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Die Physikanten: Wissenschaft in Unternehmen: Wissenschaft als Kabarett



Hinter dem Vorhang surrt es laut, dann stakst ein Herr mit Hornbrille und Pullunder unsicher auf die Bühne – das kann nur ein Physiker sein. Er stellt einen Koffer auf einen Drehstuhl, doch schusselig, wie er ist, auf dessen Kante. Der Koffer wackelt, das Publikum erwartet, dass er fällt. Überraschung: Das Gepäckstück verharrt in einer Schieflage und plötzlich beginnt sich der Stuhl zu drehen. Die Zuschauer stoßen einander an. Fragende Blicke, Tuscheln. Ist das Zauberei?

Mitnichten. Die Show des Wissenschaftsvarietees "Physikanten & Co." funktioniert ohne doppelten Boden. Der diplomierte Physiker Marcus Hienz hat die Truppe Ende 2000 ins Leben gerufen, um graue Theorie in buntem Gewand auf die Bühne zu bringen und allgegenwärtige Kräfte sichtbar zu machen. Physik kann faszinieren – und Laien wie Fachleute, Erwachsene wie Kinder zum Lachen bringen. Die Zuschauer dürfen raten, welches physikalische Phänomen hinter dem Trick steckt. Zwei Lösungen geben ihnen die Physikanten vor. Und oftmals geht ein Raunen durch die Menge, wenn die Mehrheit falsch getippt hat. Hienz weiß: "Irgendein Experiment haben wir immer im Repertoire, auf das sogar Experten hereinfallen." Anders als herkömmliche Zauberer lüften die Physiker anschließend das Geheimnis des Showeffekts.

Foppen, Spaßen und viel Physik

Während des Studiums hatte Hienz bereits als Jongleur und Straßenartist Geld verdient. Die Kombination mit den Naturwissenschaften ist freilich eine ungewöhnliche Verbindung. Als einer der ersten Tricks entstand das Kofferexperiment. Im Inneren des Stahlkorpus rotiert ein mehrere Kilo schwerer Kreisel, den die Physikanten hinter der Bühne per Bohrmaschine in Schwung bringen (daher das Surren). Seinen Drehimpuls behält der Kreisel auch dann bei, wenn der Koffer gekippt wird. Stellt man ihn auf einen Drehstuhl, überträgt sich die Rotation auf das Sitzmöbel.

Die Physikanten treten zu zweit auf. Der eine mimt den verstaubten Forscher, der andere den peppigen Entertainer. Die beiden foppen sich, diskutieren und spaßen miteinander. Der Kontrast zwischen dem Wissenschaftler und seinem quirligen Kompagnon macht den Reiz der Show aus. Wenn der Physiker beginnt, von der Isotropie des Raumes zu schwafeln, rollt der andere die Augen – ein flotter Spruch dazu und ein Lacher ist ihnen sicher. Ganz nebenbei schütteln die beiden wissenschaftliche Erklärungen für ihre Bühnenexperimente aus dem Ärmel, die jeder versteht. Das ist entscheidend, denn die Zuschauer sollen begreifen, was geschieht. "Ich sehe unsere Arbeit als Teil einer aktuellen Bewegung, die versucht, Wissenschaft populär zu machen", sagt Hienz. Ganz offensichtlich geht das Konzept des Dortmunders auf. Die vergangenen drei Jahre waren gespickt mit Auftritten in Forschungsinstituten, Schulen, Industrieunternehmen oder bei Festivals.

Ebenfalls von Anfang an dabei ist das schwebende Boot. In einem Plexiglaskasten dümpelt geisterhaft ein Schiff aus hauchdünner Folie. Es schwankt, als treibe es auf Wasser. Aber da ist keine Flüssigkeit zu sehen. Während das Publikum den Fliegenden Holländer bestaunt, rufen die Physikanten selbstbewusst: "Vergessen Sie Copperfield!" Schließlich ist Physik keine Zauberei, kein inszenierter Bluff. Sie ist ganz real. "Was meinen Sie, stecken Auftrieb oder Magnetismus dahinter?" Die Erklärung folgt nach der Abstimmung: Der Kasten ist zur Hälfte mit Schwefelhexafluorid gefüllt, einem Gas, das etwa fünfmal dichter als Luft ist. Das reicht, um dem Boot Auftrieb zu geben.

