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Wissenschaft im Alltag: Golfbälle



Wie stellt man einen Golfball her, der weit und richtungsgenau fliegt? Das fragten sich schon Handwerker im Schottland des 15. Jahrhunderts, wo das Golfspiel 1457 erstmals urkundlich erwähnt wurde. In mühseliger Kleinarbeit stopften sie gekochte Gänsefedern in eine nasse Ledertasche und nähten diese zu. Beim Trocknen dehnten sich die Federn aus, während das Leder schrumpfte, und so entstand ein steinharter "Federball". Aber selbst ein geschickter Mensch konnte davon nur vier am Tag herstellen, und so war das Spiel auf dem Golfplatz schon damals vorwiegend ein Vergnügen für reiche Leute.

Erst in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts gab es eine kautschukartige Alternative: Guttapercha. Dieses stammt vom Palaquium-Baum Malaysias und Indonesiens, es dient auch heute oft noch als Kitt. Erhitztes Guttapercha ist weich und lässt sich zu einer Kugel formen. Solche Bälle waren haltbar und deutlich billiger. Merkwürdiger-weise flogen neue und damit glatte Guttapercha-Bälle nicht so gerade oder so weit wie ältere mit Gebrauchsspuren. Die Ballmacher begannen deshalb, ihre Produkte einzukerben, mit Hämmern zu bearbeiten und Muster in die Oberfläche zu pressen. Die Bälle hielten danach in der Tat die Richtung besser und flogen auch weiter. Die wissenschaftliche Disziplin der Aerodynamik war jedoch noch zu jung, um solche Phänomene zu erklären.

Im Jahr 1898 entwickelten der Golfer Coburn Haskell aus Ohio und Bertram Work, ein Angestellter bei B. F. Goodrich, einem amerikanischen Reifenhersteller, den Golfball aus Gummi. Sie wanden einen Gummifaden um einen festen Gummikern und umgaben dieses Gebilde mit Balata, einer latexartigen Milch des tropischen Baumes Mimosops balata.

Die früheren Erfahrungen über die Flugeigenschaften brachten dem englischen Ingenieur William Taylor 1908 ein Patent für einen Ball, in dessen Oberfläche in regelmäßiger Verteilung kleine Vertiefungen (Dimples) eingekerbt wurden. Sie vermindern den aerodynamischen Widerstand und erhöhen den Auftrieb. Mit diesen Mustern wurde seither viel herumexperimentiert. Heutzutage sind etwa 400 Dimples die Regel. Erst kürzlich versuchten die Hersteller, mit zweireihigen Vertiefungen den Widerstand noch weiter zu reduzieren.

Manche Golfer beklagen, durch die bessere Technologie werde der Spieler zu stark unterstützt. Das mag für Amateure stimmen, jedoch haben sich die Anforderungen an professionelle Spieler kaum vermindert. Dazu meint Wally Uihlein von Acushnet, dem Hersteller der Marke Titleist: "Selbst Bälle und Schläger des Raumzeitalters haben bei amerikanischen Profi-Turnieren in den letzten 17 Jahren im Schnitt nur eine Verbesserung um einen Punkt gebracht."


Wussten Sie schon ... ?


- Um 1930 einigten sich die britischen und amerikanischen Golfverbände auf standardisierte Durchmesser und Gewichte für Turnierbälle. Demnach darf die Masse 45,39 Gramm nicht überschreiten und der Durchmesser muss mindestens 42,67 Millimeter betragen.

- Im Kampf um den Kunden werben Ballhersteller mit immer mehr Dimples. Trieben sie diese Entwicklung auf die Spitze, so ergäben Tausende von winzigen Vertiefungen wieder einen nahezu glatten – schlechten – Ball. Experten zufolge sind Bälle mit 300 bis 500 Dimples von 0,2 bis 0,3 Millimeter Tiefe optimal.

- Golfbälle werden mit Ziffern bedruckt, damit die Spieler einer Gruppe ihre Bälle auseinander halten können. Nicht wenige schwören darauf, dass sie einen "Top-Flite 2" weiter schlagen können als einen "Top-Flite 5" oder dass "Maxfli 1" weniger nach links verzieht als die Variante 6. Ist das Aberglaube? Beim Golfspielen? Niemals!

- Um die Haltbarkeit von Ballkern, Farbe, ja sogar des Logos zu prüfen, betreibt die amerikanische Firma Hye Precision Products eine 1,2 Tonnen schwere Luftkanone, die pro Minute zwölf Golfbälle mit einer Geschwindigkeit von nahezu hundert Meter pro Sekunde auf eine gehärtete Stahlplatte feuert.

- Das ursprünglich schottische Nationalspiel gelangte im Jahr 1608 nach England und wurde dort im 19. Jahrhundert sehr populär. Der erste deutsche Golfklub wurde erst 1895 in Berlin gegründet.

- Die Sprache des Golfsports ist englisch. So bezeichnet ein Hook eine nach links, ein Slice eine nach rechts weisende und durch einen Drall des Balls gekrümmte Bahn. Gerade Bahnen mit wenig Drall heißen Pull beziehungsweise Push.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 8 / 2002, Seite 72
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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