produkte belasteten die Umwelt letztlich in gleichem Maße (Stoffwindeln über die zu reinigenden Abwässer). So ist es wohl eher eine Frage der Einstellung, welcher Variante man dem Vorzug gibt.


Wussten Sie, dass ...


- Superabsorbentien nicht nur der persönlichen Hygiene dienen, sondern auch anderweitig verwendet werden? Bei der Entsorgung von medizinischen Abfällen in Kliniken, zum Schutz von industriellen Strom- oder optischen Kabeln vor Wasser, um Wasser aus Flugzeugtreibstoff zu filtern, zur Behandlung von Gartenerde, damit sie Wasser hält – nicht zuletzt auch für Spielzeug, das sich in Wasser ausdehnt.

- einigen Studien zufolge Babys, die Stoffwindeln tragen, fast ein Jahr früher auf die Toilette gehen als Babys mit Einwegwindeln? Eine Erklärung wäre, dass sie wegen der hohen Absorptionsfähigkeit ebenso wenig wie die Pflegeperson wissen, wann es passiert, und so die Assoziation mit dem Gebrauch einer Toilette fern liegt. Allerdings gibt es auch gegenteilige Studien etwa aus Japan mit eineiigen Zwillingen.

- in tropischen Ländern Babys und Kleinkinder häufig gar keine Windeln tragen? Indische Mütter halten es sogar für grausam, ein Baby in eine unbelüftete "Verpackung" zu sperren.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 2002, Seite 116
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 2002

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 2002

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