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Wissenschaft im Alltag: Schwangerschaftstests



Ob aus Hoffnung oder Furcht, Frauen, die sich über eine mögliche Schwangerschaft vergewissern wollen, können seit den 1980er Jahren Heimtests in der Apotheke erwerben. Experten schätzen, dass jede der etwa 22000 Apotheken in Deutschland pro Monat durchschnittlich 14 bis 15 solche Produkte verkauft.

Diese Tests beruhen alle auf dem gleichen Prinzip, das 1980 von Unipath Ltd. in Großbritannien patentiert wurde. Urin wird auf den Gehalt an menschlichem Choriongonadotropin (hCG) geprüft, einem Schwangerschaftshormon, das die Plazenta etwa 48 Stunden nach der Einnistung einer befruchteten Eizelle produziert. Die Konzentration an hCG im Blut verdoppelt sich alle zwei bis drei Tage und erreicht ihren Höhepunkt etwa in der achten Schwangerschaftswoche. Über die Blutbahn gelangt das Hormon in die Nieren und wird dann mit dem Urin ausgeschieden.

Technisch gesehen nutzt der Test Antikörper – Y-förmige Proteine, die unseren Körper gegen die Angriffe von Viren, Bakterien oder sonstigen körperfremden Substanzen schützen, indem sie sich daran koppeln und die Stoffe so für die Zellen des Immunsystems markieren. Dabei sprechen die Antikörper sehr spezifisch auf bestimmte Stoffe an.

Beim Schwangerschaftstest kommen gleich drei solche Moleküle zum Einsatz, zwei, die auf hCG ansprechen, stammen von Mäusen, der dritte Antikörper von der Ziege. Zunächst wird die Urinprobe auf das untere Ende des Test-Stäbchens aufgebracht. Vorhandenes hCG bindet sich an den ersten hCG-Antikörper. Dank der Kapillarwirkung fließen gebundene und ungebundene Antikörper das Stäbchen hinauf.

Der eigentliche Testbereich enthält unbeweglich gemachte hCG-Antikörper. Sie koppeln ebenfalls an das gegebenenfalls vorhandene Hormon, und es entsteht ein fixierter, sandwich-artiger Molekül-Komplex. Antikörper der ersten Sorte, die kein Hormon gebunden hatten, reisen weiter und werden vom Typ Drei abgefangen.

Eigentlich sind alle diese Substanzen farblos und klein, mithin also schwer zu entdecken. Doch ein Enzym am ersten Antikörper verändert ein weiteres Molekül, das nun Farbe zeigt. Geschieht das nur in der Kontrollregion, ist der Test negativ, hingegen sprechen farbige Streifen in Test- und Kontrollregion für eine Schwangerschaft.


Wussten Sie schon ... ?


- Empfindliche Tests weisen hCG schon bei einer Konzentration nach, die etwa zehn Tage nach der Befruchtung erreicht wird (25 tausendstel internationale Einheiten pro Milliliter Urin). Das entspricht ungefähr dem Tag, an dem normalerweise die Menstruation einsetzen würde.
– Laut Herstellerangaben etwa zum Fem-Test (Chefaro Pharma AG) oder Clear Blue (Unipath) beträgt die Zuverlässigkeit des Nachweises bei sachgemäßem Gebrauch mehr als 99 Prozent.
– Frühtests versprechen verlässliche Aussagen auch bis zu einer Woche vor dem Ausbleiben der Periode. Ein positives Ergebnis ist aber mit Vorsicht zu bewerten, denn 50 bis 60 Prozent der schon eingenisteten Embryonen werden in dieser Zeit wieder ausgespült.
– Mittels hCG-Gaben versuchen Ärzte bei Unfruchtbarkeit einen Eisprung auszulösen. Ein Schwangerschaftstest sollte dann erst 14 Tage nach der letzten Injektion erfolgen.
– Labortests beruhen auf dem gleichen Verfahren und liefern kaum mehr Genauigkeit.
– Im Alten Ägypten wurde Urin einer mög-licherweise Schwangeren über Getreidekörner ausgegossen – trieben diese aus, galt das als Indiz.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 5 / 2002, Seite 64
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
5 / 2002

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 5 / 2002

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