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BioTissue Technologies: Wissenschaft in Unternehmen: Neue Haut am Neuen Markt



Der Traum vom Ersatzteillager für den Menschen wird nach und nach Wirklichkeit: Ende letzten Jahres gelang es sogar, ein komplettes Fingergelenk aus körpereigenen Zellen des Patienten zu züchten und zu transplantieren. Sein Mittelfingergelenk war bei einem Arbeitsunfall zerstört worden. Gängige Praxis wäre es gewesen, ein derart geschädigtes Gelenk zu versteifen, doch dank der Entwicklungen im "Tissue Engineering" blieb dem 35-Jährigen ein solches Schicksal erspart. Heute trainiert er die Fingerbeweglichkeit und will schon bald wieder Trompete spielen. Gezüchtet wurde das Gelenk in den Labors des Freiburger Unternehmens BioTissue Technologies.

Aufsehen erregte BioTissue bereits mit der "Haut aus der Tube", die im September 1999 auf den Markt kam. Der körpereigene Hautersatz ruft keine Abstoßungsreaktionen hervor und wird insbesondere bei chronischen Wunden – beispielsweise Dekubitus, offenen Beinen oder diabetischem Fuß – angewendet, aber auch bei Verbrennungen, Aknenarben und Falten.

Hierzu entnimmt ein Arzt dem Patienten ambulant ein kleines Hautstück aus der Leistengegend. Daraus isoliert BioTissue Zellen der Oberhaut und kultiviert sie in einer Nährlösung unter Reinst-Raum-Bedingungen etwa 18 Tage lang. Anschließend werden die vermehrten Hautzellen zusammen mit einem heilungsfördernden Fibrin-Gel in einem speziellen Behältnis dem Arzt geschickt, der die Masse auf die saubere und desinfizierte Wunde aufträgt.

Das Besondere: Im Gegensatz zu herkömmlichen Hautzelltransplantaten wurden im Labor nicht voll entwickelte, sondern noch wenig differenzierte "Vorläufer"-Zellen der Haut gezüchtet (fachlich "Basalzellen"). Diese vermögen sich auch nach der Transplantation noch zu teilen. Da sie auch in die Tiefe wachsen und nicht nur oberflächlich auf der Wunde liegen, haftet das Transplantat gut, und die Wunde wird optimal verschlossen.

Die fertige Haut bildet sich also nicht in der Kulturflasche, sondern direkt auf der Wunde. Bereits nach zehn Tagen sind erste Hautstrukturen sichtbar, nach etwa sechs Wochen ist die Wunde abgeheilt. Bislang wurden mit dem Verfahren mehr als 150 Patienten in 30 deutschen medizinischen Zentren erfolgreich behandelt.

Auch in der Züchtung von Knorpel kann BioTissue erste Erfolge vorweisen. In Zusammenarbeit mit dem Universitätsklinikum Freiburg und der Berliner Charité gelang es dem Unternehmen, im September 2000 das bei einem Arbeitsunfall zerfetzte Ohr eines jungen Mannes wieder herzustellen.

Zunächst nahm ein Zahnarzt einen Gipsabdruck vom verletzten Ohr, um daraus eine maßgeschneiderte Hohlform aus Silikon anzufertigen. Anschließend stanzten die Ärzte etwa zwei Gramm Knorpel aus der Rippe des Mannes. Der Rippenknorpel wurde zerkleinert, die Knorpelzellen herausgelöst und sechs Tage lang in einer Nährlösung vermehrt. Zusammen mit einem Fibrin-Gel wurden sie dann in die sterile Ohrform aus Silikon gegossen. Nach rund drei Wochen im Brutschrank war ein passgenaues Knorpelstück nachgewachsen, das erfolgreich verpflanzt werden konnte. In ähnlicher Weise gelang das erwähnte Fingergelenk, wobei hier auch Knochenzellen vermehrt wurden.


Das Unternehmen im Profil


BioTissue Technologies wurde 1997 als Spin-off des Universitätsklinikums Freiburg gegründet und startete mit drei Mitarbeitern, mittlerweile sind es 35. Das Unternehmen züchtet menschliche Gewebe aus körpereigenen Zellen. Zwei Hautersatz-Produkte sind bereits auf dem Markt – BioSeed-S zur Behandlung schlecht heilender Hautwunden und MelanoSeed zur Behandlung der Vitiligo (Weißfleckenkrankheit). Drei weitere Produkte zum Wiederaufbau von Knochen, Knorpel sowie Mundschleimhaut werden in diesem Jahr eingeführt. Vor allem die Möglichkeiten einer Arthrosebehandlung eröffnen bei allein 1,5 Millionen therapiefähigen Patienten in Deutschland ein enormes Marktpotenzial. BioTissue plant für die Zukunft auch die Herstellung kompletter Organe wie Leber oder Niere. Seit vergangenem Dezember notiert das Unternehmen am Neuen Markt in Frankfurt. Für 2001 erwartet die AG einen Umsatz von drei Millionen Mark, im vergangenen Jahr waren es rund 760000. Im Jahr 2003 will BioTissue erstmals schwarze Zahlen schreiben. Fachleute gehen allerdings davon aus, dass sich der Markt für Ersatzgewebe in zehn bis fünfzehn Jahren voll entwickelt hat.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 5 / 2001, Seite 114
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
5 / 2001

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 5 / 2001

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Weitere Informationen unter www.biotissue-tec.com