Gute Show – viel Tüftelei

Stets reist ein Techniker mit, der die Show aus dem Effeff kennt und Knalleffekte richtig in Szene setzen kann. Etwa den zischenden Geysir, der auf die Minute genau mit lautem Fauchen Dampf ablässt. Das zwei Meter hohe Gerät besteht aus einem Glaskolben, auf dem ein langes Plastikrohr steckt. Beides ist mit Wasser gefüllt. Während der Show erhitzen kleine Bunsenbrenner das Wasser im Kolben. "Wie beim echten Geysir auf Island auch drückt die hohe Wassersäule auf das siedende Wasservolumen", erklärt Hienz. Durch diesen Druck erhöht sich die Temperatur im Kolben auf rund 104 Grad Celsius. Nach und nach schiebt der entstehende Dampf das Wasser aus der Säule, bis der Druck der Wassersäule schließlich so gering ist, dass sich das heiße brodelnde Wasservolumen schlagartig in Dampf verwandeln kann. Prustend bricht der Geysir aus.

Für die Idee seiner Wissenschaftsshow hat Hienz inzwischen mehrere Existenzgründer-Preise eingeheimst. Der eine bescherte ihm einen Halbtagsjob an der Universität Dortmund. Ganz ohne Lehrverpflichtungen kann sich Hienz dort bis 2004 seiner Show widmen. "Zum einen müssen wir Experimente finden, die auf der Bühne etwas hermachen. Zum anderen Geräte bauen, die richtig gut funktionieren, damit der Effekt tatsächlich deutlich wird." Das sei technische Detailarbeit, die Zeit und Geld koste.

Hienz hat sein Repertoire seit dem Start vor drei Jahren deutlich erweitert. Neben der Mechanik- gibt es eine Wassershow. Während der Wissenschaftstage "Physics on Stage" im holländischen Noordwijk (siehe Kasten) nutzte Hienz Videotechniken, um Fraktale entstehen zu lassen, jene abstrakten Muster, die aus immer gleichen Gebilden zu komplexen Strukturen wachsen. Die Themen regenerative Energie und Optik liegen derzeit noch in der Schublade – der Bau der Geräte würde zu viel Zeit schlucken. Gute Show-Physik gibt es zum Glück nicht von der Stange.


- Wer junge Menschen für die Physik begeistern will, muss diese spannend verpacken. Mehrere europäische Forschungseinrichtungen haben deshalb das Bildungsfestival "Physics on Stage" ins Leben gerufen. Eine Woche lang präsentieren Physiklehrer, -didaktiker und -dozenten aus 22 europäischen Ländern kreative Ideen, wie sich Physik packend vermitteln lässt. Im November 2000 fand "Physics on Stage" erstmals im Genfer Forschungszentrum Cern statt. Im vergangenen Jahr und in diesem November lud die Esa in ihre niederländische Zentrale in Noordwijk ein.

- Das Programm teilt sich in drei Rubriken. Dazu gehört eine Ausstellung, in der Lehrer und Schüler eigene Experimente oder selbst entwickelte Geräte zeigen, so etwa den Bausatz für ein Elektronenmikroskop. Größere Schulprojekte oder Unterrichtskonzepte werden in Plenarvorträgen vorgestellt – in diesem Jahr beispielsweise "From Science to Life", ein Projekt von vier Schulen aus Spanien, Italien und Deutschland, das den historischen Kontext von Entwicklungen aufzeigen will, die das alltägliche Leben beeinflusst haben. Zum Dritten gibt es ein Bühnenprogramm. Schülergruppen, Studenten und Lehrer zeigen dort Physik mit Aha-Effekt – etwa Karate-Physik: "Warum kann ein Körper harte Dinge zerschlagen?"

- Professionelle Künstler wie die Physikanten machen nur einen kleinen Teil dieser Performances aus. Wer mit dabei sein darf, entscheiden eine internationale Jury aus Vertretern der Forschungseinrichtungen und nationale Gremien. Zur deutschen Jury gehören unter anderem Physik- und Hochschullehrer, Vertreter der Deutschen Physikalischen Gesellschaft sowie der Bildungsbehörden.

- Bislang war "Physics on Stage" eine geschlossene Veranstaltung. In diesem Jahr öffnete das Festival seine Türen erstmals für einen Tag auch der interessierten Öffentlichkeit. Vom kommenden Jahr an sollen neben der Physik auch andere Naturwissenschaften in den Vordergrund rücken. Die Veranstaltung wird deshalb zukünftig "Science on Stage" heißen. Veranstaltungsort ist 2004 die Europäische Synchrotronquelle ESRF in Grenoble.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 12 / 2003, Seite 68
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
12 / 2003

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 12 / 2003

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